Auf dem Nachttisch – M*A*S*H

Liebe Leser,

da ja die Live-Saison (mit angezogener Handbremse) erst ab März beginnt, werden immer noch in der Republik die Archive der Streaminganbieter von Vielen auf der Suche nach Ablenkung vom tristen Pandemiealltag durchwühlt. Ich bin auch so ein Wühler. Und bei ebendiesem Wühlen stieß ich (neben vielem anderen) bei Disney+ auf die Serie M*A*S*H von 1972. Ich glaube mich zu erinnern, den Film MASH (auf welchem die Serie basiert) von Robert Altman aus dem Jahr 1970 irgendwann in meiner Jugend im Kino gesehen zu haben. Zumindest habe ich den jungen Donald Sutherland als Captain „Hawkeye“ Pierce noch als „echt coolen Typ“ abgespeichert. Aber die Serie? Mag sein, dass ich in den 1990ern die ein oder andere Folge im linearen Nachtprogramm bei Prosieben gesehen hatte, aber bleibenden Eindruck hat dies nicht hinterlassen. Nur so aus Interesse begann ich, die erste Staffel jetzt auf Disney+ zu schauen.

Und was soll ich sagen, Alda (siehe unten), die Serie ist – um es mit einem wirklich angestaubten Begriff aus dem alten Preußen zu beschreiben – ganz famos! Hat die erste Staffel noch viele Elemente einer Militärklamotte bzw. eine Comedy-Sitcom (inklusive eingespielter Lacher, zu denen es bei Disney+ leider keine Originalton-Alternative gibt), so ändert sich der Ton (also die Grundtendenz der Serie, leider nicht der (Audio-)Ton mit den Lachern aus der Konserve) zunehmend im Laufe der Zeit. Der Begriff Dramedy-Sitcom trifft hier spätestens ab Staffel 3 eher zu. Nach dem Verzehr der ersten beiden Staffeln habe ich mir (ebenfalls auf Disney+) den Altman-Film nochmals angesehen. Und mit etwa 40 Jahren Abstand hat sich meine Einschätzung MASH vs. M*A*S*H komplett gedreht. Während der Altman-Film eine meinetwegen subversive, aber aus heutiger Sicht zutiefst misogyne und homophobe, zudem zumeist alberne Militärklamotte ist, wandelt sich M*A*S*H nach wenigen Folgen zu einer zwar noch comedyhaften, aber zunehmend tiefsinnigen Serie mit markanten und gut ausgearbeiteten Charakteren, die im Gedächtnis bleiben. Neben den guten Skripts verdankt M*A*S*H dies vor allem seinen herausragenden Schauspielern, insbesondere Alan Alda (siehe oben – der Kalauer musste sein), Wayne Rogers, McLean Stevenson (in seiner Rolle als Lieutenant Colonel Henry Blake mein persönlicher Favorit!), Loretta Swit, Mike Farrell und nicht zuletzt Gary Burghoff. Aber auch der Rest der Stammbesetzung und die unzähligen Neben- und Gastdarsteller leisten fantastische Arbeit. 

Ich habe inzwischen eine nicht unerhebliche Menge an Comedy- aber auch Dramedy-Serien gesehen, insbesondere natürlich auch solche, die mit Krankenhäusern oder auch Ärzten zu tun haben. Bei meinen persönlichen Favoriten wie „Scrubs“ oder „Dr. House“ erkenne ich nicht zu selten Parallelen, sei es in der Handlung oder in den Charakteren, die ihren Ursprung ganz offensichtlich in M*A*S*H haben.

[Eine kleine Anmerkung zur Serie „Scrubs“, für die sich ein eigener Beitrag lohnen würde. Aber Ihr wisst ja, ich komme eh zu nix… Als meine Lieblings-Serie bei Amazon-Prime zum Streamen bereit gestellt wurde, hatte ich mich sehr gefreut, da es nun möglich war, ohne großes DVD-Herauskramen und Kabel-Umstecken schnell mal zwischendurch eine oder mehrere Folgen zu genießen. Ich begann umgehend mit Staffel 1. Doch irgendwie fühlten sich die Folgen bei weitem nicht mehr so witzig oder auch dramatisch an, wie ich sie in Erinnerung hatte. Bis es mir auffiel (ich habe das später auch noch im allwissenden Netz verifiziert): Die Musik stimmt nicht! Amazon hat wohl die Rechte an Bild und Ton von „Scrubs“ erworben, offenbar aber eben die für den (sehr gute und ikonischen) Soundtrack. Statt dessen setzt man an den markanten Stellen irgendein belangloses Pop-Gedudel. Und das funktioniert für mich überhaupt nicht. Dann lasse ich es lieber und krame die alten DVDs wieder heraus. Klammer zu.]

Statt „Scrubs“ also wieder rein in M*A*S*H. Der für den Kinofilm von Johnny Mandel (“ The Shadow of Your Smile“) geschriebene Song „Suicide Is Painless“ dient auch der Serie als jeweiliges Intro pro Episode. Auch die ansonsten (zumindest in den ersten Staffeln) eingesetzte Musik, wurde von Mandel geschrieben. Das hört man übrigens, der Soundtrack ist (jedenfalls bis Staffel 4, weiter bin ich noch nicht) fantastisch!

Wer also von Euch, liebe Leser, wie ich in den 1990ern eben nicht die einzelnen Folgen von M*A*S*H gesehen hat und über ein Disney+ Abo verfügt, dem lege ich diese tolle (wenn auch bereits 50 Jahre alte) Serie ans Herz. Achtung, sie hat meines Erachtens hohes Suchtpotential! Wikipedia weiß: „Die M*A*S*H-Schlussfolge vom 28. Februar 1983 hatte mit 77 % die bis heute höchste Einschaltquote einer Fernsehserie in den Staaten. Im Schnitt sahen diese Folge etwa 106 Millionen Zuschauer (insgesamt 121 Millionen).“ Ich verstehe zwar nicht, was hier „im Schnitt“ bzw. „insgesamt“ bedeutet, aber in jedem Fall mehr als 100 Millionen Zuschauer. Das ist doch mal eine Hausnummer!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

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Auf dem Nachttisch – Facing Ali

Liebe Leser,

ich schreibe wirklich zu wenig in diesem Blog. Sorry. Es ist verblüffend, wie wenig Zeit bleibt, obwohl man pandemiebedingt nur äußerst selten auf die Bühne kommt. Aber nun zu etwas ganz anderem…

Am 17.01.1942 wurde Muhammad Ali in  Louisville, Kentucky als Cassius Clay geboren. Er hätte also gestern seinen 80. Geburtstag gefeiert, wenn er nicht 2016 gestorben >>> wäre. Ali war eine Ikone meiner Kindheit und Jugend. War ich 1971 beim wirklich legendären „Kampf des Jahrhunderts“ noch zu klein, um diese epische Ringschlacht (welche übrigens tatsächlich der damals amtierende Weltmeister Smokin‘ Joe Frazier gewann) live in den frühen Morgenstunden anzuschauen, habe ich seit dem ebenso legendären „Rumble in the Jungle“, bei dem sich Ali den WM-Gürtel gegen den 1974 wirklich übermächtigen George Foreman zurückholte, keinen Kampf des „Größten“ bis zu seinem endgültigen, auch Parkinson-bedingten, Rücktritt verpasst. Mit Ausnahme seines letzten Gefechts 1981 gegen Trevor Berbick auf den Bahamas. Diese grausame Demontage der einst so strahlenden Legende wollte ich mir dann doch nicht antun.

Natürlich habe ich inzwischen dank der großen Videoplattform, deren Name nicht genannt werden muss, inzwischen alle nur erdenklichen Biografien, Dokumentationen über und natürlich auch alle Kämpfe von Muhammad Ali gesehen, manchmal geschnitten und kommentiert, meist jedoch, falls verfügbar, in voller Länge. Da ich auch die Karrieren und die Lebens(ver)läufe seiner einstigen Rivalen, insbesondere die von Joe Frazier, George Foreman, Ken Norton und Larry Holmes recherchiert und verfolgt habe, fühlte ich mich bezüglich der Protagonisten der Goldenen Ära des Schwergewichts durchaus gut informiert.

Als nun anlässlich des 80. Geburtstags von Ali die Öffentlich-Rechtlichen ihre Mediatheken mit neuen und alten Dokumentationen luden, habe ich die 4 x 2-Stunden Dokumentation „Muhammad Ali“ in der Arte-Mediathek mit dem wohligen Gefühl genossen, die meisten Fakten eben bereits zu kennen und mein Wissen mit der Chipstüte in der Hand ohne größere Aufmerksamkeit vertiefen zu können.

Und weil das so schön war und Kindheitserinnerungen weckte, sah ich mir im Folgenden auch noch die zweite Dokumentation der Nacht »Facing Ali« von Pete McCormack an, eine Uraufführung im deutschen Fernsehen. Und die ist wirklich sensationell! Der „Spiegel“ schreibt:

Sich Ali wirklich zu nähern, das haben vielleicht nur diejenigen geschafft, die ihm auch körperlich am nächsten kamen: seine Gegner. Die Geschichte Alis ist auch immer die Geschichte seiner Kontrahenten, Joe Frazier, Foreman, Ken Norton, Leon Spinks, Larry Holmes. Die von ihm verprügelt wurden, oder die ihn selbst verprügelten wie Holmes in jenem Fight 1981, in dem Ali nur noch Mitleid erregte.

[Kleine Anmerkung: Der Holmes-Kampf war 1980, 1981 fand Alis tatsächlich letzter Kampf gegen Trevor Berbick statt, siehe oben. Schämt Euch, Ihr Patzer vom Spiegel!]

Dennoch, das Aufgebot an ehemaligen Gegnern von Ali ist gewaltig, namentlich die Weltmeister Joe Frazier (+2011), Ken Norton (+2013), George Foreman, Larry Holmes, Leon Spinks (+2021) und Ernie Terrell (+2014) sowie die Weltranglistenboxer Ron Lyle (+2011), Earnie Shavers, Henry Cooper (+2011) und George Chuvalo. Die bedeutendsten Schwergewichtsboxer von 1965 bis 1985 in einer einzigen Sendung! Jeder dieser herausragenden Kämpfer wird kurz vorgestellt (samt seiner zumeist erschütternden Biografie) und spricht dann über seine Kämpfe gegen und sein Verhältnis mit Muhammad Ali. Wenn auch viele dieser Boxer in ihren letzten Jahren unter Dementia Pugilistica oder anderen durch permanente Schläge hervorgerufenen Krankheiten litten oder noch leiden, sind sie in diesem Beitrag noch allesamt sprachlich und geistig auf der Höhe. Und ihre Erzählungen werden nicht von einem eifrigen Interviewer gesteuert und sind auch nicht geschnitten. Ali hat neben seinen Schlägen im Ring immer auch verbal heftig ausgeteilt, bisweilen unter der Gürtellinie, was insbesondere Joe Frazier sein Leben lang verfolgte (ich bin übrigens seit einigen Jahren glühender Smokin‘-Joe-Fan – was ein faszinierender Kämpfer!) und mit Sicherheit zu mehr als einer Depression bei dem tapferen Mann aus Philadelphia geführt hat. So kommen in den Schilderungen von Alis Rivalen auch durchaus unbequeme Wahrheiten oder zumindest Sichtweisen auf den Tisch, seien es zu kurze Counts (Ali-Foreman 1974), ungerechte Punktrichter (Ali-Norton III 1976) oder vorzeitige Abbrüche (Ali-Lyle 1975) u. v. m.

Und dennoch: Alle (mit Ausnahme des muffigen Ernie Terrell) tragen Ali diese Dinge nicht nach und reflektieren offen und ehrlich, dass sie allesamt ihre eigenen Karrieren der Existenz eines Muhammad Ali verdanken. Nicht nur Ken Norton dankt Ali dafür, dass er ihm die Chance auf ein besseres Leben durch die Kämpfe geschenkt hat. Alle (auch Joe Frazier und Ernie Terrell) haben für den zum Zeitpunkt der Aufzeichnung schon schwerst erkrankten Ali nur beste Wünsche und lobende Worte. Es ist eine zutiefst bewegende Verbeugung seiner ehemaligen Rivalen vor dem „Größten“.

Zwei kleine Nörgeleien zum Schluss. Auf den Boxer Sir Henry Cooper hätte man meines Erachtens verzichten können, da er zwar zweimal mit Ali im Ring stand, aber – schon aufgrund seiner Herkunft aus Großbritannien – kein persönliches Verhältnis zu diesem aufgebaut hatte und somit eher aus dem Kreis der mit Ali auch durch ihre Lebenslinien verbundenen Rivalen herausfällt. 

Und schließlich ist die deutsche Synchronisation, die auch versucht, Wortgefechte z. B. zwischen Ali und Frazier schmissig simultan zu übersetzen, oft nicht gelungen und zum Beispiel im Fall von Leon Spinks einfach respektlos. Leider gibt es keine Originalversion in der Mediathek.

Nichtsdestotrotz ist „Facing Ali“ eine der besten Dokumentationen, die ich bis dato über Muhammad Ali gesehen habe, insbesondere, weil es auch einen Blick auf seine großartigen Rivalen ermöglicht, die Alis strahlende Karriere erst ermöglicht haben. Beispielhaft für diesen Zusammenhang zwischen Ali und seinen Gegnern im Ring stellt Ken Norton völlig zutreffend fest: Ali holte das Beste aus Frazier heraus und Frazier das Beste aus Ali.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Guitar Moments

Liebe Leser,

in den heutigen Zeiten ist ein CD-Release eine triste Sache, also zumindest bis dato. Vielleicht kann man ja im Herbst mit 2G oder 3G Regel bei Veranstaltungen was machen. Wir werden sehen. Zudem ist der Gesamtausstoß der Branche ja seit Beginn der Pandemie immens, so dass man mit einem weiteren Tonträger aus dem Genre Jazz sicher nicht auf irgendwelchen Top-Listen erscheinen wird. Dennoch. Die Gelegenheit, mit einem Joe Bawelino, der auf eine illustre und mehr als 60-jährige Karriere zurückblicken kann, ein paar Songs auf Datenträger zu brennen hat man nicht zu oft im Leben. Nach einer Aufnahmesession bei Clemens Bröse (vielen Dank!), Mixing und Mastering im Tonstudio Success bei Oskar Schrems (vielen Dank!), allerhand Layout und Gefrickel am Artwork, hat mir HOFA-Media wie schon diverse Male vorher schnell und komplikationsfrei einen Karton mit vielen schönen CDs geliefert!

Nun sind Gitarren-Duos gerade im Jazz nichts Besonderes, die gibt es wie Sand am Meer. Doch ich erlaube mir, die Kombination aus einem ungemein wendigen (dieses Attribut trifft es besonders schön) und kreativen Bebop-Gitarristen mit einem erfahrenen Fingerstyler als durchaus selten und auch bemerkenswert zu bezeichnen. Wir hauen schon einen gewaltigen Sound aus unseren Gitarren, was wir auch schon mehrfach live unter Beweis gestellt haben.

Alle Songs auf der CD sind Teil meines Solo-Repertoires und zumeist auch schon auf Tonträger veröffentlicht, eben solo im Fingerstyle. Doch die Zusammenarbeit mit Joe Bawelino hebt das Niveau auf ein höheres Level. Er schöpft für seine Soli aus einem schier unerschöpflichen Vorrat an Ideen und seine Technik ist ohnehin superb. Und ich? Naja, ich spiele ohnehin zumeist großartig… 😉

Eingespielt (und dann tatsächlich veröffentlicht) haben wir

Secret Love von Sammy Fain aus dem Jahr 1953, einen flotten Swing-Klassiker mit schöner Hookline. 

Es folgt das unsterbliche Body and Soul (1930, Jerry Green), welches wir nach einem schönen Intro von Joe als Bossa Nova darbieten. 

Luiz Bonfá schrieb 1959 für den Film Orfeu Negro den gleichnamigen Song, dessen englischer Titel Black Orpheus bei uns etwas verbreiteter ist. So mancher Gitarristenkollege hat angesichts meiner Fingerstyle-Interpretation dieses Klassikers das Mitspielen verweigert. Ernsthaft. Joe Bawelino kennt solche Berührungsängste nicht. Er reichert mein opulentes Spiel des Themas sogar noch mit einer wirklich fantastischen Begleitung an und gibt im langen Solo wirklich alles! 

Der berühmte Schnuckenack Reinhardt schrieb etwa im Jahr 1960 den Song Me Hum Mato (aus dem Romanes übersetzt „Ich bin besoffen“ – was ein schöner Titel!), obligatorischer Bestandteil des Repertoires jeder Sinti-Jazz-Formation mit Geige, natürlich auch des Romeo-Franz-Ensembles, bei welchem Joe seit vielen Jahren die Solo-Gitarre spielt. Ich habe mich ausnahmsweise zu einem Chorus Solo überreden lassen. 

Keine CD ohne Gershwin-Titel! Wir spielen eine flotte Version von Oh, Lady Be Good (1924). 

Alle Ikonen der Jazzgitarre haben ihre Version des 1944er Hits Moonlight in Vermont von Karl Suessdorf aufgenommen. Auch Joe zählt diese Ballade zu seinen Lieblingsstücken, welche ich nur zu gerne auf unserer Scheibe begleite.

Schon seit vielen Jahren spiele ich You Don‘t Know What Love Is (1941 von Gene De Paul geschrieben), zumeist als Blues, aber auch gerne als Bossa Nova. Das hier vorliegende Arrangement ist allerdings von Joe Bawelino (von einer früheren Aufnahme seines Quintetts) und mein absoluter Favorit. Kurz und knackig!

Auf meiner hochgelobten CD dreipunktnull ist meine Solo-Version von Caravan (von Duke Ellington 1936 geschrieben), von der ich dachte, sie sei nicht zu toppen (Spaß!). Aber Joe treibt mit seinem energischen Spiel die Karawane nochmals heftig voran.

On the Sunny Side of the Street (1930, Jimmy McHugh) ist ein gut gelaunter Swing-Klassiker, welchen wir ebenso gut gelaunt interpretieren.

Zum Ausklang geben wir noch eine schöne Version des Antonio-Carlos-Jobim-Klassikers aus dem Jahr 1967 Wave, ein Bossa Nova zum Abschied.

Für einen (einzigen) Tag im Aufnahmeraum haben wir meines Erachtens eine durchaus beeindruckende Scheibe produziert. Und der stolze (und musikalisch kompetente) Besitzer JL der Guitar Moments hat mir geschrieben, „sie ist nie langweilig und macht Spaß beim Hören“. Na, das ist doch ein schönes Kompliment eines Musikerkollegen.

Wer von Euch Interesse an der tollen CD Guitar Moments von Bawelino & Brunner hat, schreibe mir auf den üblichen Kommunikationswegen und ich werde die CD umgehend verschicken. Sie kostet nur 10 € plus 2 € Versand. So viel gute Musik für so wenig Geld!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch – Bossa Nova von Ruy Castro

Liebe Leser,

seit etwa einem Jahr bin ich – wie hier im Blog schon mehrfach erwähnt – der Bossa Nova ernsthaft verfallen. Und wie so oft reicht es nicht, sich ein paar Aufnahmen anzuhören und ein Songbook durchzuarbeiten. Insbesondere, wenn Letzteres so schlecht ist, wie dieses >>>. Da krieg ich mich gar nicht mehr ein!

Wenn man sich etwas intensiver mit der Musik und dem Phänomen der Bossa Nova befasst, stellt man schnell fest, dass dies weit mehr als eine kurzfristige musikalische Modeerscheinung oder gar ein (gottseidank kurzlebiger) Tanz ist.

Nun hat mir der Buchhändler meines Vertrauens LK bei buch2003 >>> ein Buch (ja, so richtig aus Papier) empfohlen und verkauft, das ich an dieser Stelle gerne bespreche: Bossa Nova, The Sound of Ipanema, von Ruy Castro. Dieses Buch ist ein echter Knaller!

Auf knapp 400 Seiten (wobei die letzten 50 für eine Auswahldiskografie, ein Literaturverzeichnis und einen gepflegten Index verwendet werden) schildert Ruy Castro den Werdegang der wichtigsten Protagonisten der Bossa Nova, insbesondere den von João Gilberto, Antônio Carlos Jobim und Vinícius de Moraes. Wobei auch die unzähligen anderen Mitstreiter in diesem wirklich umfassenden Buch nicht zu kurz kommen.

Dabei sind die Geschichten und Anekdoten, die sich um die oben erwähnten und eine unendliche Zahl anderer Helden der Bossa Nova ranken, stets ungemein unterhaltsam erzählt, mit einer immensen Anzahl an Beteiligten samt wiederum deren jeweilige Hintergrundgeschichten. Zum Beispiel ist Kapitel 3, welches die Jahre João Gilbertos ab 1950 in Rio beschreibt, so prall gefüllt mit Personen, Ereignissen, Hintergrundinformationen zu diesen Ereignissen und skurrilen Anekdoten, dass einem nahezu der Kopf platzt. Allerdings war ich schnell vom schmissigen und temporeichen Stil Ruy Castros überzeugt. Man hat den Eindruck, dass er bei wirklich allen wichtigen Initiationsereignissen der Bossa Nova entweder als Augen- und Ohrenzeuge dabei war oder mindestens eine oder gar mehrere Video- und Audioaufnahmegeräte am jeweiligen Ort des Geschehens installiert hatte. Ich glaube ihm jedes Wort!

Auch das (oder „die“ weil „die Enzyklopädie“?) von mir hochgeschätzte Wikipedia nennt bei nahezu allen Artikeln zum Thema Bossa Nova dieses Buch als Quelle, oft als einzige. 

Das Buch umspannt die Jahre 1949 bis 1967 und endet (vor dem höchst informativen Epilog) mit den Sätzen:

Die Bossa Nova fühlte sich zu Hause nicht mehr wohl, sie nahm ihren Hocker und ihre Gitarre und schlich sich davon.

Zum Glück wusste sie, wohin sie gehen konnte: hinaus in die Welt.

Grandiose Worte zum Abschluss eines meines Erachtens ebenso grandiosen Buches!

So bleibt mir zum Schluss nur eine klare Kaufempfehlung! Bossa Nova, The Sound of Ipanema, Ruy Castro, erschienen im Hannibal Verlag, 391 Seiten. Die gebundene Ausgabe kostet 29,99 €. Wegen der schönen Schwarzweiß-Fotos ziehe ich diese der Taschenbuchausgabe vor, auch wenn man da ein paar Euros sparen würde.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Ranking aller Pixar Filme

Liebe Leser,

in Pandemie-Zeiten wird ja noch mehr geguckt als ohnehin schon. Und so hat sich unsere Familie zu Weihnachten 2020 neben den schon fast zum Standard gehörenden Netflix und Amazon Prime auch noch ein Disney+ Abo gegönnt. Und? Für Restaurant-, Konzert- oder Biergartenbesuche kann man das Geld ja nicht ausgeben, also – was soll’s? Das war vom Timing her zudem ziemlich gut, denn kurz nach Heiligabend wurde der neueste Pixar-Animationsfilm Soul bei Disney+ uraufgeführt und als Pixar-Fans der ersten Stunde wollten wir allesamt diese Premiere nicht verpassen.

Eine Rezension über Soul hätte ich ohnehin geschrieben, aber beim Review im Kreise der ohnehin sehr cineastischen Familie kam zum wiederholten Male die Diskussion über die Einordnung des jeweils letzten (aktuellen) Pixar-Films in das bis dato bestehende Gesamtwerk auf, gefolgt von dem Versuch eines Rankings aller (abendfüllenden) Pixar-Filme nach ihrer… sagen wir: Qualität. Eine sehr subjektive Sache, klar. Zudem haben dies schon vor mir einige Menschen getan. Aber ich konnte nie in allen Bewertungen übereinstimmen, so dass ich mich entschloss, der Welt ein weiteres Ranking zu schenken, auf welches sie sicherlich auch nicht gewartet hat.

Die Zusammenstellung aller Pixar-Filme samt ihrer Veröffentlichungsjahre ist keine große Sache. Da hilft Wikipedia immens. Und da ich die meisten dieser Filme jeweils bestimmt ein halbes Dutzend Mal gesehen habe, würde wohl ein Ranking keine große Sache sein. Dachte ich mir so.

Die TOP5 und die schlechtesten Filme aus dem Hause Pixar sind schnell gerankt, über die genauen Positionen in der Liste mag man trefflich streiten. Aber im Mittelfeld wird es tricky. Filme, die ich als wirklich berührend und toll empfand, mussten sich angesichts der Konkurrenz aus dem eigenen Haus mit einem Platz im Mittelfeld begnügen. Insbesondere die beiden Produktionen Soul (2020) und Alles steht Kopf (2015) hatte ich so aus dem Bauch heraus als Top-Filme von Pixar gespeichert. Aber die Messlatte hängt hoch. Im direkten Vergleich mit den anderen Filmen stieß mir dann doch die eine oder andere Länge etwas auf und sie landeten unerwartet nur auf Platz 10 und 11.

Hier nun erst einmal mein subjektives Ranking, von gut nach schlecht, dann ein paar Anmerkungen:

1 2007 Ratatouille

2 2008 WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf

3 2017 Coco – Lebendiger als das Leben!

4 2004 Die Unglaublichen – The Incredibles

5 2003 Findet Nemo

6 2009 Oben

7 2010 Toy Story 3

8 2001 Die Monster AG

9 2013 Die Monster Uni

10 2020 Soul

12 2015 Alles steht Kopf

11 2018 Die Unglaublichen 2

13 2006 Cars

14 1999 Toy Story 2

15 1995 Toy Story

16 1998 Das große Krabbeln

17 2019 A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

18 2017 Cars 3: Evolution

19 2020 Onward: Keine halben Sachen

20 2015 Arlo & Spot

21 2012 Merida – Legende der Highlands

22 2016 Findet Dorie

23 2011 Cars 2

Bei den Anmerkungen zu obigem Ranking muss ich natürlich auf den Inhalt des jeweiligen Films eingehen, was zu — SPOILERN — führt. Ich habe Euch also hiermit gewarnt!

Beim Schreiben der nun folgenden Erläuterungen erschien mir die Einführung einer Untergruppierung sinnvoll. Ich war mir zwar über die Einstufung einer tiefer stehenden Gruppe als „nicht ganz so gut wie die darüber“ ziemlich schnell klar, nicht aber über das Ranking innerhalb dieser jeweiligen Gruppe. 

Ob ich Ratatouille oder WALL·E als Nummer 1 ansehe, ist eine knappe Sache. Beide Filme sind echte Meisterwerke, die ich immer wieder aufs Neue genießen kann. Meiner Meinung nach das Beste, was Pixar bis dato geschaffen hat. 

In der Gruppe mit Coco, Die Unglaublichen, Findet Nemo und Oben hat mich Coco am meisten beeindruckt, insbesondere nach einigen Dürrejahren von Pixar. Dass es in Coco neben den üblichen Themen wie Familie, Tradition und Loyalität auch um mitreißende Musik geht, mag mich beeinflusst haben. Wer weiß das schon? Die Unglaublichen ist ein spannender und sehr witziger Action-Animationsfilm („der beste Superhelden-Film“) im schicken Sixties-Style und Findet Nemo ein spannender Familien-Abenteuerfilm mit den witzigsten Sidekicks im ganzen Pixar-Universum. Mehr Disput gibt es über die Einordnung von Oben.

Die erste Viertelstunde, in der das Leben des zum Einsetzen der Haupthandlung greisen Mr. Fredricksen Revue passiert, ist ohne ein gesprochenes Wort seitens des Hauptdarstellers dennoch ein Meisterwerk und herzzerreißend. Der Übergang in einen Abenteuerfilm im Folgenden kann dieses absolute Top-Niveau nicht halten, ist aber immer noch spannend, rührend und dank der knuddeligen tierischen Akteure Oberklasse. Nebenbei: Dug ist der süßeste Hund überhaupt! Viele Rezensenten ranken Oben hinter anderen Pixar-Filmen. Ich aber liebe diesen Film und setze ihn an Nummer 6!

In der Gruppe mit Toy Story 3 und den beiden Monster-Filmen zeigt sich, dass bisweilen auch eine Fortsetzung an das Original heranreichen kann oder es sogar übertrifft. Die Schlussszene von Toy Story 3 ist (ja, natürlich ist das Kalkül) ein wirklich tiefer Moment und lässt nur die abgebrühtesten Rezensenten kalt. Auch ansonsten ist dieser Streifen der Beste der immerhin vierteiligen Reihe. 

Obwohl die Monster AG inzwischen tatsächlich 20 Jahre auf dem Buckel hat, ist es ein sehr witziger Film mit einer wirklich innovativen Idee. Ob man das gelungene Prequel Die Monster Uni jetzt etwas stärker oder etwas schwächer wertet, ist marginal. Wir haben in der Diskussion im Familienkreis festgestellt, dass wir wohl die meisten Gags und Zitate, mit denen wir im Alltag gerne um uns werfen, aus der Monster Uni entnommen haben. Die müssen daher wohl allerhand richtig gemacht haben.

Die Plätze 10 bis 12 sind sehr interessant. Alle drei dort platzierten Filme wurden unglaublich gehypt und auch von der Kritik hoch gelobt. Und dennoch finden sie sich gerade im Mittelfeld des Pixar-Gesamtwerks. Was ist da los?

Dem 2020er Pixar-Film Soul, welcher aufgrund der Pandemie gar nicht erst in den Kinos gezeigt wurde, sondern im Dezember 2020 auf Disney+ seine Premiere hatte, fieberte ich schon nach dem Release der ersten Trailer und Teaser entgegen. Dies war sicherlich auch ein Grund (nicht der einzige) für unser Disney+ Abonnement. Die Story war schon recht früh bekannt (Musiker bekommt endlich die Chance auf den Gig seines Lebens, verunfallt aber vorher tödlich, findet sich auch im Jenseits nicht mit dieser Ungerechtigkeit ab und… den Rest verrate ich nicht) und ich war auch gleich angefixt. Die Animationstechnik von Soul ist superb! Fotorealistische Szenarien, ein toller Soundtrack und sehr knuddelige Darsteller, ob menschlich, tierisch oder transzendent. Und ich gebe zu, dass gerade die Szenen, die sich um die Vorstellung des Protagonisten von „Musik als Berufung“ drehen und sein Hadern mit seinem realen Leben als Musiklehrer und verkanntes Genie, wirklich stark sind. Doch zwischendurch (mit allerhand Slapstick, Bodyswitch und ausgetauschten Weisheiten) schleichen sich auch einige Längen ein. Zudem frage ich mich bisweilen (das gilt übrigens auch für Alles steht Kopf), ob ich zu doof bin, die philosophischen Dialoge zu verstehen, oder diese eben wirklich nicht so gehaltvoll sind, wie sie klingen. Summa summarum gefallen mir die weiter vorne platzierten Filme einfach besser.

Im besagten Alles steht Kopf finden sich neben wirklich klugen und sehr witzigen Innensichten der Protagonistin (und menschlichen Psyche) sowie einigen berührenden Momenten eben auch wieder allerhand Leerlauf und auch ein paar Logik-Löcher. Guter Film, aber eben keiner der besten.

Die Unglaublichen 2 ist ein echtes Sequel. Pixar hat sich für diese Fortsetzung ganze 14 Jahre Zeit gelassen und allerhand Fan-Service betrieben. Technisch perfekt und auch ordentlich spannend sind viele Gags eben doch aus dem 2004er Film übernommen oder doch zumindest inspiriert. Zudem ist der Antagonist „Syndrom“ aus dem ersten Teil um Klassen stärker als derjenige der Fortsetzung.

Ich mag Cars und der Culture-Clash zwischen dem weltbekannten NASCAR-Rennauto und den hinterwäldlerischen Autos irgendwo im Grand Canyon (?) macht Spaß, aber es ist eine sehr amerikanische Welt, die dort gezeigt und gefeiert wird. Mich interessieren im echten Leben weder NASCAR-Rennen noch Autos allgemein sonderlich.

Die Plätze 14 bis 16 sind mit guten Filmen besetzt, welche allesamt eine gute, witzige und spannende Story haben. Aber mehr als 20 Jahre (alle drei Filme sind aus den 1990ern und waren stilbildend!) sind in der Welt der Animationsfilme eine lange Zeit.

Nun kommen wir zu den Plätzen, auf denen sich Filme finden, welche zwar nicht wirklich schlecht sind (davon gibt es zugegebenermaßen wenige bei Pixar), die aber keinen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Meine Tochter hat beispielsweise die Aufgabe gestellt, den Inhalt von Toy Story 4 kurz zusammenzufassen. Es ist mir nicht gelungen, was gegen eine gute Story spricht! Auch Cars 3 und Onward sind keine schlechten Filme, aber eben deutlich schwächer, als die vorher aufgeführten.

In der letzten Gruppe geht es mit zwei Filmen los, die man anschauen kann, aber nicht muss. Arlo & Spot ist ein Kinderfilm mit oft erhobenem pädagogischen Zeigefinger und Merida… ach ja. Es ist schwer zu sagen, was mir genau nicht gefällt, aber etwa ab der Hälfte des Films ist mir das Schicksal der Protagonisten schlichtweg egal. Das ist kein gutes Zeichen…

Auf Platz 22 ist mit Findet Dorie ein Film gelandet, an dem mich neben seinem viel zu häufig überdrehten Plot vor allem stört, dass er die Gier der Produzenten, wirklich jeden möglichen Dollar aus der Findet-Nemo-Story rauszuquetschen, nicht einmal ein wenig versucht zu kaschieren. Ich darf das als den „Bibi und Tina-Effekt“ bezeichnen. Man nehme ein paar Trigger-Begriffe für heranwachsende Mädchen (hier: Zaubern, Pferde, Jungs, Internat…) und verbinde dies mit wirklich hanebüchenen Storys, fertig ist die Gelddruckmaschine. Eben das hat man mit den liebenswerten Protagonisten aus Findet Nemo für das Sequel Findet Dorie getan. Alle halbgar in einen Topf und schnell umgerührt. Nebenbei ist das bei den fischlichen Protagonisten keine schöne Metapher. Dennoch: Unangenehmer Nachklapp mit eindeutig gieriger Absicht!

Cars 2. Das Ende! Ich habe Cars 2 genau einmal gesehen, war von der völlig konfusen Handlung überfordert, habe den Agenten-Twist nicht verstanden und die Story längst vergessen. Ich kenne keine Person (die dem Kindergartenalter entwachsen ist), die diesen Film mag. Das mag daran liegen, dass er eben wirklich schlecht ist.

Das, liebe Leser, war mein persönliches, subjektives Ranking aller abendfüllenden Pixar-Filme. Wie seht Ihr das? Schreibt mir gerne Eure Meinung in die Kommentare. Am schönsten wäre diese Diskussion bei einigen Bierchen nach einem Kinobesuch. Es sieht allerdings in nächster Zeit weder nach Kino, noch nach Bierchen in der Kneipe aus.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Fleckenteufel

Liebe Leser,

in der unerwartet (Ihr wisst schon: Corona … zweiter Lockdown … warum habe ich da eigentlich keine Zeit? Seltsam, aber so ist es …) hektischen Vorweihnachtszeit schaffe ich meine Ich-veröffentliche-dienstags-einen-Beitrag-Vorgabe nicht. Zudem möchte ich den erfolgreichen Beitrag Harmonielehre für Gitarre 2020 auch nicht vom Spitzenplatz des Blogs verdrängen. Ja, ich weiß, dies kann man in WordPress konfigurieren, dennoch. Zudem kann ich so auch an dieser Stelle auf mein Gige-Weihnachts-Bundle hinweisen, welches aus den Komponenten Buch Harmonielehre für Gitarre, CD dreipunktnull plus CD Gige plays Bossa Nova besteht und gerade mal 40,00 € kostet, wobei ich den Versand auch noch drauf lege. Pünktlich zu Heiligabend wird womöglich etwas knapp (ich denke, die Zusteller haben schon Mitte letzter Woche kapituliert), aber die Sachen verderben ja nicht.

Zum Thema:

Heute mal wieder eine Rezension. Gelesen und vor allem gehört habe ich Fleckenteufel von Heinz Strunk (bürgerlich Mathias Halfpape). Als bekennender Strunkianer ist dies nichts, was besonderer Erwähnung würdig wäre, doch hier geht es um die zweite, überarbeitete Auflage des Büchleins von 2018. Nun verhielt es sich so:

Im Jahr 2008 veröffentlichte Charlotte Roche ihren berühmt-berüchtigten Erstlingsroman Feuchtgebiete, welcher tatsächlich im selben Jahr auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste aufstieg, welchen ich aber bis dato nicht gelesen habe. Der rührige Rowohlt-Verlag wollte offensichtlich auf der Erfolgswelle mitschwimmen und veranlasste den eindeutig für tabulose Fremdschämschilderungen zuständigen Haus-Autor Heinz Strunk, sein zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichtes Werk Fleckenteufel diesbezüglich aufzupeppen. Ich bin mir sicher, dass Fleckenteufel zunächst ein weiterer halb-autobiografischer Roman mit Jugenderinnerungen des Autors von Fleisch ist mein Gemüse war, der nun eben um allerhand unappetitliche Details der Verdauung und Anatomie des jugendlichen Protagonisten ergänzt wurde, „weil das jetzt gerade angesagt ist!“ Oder so ähnlich. Ich kaufte mir das Buch samt Hörbuch, damals letzteres allerdings für das iPhone.

Zunächst der Inhalt: Der 16jährige Thorsten Bruhn fährt in den Sommerferien des Jahres 1977 auf eine evangelische Kirchenfreizeit nach Scharbeutz an der Ostsee, zusammen mit einem Rudel Gleichaltriger beiderlei Geschlechts und einigen Erwachsenen. Geleitet wird das Ferienlager von Pastor, Diakon und Gemeindehelfer der heimatlichen Kirchengemeinde. Strunk schildert die (zumeist trivial scheinenden) Begebenheiten und Ereignisse während der Freizeit, aus der Sicht des Sechzehnjährigen als Ich-Erzähler.

Das alles klingt unspektakulär und so bleibt es auch. Aber wie bei vielen Büchern von Heinz Strunk verbindet mich die persönliche Erfahrung (ich bin zudem fast Altersgenosse) mit den geschilderten Geschehnissen. Ich selbst war zwischen den 1970er und 1980er Jahren auf vielen Jugendfreizeiten bzw. Zeltlagern und kann bestätigen, dass diese tatsächlich für eine jugendliche Seele bzw. den Pubertierenden durchaus prägenden Einfluß haben können. Da Heinz Strunk dies auch in anderen Werken erwähnt, darf man seine Schilderungen also zumindest teil-autobiografisch werten.

Seine Beschreibung des Verlaufs der christlichen Freizeit, über die Anreise, die stete Bemühungen des Erzählers, in der Gruppe sozialen Anschluss und eben auch seinen Platz zu finden (was tatsächlich unter Jugendlichen in solchen Situationen essentiell ist), die unzähligen, zumeist kompetitiven Freizeitbeschäftigungen und dabei die oft ziemlich emotionale und eben pubertäre Gedankenwelt eines Sechzehnjährigen sind sehr präzise geschildert und erzeugen im Leser, der eine ähnliche Jugend erlebt hat, jede Menge Flashbacks und Bilder. Hat der damals Tagebuch geführt? Die fast minutiöse Beschreibung eines „Disco-Abends“ auf der Freizeit, vor allem die wirklich treffende Schilderung der Stimmungsdynamik (gibt es sowas? Naja, Ihr wisst schon, was ich meine) aus der Sicht eines jungen Menschen, der gerne bei der Party mitmachen möchte, aber stets den richtigen Moment zwischen cool-daneben-sitzen und sich-ins-Getümmel-werfen-und-mitfeiern verpasst und deshalb in einer dunklen Ecke des Raumes bis fast zum Ende der Veranstaltung alleine sitzen bleibt, ist meines Erachtens ein echtes Meisterwerk! Das kann so nur einer schildern, der derlei schon am eigenen Leib erfahren hat.

Auch die Archetypen aller Reiseteilnehmer, insbesondere der Jugendlichen, sind hervorragend getroffen. Für Harald, Andreas, Susanne oder Tiedemann erscheint in meinem Kopf umgehend das süddeutsche Pendant aus meinen 1970er Freizeiten.

Solcherlei Schreibe ist wirklich eine der ganz großen Stärken Heinz Strunks, die allerdings zumeist nur einer männlichen Leserschaft zugute kommt. Alle Werke von ihm sind – wie schon in einem anderen Beitrag angemerkt – Jungs-Bücher.

Strunk-Romane konsumiere ich am liebsten als Hörbuch. Ich weiß, er hat einen Sprachfehler und verhaspelt sich auch hin und wieder. Aber er lässt diese Fehler einfach im Take und lacht bisweilen über einen besonders verhunzten Aufnahme-Teil („Schön gesungen!“). Und ich stehe eben auf diese Art zu Lesen im trockenen Hamburger Idiom.

Nun fand ich die Erstausgabe des Hörbuchs von „Fleckenteufel“ sehr gut und habe es mir bestimmt ein gutes Dutzend Male auf meinem iPhone angehört. Heinz Strunk ist kein Stimm-Imitator und verfügt nur über einige wenige Stimm-Charaktere, aber die genügen, um die Hörbücher zu genießen, wenn man seinen Stil eben mag. Was mir von vornherein nicht gefallen hatte, waren die expliziten Passagen über dysfunktionale oder auch funktionierende Verdauung und den Zustand von Geschlechts- und sonstigen Körperteilen. Bereits von Anfang an hatte ich das Gefühl, diese Abschnitte seien nur in den Text geschrieben worden, um im Sinne der erwähnten Feuchtgebiete zu „schocken“. Sie bringen auch weder die Geschichte noch sonst irgendetwas voran und wirken genau so, wie es wohl tatsächlich gewesen ist: Dazugeschrieben.

Die Jahre gingen ins Land, der technische Vorsprung der iPhones gegenüber der Android-Konkurrenz verschwand zusehends und ich legte mir vor einigen Jahren mein erstes Nicht-iPhone zu. Damit waren allerdings auch meine schönen Hörbücher auf iTunes gefangen und es hätte allerhand Arbeit bedurft, sie auf mein aktuelles Smartphone zu konvertieren. Ich kaufte mir daher Fleckenteufel erneut.

Hörbücher höre ich auf langen Autofahrten oder zu später Stunde vor dem beziehungsweise zum Einschlafen. So auch die Neuausgabe des Fleckenteufel. Und dass es eine solche ist, und zwar gehörig überarbeitet, fiel mir schon in den ersten Minuten auf. Heinz Strunk hat die Ekel-Passagen allesamt gestrichen, was das gesamte Buch entscheidend aufwertet. Wie bereits erwähnt, waren besagte Passagen zum Einen wirklich eklig, sie wirkten aufgesetzt und im Gesamtzusammenhang eher störend als der Story dienlich. Da ja nach solchen Streichungen allerhand Übergänge korrigiert und Abschnitte neu formuliert werden müssen, war Heinz Strunk auch gezwungen, das komplette Hörbuch neu zu lesen und aufzunehmen. Und hier hat er (meine einzige Kritik an der Neuauflage) nicht immer alle Charaktere so treffend erwischt, wie in der Originalaufnahme. Wahrscheinlich wird dieser Kritikpunkt zunehmend hinfällig, je mehr die Erinnerung an die erste Version verblasst, aber meinen Lieblingssatz, eine Lebensweisheit, die ein übergeduldiger und stets zu laut sprechender Vater seinem Dreijährigen an der Supermarktkasse in Scharbeutz mitteilt „Ja, Konstantin, das wollen alle. Alle wollen gerne Clown sein!“ (Thorsten Bruhn – in Gedanken: „Konstantin! […] Hör nicht auf Deinen Vater! Er hat hiermit – und wahrscheinlich mit allem anderen auch – Unrecht! Keiner will Clown sein. Clowns sind das Allerletzte!“) hat er nicht mehr so unglaublich treffsicher eingesprochen. 

Diese kleine Szene, die sich beim Warten an besagter Supermarktkasse ereignet, während die Helden versuchen, zwei Flaschen Apfelkorn (definitiv ein Geschenk der 1970er an die Jugend!) unauffällig als Minderjährige für eine abendliche Orgie zu kaufen, ist ein gutes Beispiel für Strunks große Kunst in der Beschreibung kleiner, eigentlich unbedeutender Begebenheiten. Da sitzt das Timing und der Ton stimmt! 

Fleckenteufel in der 2018er Neubearbeitung bekommt von mir eine klare Lese- und noch klarere Hör-Empfehlung. Vielleicht nehme ich wirklich mal wieder meinen iTunes-Account in Betrieb und höre mir den oben zitierten Dialog nochmals in der Originalfassung an. Nur so zum Spaß… 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Das Damengambit

Liebe Leser,

statt der Rezension gedruckter Worte wieder einmal die von bewegten Bildern, genauer gesagt einer Netflix-Serie. Angesehen habe ich „Das Damengambit“, eine siebenteilige Miniserie aus dem aktuellen Jahr 2020. Worum geht’s?

Die kleine Elizabeth „Beth“ Harmon verliert bei einem Autounfall ihre Mutter und wächst in einem Waisenhaus in Kentucky Mitte der 1950er Jahre auf. Im Zuge der damals offenbar tatsächlich verbreiteten systematischen Dauergabe von Beruhigungsmitteln an die jungen Heiminsassen wird sie zeitlebens tablettenabhängig. Als Achtjährige lernt sie von dem grummeligen (harte Schale, weicher Kern) Hausmeister Mr. Shaibel im Keller des Heimes die Grundzüge des Schachspiels. Sie ist überaus talentiert und bemerkt zudem, dass sie auf Droge Zugvarianten wie im Zeitraffer an der Zimmerdecke visualisieren kann, um komplizierte Varianten zu berechnen. Diese Fähigkeit wird sie während ihrer ganzen Schach-Karriere einsetzen.

Nachdem sie als Vierzehnjährige von einem Ehepaar adoptiert wird, erkennt ihre bald vom Ehemann verlassene Adoptivmutter die finanzielle Chance, die eine erfolgreiche Schachkarriere ihrer Stieftochter mit sich bringt. Sie schickt Beth auf alle lukrativen Turniere und Meisterschaften, die sie buchen kann. Und Beth Harmon wird der Star der (absolut männerdominierten) Schachwelt der 1960er Jahre. Am Ende des Karriereweges wartet der russische Groß- und Weltmeister Borgov…

Mehr zu verraten wäre grobe Spoilerei und ich finde, um das an dieser Stelle vorwegzunehmen, „Das Damengambit“ sollte man sich ansehen. Die Serie ist spannend und liebevoll gemacht und auch (oder vielleicht gerade) für Nicht-Schachspieler geeignet.

Sind die Hauptfiguren wie Beth Harmon, Großmeister Borgov und alle amerikanischen Kollegen und Meister auch fiktive Charaktere, so ist die schachliche Weltkarte der ausklingenden 1950er und beginnenden 1960er Jahre durchaus korrekt gezeichnet. Politisch wie auch schachlich herrschte der Kalte Krieg und seit der ersten Regentschaft des dreimaligen Schachweltmeisters Michail Botwinnik 1948 war das Schach bis 1990 fest in sowjetischer Hand, nur kurz unterbrochen vom Aufstieg des legendären Bobby Fischer. Die Namen der historischen UDSSR-Großmeister werden auch immer wieder zitiert, so dass man hier durchaus ordentlich recherchiert hat.

Wenn man annehmen mag, dass sich zumindest die schachliche Karriere der Beth Harmon am realen Bobby Fischer orientiert, ist wohl der ehemalige Weltmeister (1969-1972) Boris Spasski das Vorbild für den oben erwähnten Großmeister Borgov in der Serie. Ach übrigens, in einer durchaus nicht unbedeutenden Rolle als Landesmeister von Ohio (?) ist der Schauspieler Harry Melling zu sehen, dessen Gesicht mir von Anfang an bekannt vorkam. Es handelt sich um den (inzwischen erwachsenen, schlanken und durchaus gut im Geschäft stehenden) Schauspieler von Dudley Dursley, Harry Potters missgünstigen Cousin aus den Harry-Potter-Verfilmungen. Ich habe nachgelesen, dass er dort schon im Teil 7 einen Fettanzug tragen musste, da er für die Rolle des dicken Dudley zu dieser Zeit schon viel zu schlank war. Wichtige Zusatzinformation!

Die Beratung durch einen der besten Schachspieler aller Zeiten, Garri Kasparow, hat der Serie insofern gut getan, dass alle Stellungen auf den Schachbrettern realen Meisterpartien entnommen sind und wirklich alle Schauspieler ordentlich die Figuren ziehen können. Gerade der Bewegungsablauf „Zug ausführen – mit der Zughand die Uhr drücken – Zug notieren“ sieht stets völlig realistisch aus. Ich kann mir vorstellen, dass insbesondere die häufig gezeigten (da spektakulären) Blitzpartien (jeder Spieler hat nur fünf Minuten Zeitkontingent für die ganze Partie zur Verfügung) den nicht-schachspielenden Schauspielern (eine schöne Wortkombination!) allerhand abverlangt haben. In vielen Filmen wird hier derbe geschlampt, nicht so in „Damengambit“. Jeder, der (wie ich keinesfalls, also ehrlich) einige Zeit in einem Schachclub oder einem Schachcafe (welche es nicht mehr gibt, schnüff) verbracht hat, wird dies bestätigen.

Wie bereits erwähnt, ist der Werdegang der Beth Harmon in schachlicher wie persönlicher Hinsicht eindrucksvoll, spannend und auch plausibel geschildert. Das Kolorit der USA der 1950er und 1960er Jahre ist ganz wunderbar anzuschauen und die Stimmung in den Turniersälen von lokalen (traditionell trist) oder auch internationalen (traditionell pompös) Schachturnieren ist sehr gut eingefangen.

Ein bisschen Kritik muss allerdings erlaubt sein. Die Dialoge bei der Stellungsanalyse von Schachpartien oder auch die (vorgeblich fachkundigen) Kommentare zu Stellungen sind eindeutig auf ein weniger schachkundiges Publikum zugeschnitten. „Eine Stellung wie eine Festung, mit den Läufern als Bewachern an den Flanken“ oder so ähnlich, enthält für den echten Spieler keinerlei Information, klingt aber irgendwie interessant. Oder die bedeutungsschwangere, geflüsterte Ankündigung eines „Matt in drei Zügen“ – Unsinn! In Meisterpartien geben die Spieler auf, wenn sich die Stellung strategisch verloren ist und nur der Möglichkeit einer mehrzügigen Mattkombination droht. Mit einem Matt in drei Zügen kann man keinen fortgeschrittenen Spieler beeindrucken. Die Schach-Konversationen haben in der Serie oft wirklich nur Anfängerniveau und wurden mit Sicherheit ohne die Beratung durch Garri Kasparow geschrieben.

Außerdem geben fast alle Spieler, die Beth Harmon im Laufe ihrer Karriere „umnietet“, äußerst höflich und als Gentleman auf. Es wäre schön, wenn es so wäre, aber fast alle starken Schachspieler sind schlechte Verlierer und halten zumeist nur wortlos die Uhr an, wenn sie aufgeben wollen. Als höchsten Ausdruck ihres Respekts geben sie vielleicht kurz (und kraftlos) die Hand zur Aufgabe. Da bastelt die Serie eine heile Welt, die es nie gegeben hat.

Ein weiteres Ärgernis (und damit will ich es mit dem Genörgel gut sein lassen) ist die Figur des Benny Watts (gespielt von Thomas Brodie-Sangster). Er ist in der Serie amtierender US-Meister im Schach, läuft nur mit Hut und Ledermantel herum, macht einen auf dicke Hose und trägt (zur Verteidigung gegen wen auch immer) stets ein Messer am Gürtel. Wie so oft darf ich mich da der Meinung meines Lieblings-Großmeisters Jan Gustafsson anschließen: Ich verstehe die Figur nicht, weder seine Intentionen noch seinen Anspruch und finde auch in der Schachgeschichte kein reales Vorbild für diesen Typen. Ich kaufe dem Schauspieler die Figur und der Figur ihre Existenz nicht ab. Also, Benny Watts, f**k off!

Abgesehen von diesen Punkten ist „Das Damengambit“ eine spannende Serie und die Hauptdarstellerin reißt mit ihrer Präsenz und ihrem intensiven (Schau-)Spiel vor wirklich toller Ausstattung alles wieder raus, so dass ich summa summarum eine glatte Anschau-Empfehlung aussprechen kann!

Wie auch in anderen Genres ist es eben nicht einfach (siehe meine Anmerkungen zu den Musik-Filmen >>>), einen Mittelweg zwischen Unterhaltung eines möglichst großen Publikums und der Befriedigung der jeweiligen Nerds zu finden! 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – The Most Requested Bossa Nova & Samba Songs

Liebe Leser,

ich hatte es ja schon geschrieben – ich bin seit nunmehr drei Monaten in die schöne Welt der Bossa Nova und damit einhergehend des Sambas eingetaucht. Und habe mir echt viele Stücke drauf geschafft bzw. mein bestehendes Bossa-Repertoire aufgefrischt. Live-Spielen war ja nicht und ist immer noch nicht.

Nun sind die Realbooks, aus denen wir Jazzer zumindest die Grundlagen unseres Repertoires beziehen, bei den unzähligen Bossas und Sambas etwas dünn bestückt, insbesondere bei der großen Zahl an Kompositionen von Antônio Carlos Jobim, der gefühlt jeden Bossa komponiert hatte. Na gut, sagen wir, jeden zweiten…

Ich habe mir also nach kurzer Recherche „The Most Requested Bossa Nova & Samba Songs“ aus der Verlagsgruppe Hal Leonard gekauft. Hal Leonard ist der weltgrößte Verlag für Sheet-Music aller Art und hält auch die Rechte an den mannigfaltigen Real- und Fakebooks.

Immerhin 61 Bossa-Nova- bzw. Samba-Standards sind in dem ansonsten recht tristen Heft angesammelt. Die Sprache ist mit „English“ angegeben, was aber in keinster Weise ein Nachteil ist, weil es neben den Noten keinerlei Text gibt. Gar keinen. Naja, muss ja auch nicht.

Ich nahm die Gitarre (natürlich die Nylon-Schraddel, siehe diesen Beitrag >>>) auf den Schoß und blätterte erwartungsvoll durch meine Neuerwerbung.

Die Notationen der Songs sind dreizeilig gehalten, wobei die unteren beiden Zeilen die Klaviernotation abbilden (Bass- und Violinschlüssel), während in der obersten Zeile die Gesangsmelodie notiert ist. Über dieser sind Gitarrenakkorde eingetragen. So darf sich dieses Heft „für Klavier, Gesang und Gitarre“ empfehlen. Und das ist Unsinn!

Meines Erachtens hat ein unmotivierter Pianist eine ebenso unmotivierte Version des jeweiligen Songs in eine Software gehämmert und dann die Melodie als separate Spur extrahiert und die Gitarrengriffe mit einem Akkord-Assistenten generiert. Ich denke nicht, dass ein Gitarrist über die Noten/Tabs geschaut hat. Und falls doch, war er nicht besonders gut und auch nicht besonders gründlich.

Bis auf „Wave“ konnte ich in keinem der mir bekannten Songs eine einigermaßen plausible Akkordbegleitung entdecken. Mehr als einmal enthält der notierte Griff eine Erweiterung, die genau NICHT zur aktuellen Melodienote passt. Ich habe es inzwischen dreimal durchexerziert: Ich spiele den erwählten Song vom Blatt (holprig, wie ich es nun einmal nur beherrsche), korrigiere die schlimmsten Fehler der Begleitung und versuche, die kruden Akkorde in irgendeine sinnvolle harmonische Struktur zu bringen. Dass Jobim oder Gilberto ihre Songs mit großem kompositorischen Verständnis geschrieben haben, weiß ich, weil ich schon ein gutes Dutzend ihrer Werke analysiert und noch viele mehr gespielt habe. 

Bin ich mit dieser Übung durch – das Sheet sieht inzwischen durch die ganzen Bleistift-Korrekturen schon arg mitgenommen aus – und habe eine einigermaßen spielbare Version erzeugt, dann suche ich ein paar nette Interpretationen auf Youtube.

Hier wurde ich bis dato schnell fündig. Zumeist pfeifen die virtuosen südamerikanischen Gitarristen jedoch auf die im Heft notierten „Originaltonarten“, so dass ich mit Abhören und -gucken schneller zum Ziel komme, als mit dem Korrigieren und Transponieren der Hal-Leonard-Sheets. Was ein Mist! 

Ich denke, dass die Leute von Hal Leonard mit solchen Heften wieder etwas von den Dollars hereinholen möchten, die ihnen durch das jahrzehntelange Schwarz-Kopieren ihrer Realbooks entgangen ist.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – The Expanse

Liebe Leser,

wieder einmal lenkt mich eine TV-Serie vom Lesen gehaltvoller Bücher ab. Dennoch – ich kann ja mal drüber berichten. Heute geht es um die Science-Fiction-Serie “The Expanse”.

Zunächst in Deutschland auf Netflix zu sehen, aber seit der Übernahme der Serie durch Amazon inzwischen nur noch dort zu schauen. Glücklicherweise verfügt unser Haushalt auch über einen Amazon-Prime-Zugang.

Eine Serie, die, obwohl die überwiegende Zeit im Weltall spielend, nicht auf Naturgesetze pfeift – alleine von diesem Setting her eine rare Erscheinung im dichten SF-Serien-Dschungel! Wir schreiben das Jahr… äh, keine Ahnung, irgendwann im 23. Jahrhundert. Die Menschheit hat offensichtlich tatsächlich ihren schönen Heimatplaneten ruiniert, so dass dort eine UN-Weltregierung über an die dreißig Milliarden Menschen herrscht, die zumeist arbeits- und perspektivlos vor sich hin vegetieren und von Stütze leben. Auf dem Mond existieren einige Kolonien, welche von der Erde aus regiert werden, so dass prinzipiell von Terra und Luna im Zusammenhang gesprochen wird.

Auf dem Mars gibt es eine bedeutende menschliche Ansiedlung, wobei das Hauptanliegen dieser Gesellschaft ist, den Mars durch allerhand Hege und Pflege (sowie andauernde kostspielige Terra-Forming-Maßnahmen) in einen blühenden Garten zu verwandeln, wie es einst die Erde war. Alle Marsianer leben in ständiger Angst vor der Übernahme durch die Erde und haben daher eine stets kampfbereite und technisch der Erde weit überlegene Armee (in Form einer Raumflotte) geschaffen, sind den Terranern allerdings zahlenmäßig haushoch unterlegen. Wer möchte, darf Parallelen zur Staats- und Gesellschaftsordnung des antiken Sparta ziehen.

Als dritte Gruppe der Menschheit gibt es noch die sogenannten Gürtler (im Original “Belter”), die dauerhaft einige große Raumstationen, Jupitermonde sowie Asteroiden (z.B. Ceres) bewohnen. Im Prinzip werden die Gürtler von den so bezeichneten “Inneren” nur als Versorger mit Wasser bzw. Eis und anderer Rohstoffe missbraucht. Da der gesamte Abbau von Firmen und Gesellschaften der “Inneren” organisiert und abgewickelt wird, sind die Gürtler, obwohl Lieferanten, dennoch von diesen abhängig. Seit vielen Jahren gibt es eine inzwischen mächtige (Untergrund-)Organisation OPA (Outer Planets Alliance), mit der fast alle Gürtler sympathisieren, wenn sie ihr nicht schon angehören.

Für das Verhältnis Erde-Mars wird nicht zu Unrecht das Bild vom “kalten Krieg” auch im 23. Jahrhundert bemüht. Viele Menschen auf vielen Planeten oder Raumschiffen haben ein Interesse daran, das fragile Kräftegleichgewicht zu stören oder gar einen Krieg führen zu lassen. Und der Gürtel hegt tiefe Abneigung gegen Erde und Mars.

Dieses geschilderte Ausgangsszenario bedient sich offensichtlich großzügig aus der Menschheitsgeschichte und ist summa summarum nicht übermäßig originell. Was mir aber außerordentlich gefallen hat, ist die detailgetreue Schilderung der unendlichen Schwierigkeiten, die ein Leben in einem teilbesiedelten Planetensystem mit sich bringt. Auch in 200 Jahren dauert eine Reise von der Erde zum Beispiel zum Jupiter mehrere Wochen, zum Saturn gar Monate. Kommt es in irgendeiner Ecke im Asteroidengürtel zu Schießereien, braucht ein Befehl von der Erde dorthin tatsächlich solange, wie das Licht bzw. das Funksignal eben braucht, etwa eine halbe Stunde. Übermäßige Beschleunigung bringt Piloten oder Insassen von Raumschiffen um. Es gibt zwar Medikamente für solcherlei Andruck (den sogenannten”Saft”, welcher durch eine Robotik intravenös gespritzt wird), die einen sofortigen Tod verhindern, aber das Grundprinzip bleibt gültig. Übergroße Raumschiffe nutzen Rotation zur Erzeugung von geringer Schwerkraft, was viel besser als nichts ist. Es gibt Firmen, die Asteroiden in Rotation versetzen, wegen desselben Effekts. Die im All oder auf Asteroiden Geborenen haben ab der zweiten Generation körperliche Defizite wie Glasknochen und ähnliches. Und noch viele solcher Details mehr!

Das alles ist sehr gut durchdacht und gibt der ganzen Serie einen durchaus einzigartigen Touch. Sehen auch manche Kulissen (z.B. die Wohnblocks auf Ceres) aus, wie wenn Arnold Schwarzenegger sie nach dem Dreh von “Total Recall” im Jahr 1990 stehen gelassen hätte, so sind doch die Aufnahmen in den Raumschiffen und im All meines Erachtens sehr gut gelungen. 

Über die Leistung der Darsteller wurde an unterschiedlicher Stelle nicht nur Gutes geschrieben, was ich insbesondere in der ersten Staffel ganz gut nachvollziehen kann. Ich finde aber, das schleift sich ab Staffel 2 ganz gut ein.

So bekommt “The Expanse” wegen ihres abgefahrenen und sehr realistischen Settings und auch wegen der ziemlich spannenden Story (die sich erst nach einigen Folgen genauer erschließt, die ich aber überhaupt nicht spoilern möchte) von mir eine klare Empfehlung zum Ansehen. Allerdings stehe ich auch schon seit meiner Kindheit auf Science-Fiction.

Ich habe Gerüchte gehört, dass man “The Expanse” auch bei halblegalen Serien-Streamingdiensten ohne einen Amazon-Prime-Zugang genießen kann. Da ich selbst solcherlei allerdings niemals nicht tun würde, kann ich diese Gerüchte nicht verifizieren.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Fitzek „Der Insasse“

Liebe Leser,

nun ja, “auf dem Nachttisch” ist für die folgende Rezension eher unpassend, denn ich möchte ein Hörbuch besprechen, welches ich ausschließlich während diverser Autofahrten gehört habe. Doch dafür lohnt hier im Blog keine eigene Rubrik. Zur Sache:

Geschenkt bekommen habe ich das Hörbuch “Der Insasse” von Sebastian Fitzek, 6 Audio-CDs, 420 Minuten, gesprochen von Simon Jäger. Das Hörbuch ist 2018 bei Argon erschienen und kostet 19,95 €.

Der Insasse

Ich bin auf den langen Autofahrten eher ein Freund leichter Kost, was mich inzwischen zu einem ausgewiesenen Kenner der Kerkeling-Hörbücher “Ich bin dann mal weg”, “Amore und so’n Quatsch” und “Der Junge muss an die frische Luft” (keine so leichte Kost, aber auch nicht so gut) macht, sowie einiger Strunk-Hörbücher. Nun also erstmals Fitzek.

Die kurze inhaltliche Beschreibung werde ich von Denis Scheck, dem ARD-Bücherwurm, übernehmen. Er kommentiert durchaus treffend (in der ARD-Mediathek nachzusehen):

Auch der neue Fitzek bietet wieder pure sich an Gewalt aufgeilende Prosa. Was mich an diesem Buch über einen Kindermörder und den Vater eines Opfers, der sich in die geschlossene Psychiatrie einweisen lässt, um an den Täter heranzukommen, neben den unerträglichen Gewaltszenen anwidert,  ist seine Sprache – dieselbe Sprache, die das sogenannte „gesunde Volksempfinden“ und seine politischen Repräsentanten sprechen. Was will uns Sebastian Fitzek sagen mit Sätzen wie, Zitat: „Aber da man in Deutschland in einem Rechtsstaat lebte, war bereits die Androhung von Folter strafbar. Selbst einem Monster gegenüber.“ Wäre es besser, nicht in einem Rechtsstaat zu leben? Wäre es besser, wenn Folter legal wäre? Dies ist kein Roman, dies ist eine Kloake.

Ich habe wirklich einige Zeit hin und her überlegt, wie ich meine Eindrücke zu diesem Roman/Hörbuch in Worte fassen soll. Und da es H. Scheck so gut trifft, habe ich ihm die Formulierung überlassen.

Etwa nach der zweiten oder dritten CD hat mich die beschriebene “sich an Gewalt aufgeilende Prosa” derart abgestoßen, dass ich das Weiterhören drangeben wollte. Allerdings – das gebe ich zu – wollte ich wissen, wie es mit dem Hauptprotagonisten weitergeht, auch wenn mir sein Schicksal trotz aller im Buch viel zu ausführlich geschilderten Umstände nicht sonderlich nahe ging. Ein Kritikpunkt, den auch andere Rezensenten so formulierten.

Vorsicht! Im nächsten Absatz stehen einige Dinge, die klugen Lesern (zu welchen ich Euch alle zähle) Hinweise zum Twist der ganzen Geschichte geben könnten. Wer also diesen Fitzek selbst beurteilen möchte, überspringe den nächsten Absatz, welchen ich deswegen auch kleiner schreiben werde.

Das Stöbern in den Rezensionen bei Amazon erwies sich übrigens als böser Fehler, denn ein Rezensent konnte es nicht lassen und erwähnte einen Film, in dem ein ähnlicher Twist wie im vorliegenden Buch vorkommt. Betrachtet man die Szenerie des “Insassen”, ist es nicht allzu schwer, den Streifen zu identifizieren, selbst wenn er nicht wie in der besagten Rezension namentlich erwähnt würde. Und dieses Wissen verdirbt einem dann das letzte bisschen Spannung.

Ende der Spoilerei, weiter im Text:

Mit in Romanen geschilderter Grausamkeit habe ich immer dann ein Problem, wenn in mir der Verdacht aufkeimt, dass der Autor brutale, abstoßende und geächtete Taten sozusagen seinen Romanfiguren “auf den Leib schreibt”, womit man leicht die Verantwortung abschiebt und niederste Triebe der Leserschaft bedienen kann. Ein Mechanismus, der auch in Strunks “Der Goldene Handschuh” mein Missfallen erregte. Wobei Sebastian Fitzek dies im vorliegenden Buch locker toppt.

Als gegen Ende des Romans das Rätsel gelöst (in meinem Fall das Wissen bestätigt) wurde, wäre dies ein guter Moment gewesen, das Buch mit einer kleinen Pointe zu beenden, sozusagen als versöhnlichen Abschluss. Doch nein, über unzählige Minuten wurde jeder der ausgelegten Handlungsstränge breit erklärt zu einem Ende gebracht. Ich hatte mehr als einmal das Bedürfnis, einige Absätze zu überspringen (also vorzuspulen), weil ein unablässiges “Schon gut, ich hab’s kapiert” in meinem Kopf dröhnte.

Was bleibt also von einem Roman, wenn man die Darstellungen unerträglich findet, den Twist erahnt und der Autor zudem einfach nicht zum Ende kommen will?

Ein äußerst schaler Geschmack.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige