Auf dem Nachttisch – Fleckenteufel

Liebe Leser,

in der unerwartet (Ihr wisst schon: Corona … zweiter Lockdown … warum habe ich da eigentlich keine Zeit? Seltsam, aber so ist es …) hektischen Vorweihnachtszeit schaffe ich meine Ich-veröffentliche-dienstags-einen-Beitrag-Vorgabe nicht. Zudem möchte ich den erfolgreichen Beitrag Harmonielehre für Gitarre 2020 auch nicht vom Spitzenplatz des Blogs verdrängen. Ja, ich weiß, dies kann man in WordPress konfigurieren, dennoch. Zudem kann ich so auch an dieser Stelle auf mein Gige-Weihnachts-Bundle hinweisen, welches aus den Komponenten Buch Harmonielehre für Gitarre, CD dreipunktnull plus CD Gige plays Bossa Nova besteht und gerade mal 40,00 € kostet, wobei ich den Versand auch noch drauf lege. Pünktlich zu Heiligabend wird womöglich etwas knapp (ich denke, die Zusteller haben schon Mitte letzter Woche kapituliert), aber die Sachen verderben ja nicht.

Zum Thema:

Heute mal wieder eine Rezension. Gelesen und vor allem gehört habe ich Fleckenteufel von Heinz Strunk (bürgerlich Mathias Halfpape). Als bekennender Strunkianer ist dies nichts, was besonderer Erwähnung würdig wäre, doch hier geht es um die zweite, überarbeitete Auflage des Büchleins von 2018. Nun verhielt es sich so:

Im Jahr 2008 veröffentlichte Charlotte Roche ihren berühmt-berüchtigten Erstlingsroman Feuchtgebiete, welcher tatsächlich im selben Jahr auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste aufstieg, welchen ich aber bis dato nicht gelesen habe. Der rührige Rowohlt-Verlag wollte offensichtlich auf der Erfolgswelle mitschwimmen und veranlasste den eindeutig für tabulose Fremdschämschilderungen zuständigen Haus-Autor Heinz Strunk, sein zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichtes Werk Fleckenteufel diesbezüglich aufzupeppen. Ich bin mir sicher, dass Fleckenteufel zunächst ein weiterer halb-autobiografischer Roman mit Jugenderinnerungen des Autors von Fleisch ist mein Gemüse war, der nun eben um allerhand unappetitliche Details der Verdauung und Anatomie des jugendlichen Protagonisten ergänzt wurde, „weil das jetzt gerade angesagt ist!“ Oder so ähnlich. Ich kaufte mir das Buch samt Hörbuch, damals letzteres allerdings für das iPhone.

Zunächst der Inhalt: Der 16jährige Thorsten Bruhn fährt in den Sommerferien des Jahres 1977 auf eine evangelische Kirchenfreizeit nach Scharbeutz an der Ostsee, zusammen mit einem Rudel Gleichaltriger beiderlei Geschlechts und einigen Erwachsenen. Geleitet wird das Ferienlager von Pastor, Diakon und Gemeindehelfer der heimatlichen Kirchengemeinde. Strunk schildert die (zumeist trivial scheinenden) Begebenheiten und Ereignisse während der Freizeit, aus der Sicht des Sechzehnjährigen als Ich-Erzähler.

Das alles klingt unspektakulär und so bleibt es auch. Aber wie bei vielen Büchern von Heinz Strunk verbindet mich die persönliche Erfahrung (ich bin zudem fast Altersgenosse) mit den geschilderten Geschehnissen. Ich selbst war zwischen den 1970er und 1980er Jahren auf vielen Jugendfreizeiten bzw. Zeltlagern und kann bestätigen, dass diese tatsächlich für eine jugendliche Seele bzw. den Pubertierenden durchaus prägenden Einfluß haben können. Da Heinz Strunk dies auch in anderen Werken erwähnt, darf man seine Schilderungen also zumindest teil-autobiografisch werten.

Seine Beschreibung des Verlaufs der christlichen Freizeit, über die Anreise, die stete Bemühungen des Erzählers, in der Gruppe sozialen Anschluss und eben auch seinen Platz zu finden (was tatsächlich unter Jugendlichen in solchen Situationen essentiell ist), die unzähligen, zumeist kompetitiven Freizeitbeschäftigungen und dabei die oft ziemlich emotionale und eben pubertäre Gedankenwelt eines Sechzehnjährigen sind sehr präzise geschildert und erzeugen im Leser, der eine ähnliche Jugend erlebt hat, jede Menge Flashbacks und Bilder. Hat der damals Tagebuch geführt? Die fast minutiöse Beschreibung eines „Disco-Abends“ auf der Freizeit, vor allem die wirklich treffende Schilderung der Stimmungsdynamik (gibt es sowas? Naja, Ihr wisst schon, was ich meine) aus der Sicht eines jungen Menschen, der gerne bei der Party mitmachen möchte, aber stets den richtigen Moment zwischen cool-daneben-sitzen und sich-ins-Getümmel-werfen-und-mitfeiern verpasst und deshalb in einer dunklen Ecke des Raumes bis fast zum Ende der Veranstaltung alleine sitzen bleibt, ist meines Erachtens ein echtes Meisterwerk! Das kann so nur einer schildern, der derlei schon am eigenen Leib erfahren hat.

Auch die Archetypen aller Reiseteilnehmer, insbesondere der Jugendlichen, sind hervorragend getroffen. Für Harald, Andreas, Susanne oder Tiedemann erscheint in meinem Kopf umgehend das süddeutsche Pendant aus meinen 1970er Freizeiten.

Solcherlei Schreibe ist wirklich eine der ganz großen Stärken Heinz Strunks, die allerdings zumeist nur einer männlichen Leserschaft zugute kommt. Alle Werke von ihm sind – wie schon in einem anderen Beitrag angemerkt – Jungs-Bücher.

Strunk-Romane konsumiere ich am liebsten als Hörbuch. Ich weiß, er hat einen Sprachfehler und verhaspelt sich auch hin und wieder. Aber er lässt diese Fehler einfach im Take und lacht bisweilen über einen besonders verhunzten Aufnahme-Teil („Schön gesungen!“). Und ich stehe eben auf diese Art zu Lesen im trockenen Hamburger Idiom.

Nun fand ich die Erstausgabe des Hörbuchs von „Fleckenteufel“ sehr gut und habe es mir bestimmt ein gutes Dutzend Male auf meinem iPhone angehört. Heinz Strunk ist kein Stimm-Imitator und verfügt nur über einige wenige Stimm-Charaktere, aber die genügen, um die Hörbücher zu genießen, wenn man seinen Stil eben mag. Was mir von vornherein nicht gefallen hatte, waren die expliziten Passagen über dysfunktionale oder auch funktionierende Verdauung und den Zustand von Geschlechts- und sonstigen Körperteilen. Bereits von Anfang an hatte ich das Gefühl, diese Abschnitte seien nur in den Text geschrieben worden, um im Sinne der erwähnten Feuchtgebiete zu „schocken“. Sie bringen auch weder die Geschichte noch sonst irgendetwas voran und wirken genau so, wie es wohl tatsächlich gewesen ist: Dazugeschrieben.

Die Jahre gingen ins Land, der technische Vorsprung der iPhones gegenüber der Android-Konkurrenz verschwand zusehends und ich legte mir vor einigen Jahren mein erstes Nicht-iPhone zu. Damit waren allerdings auch meine schönen Hörbücher auf iTunes gefangen und es hätte allerhand Arbeit bedurft, sie auf mein aktuelles Smartphone zu konvertieren. Ich kaufte mir daher Fleckenteufel erneut.

Hörbücher höre ich auf langen Autofahrten oder zu später Stunde vor dem beziehungsweise zum Einschlafen. So auch die Neuausgabe des Fleckenteufel. Und dass es eine solche ist, und zwar gehörig überarbeitet, fiel mir schon in den ersten Minuten auf. Heinz Strunk hat die Ekel-Passagen allesamt gestrichen, was das gesamte Buch entscheidend aufwertet. Wie bereits erwähnt, waren besagte Passagen zum Einen wirklich eklig, sie wirkten aufgesetzt und im Gesamtzusammenhang eher störend als der Story dienlich. Da ja nach solchen Streichungen allerhand Übergänge korrigiert und Abschnitte neu formuliert werden müssen, war Heinz Strunk auch gezwungen, das komplette Hörbuch neu zu lesen und aufzunehmen. Und hier hat er (meine einzige Kritik an der Neuauflage) nicht immer alle Charaktere so treffend erwischt, wie in der Originalaufnahme. Wahrscheinlich wird dieser Kritikpunkt zunehmend hinfällig, je mehr die Erinnerung an die erste Version verblasst, aber meinen Lieblingssatz, eine Lebensweisheit, die ein übergeduldiger und stets zu laut sprechender Vater seinem Dreijährigen an der Supermarktkasse in Scharbeutz mitteilt „Ja, Konstantin, das wollen alle. Alle wollen gerne Clown sein!“ (Thorsten Bruhn – in Gedanken: „Konstantin! […] Hör nicht auf Deinen Vater! Er hat hiermit – und wahrscheinlich mit allem anderen auch – Unrecht! Keiner will Clown sein. Clowns sind das Allerletzte!“) hat er nicht mehr so unglaublich treffsicher eingesprochen. 

Diese kleine Szene, die sich beim Warten an besagter Supermarktkasse ereignet, während die Helden versuchen, zwei Flaschen Apfelkorn (definitiv ein Geschenk der 1970er an die Jugend!) unauffällig als Minderjährige für eine abendliche Orgie zu kaufen, ist ein gutes Beispiel für Strunks große Kunst in der Beschreibung kleiner, eigentlich unbedeutender Begebenheiten. Da sitzt das Timing und der Ton stimmt! 

Fleckenteufel in der 2018er Neubearbeitung bekommt von mir eine klare Lese- und noch klarere Hör-Empfehlung. Vielleicht nehme ich wirklich mal wieder meinen iTunes-Account in Betrieb und höre mir den oben zitierten Dialog nochmals in der Originalfassung an. Nur so zum Spaß… 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Harmonielehre für Gitarre 2020

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Und muss umgehend gestehen, dass ich diese Wendung hier im Blog schon fast inflationär benutze. Nein, diesmal nicht schon wieder eine CD aufgenommen. Ich habe eine Harmonielehre für Gitarre geschrieben. So sehr ich auch hinter dem 2015 bei PPV Medien erschienenen gleichnamigen Buch (Co-Autor Thomas Dütsch) stehe, es gab einige Sachen zu korrigieren und ich erwarb viele musiktheoretische Erkenntnisse, von denen wir zur Entstehungszeit des 2015er Buchs einfach nichts wussten. Obwohl sich dieses (Früh-)Werk immer noch ganz ordentlich verkauft, wollte der Verlag keine völlig überarbeite 3. Auflage herausgeben.

Dann eben nicht. Und ich setzte mich hin und begann, die Harmonielehre immer weiter zu korrigieren, zu verbessern und schließlich völlig neu zu schreiben. Im Jahr 2018 lernte ich den bekannten Jazzgitarristen Helmut Kagerer kennen und schätzen. Wir spielten einen Gig zusammen und verstanden uns prächtig, musikalisch wie auch persönlich. Und dann kam für Helmut eine mehr als einjährige Leidenszeit in Form einer schmerzhaften Sehnenscheidenentzündung, die jegliches Live-Spiel verhinderte. Die war dann Anfang des Jahres 2020 gottseidank endlich ausgeheilt. Und dann kam Corona…

Konnten wir in den Sehnenscheidenentzündungszeiten (warum Google diesen völlig plausiblen Begriff markiert, bleibt unklar) wenigstens noch Korrekturen und Lektoratsarbeiten gemeinsam bei einem Bier diskutieren und im Buch vorgeschlagene Wendungen gleich einer praktischen Prüfung unterwerfen, war dies nach nach Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr möglich. Aber da war die gesamte Schreibarbeit erledigt und wir konnten uns Texte zur Korrektur hin und her mailen. Ist zwar langweiliger, tut’s aber in diesen Zeiten auch. 

Durch einen Zufall stieß ich Ende 2019 auf den Spurbuchverlag, der eigentlich und ursprünglich Jugend- bzw. Pfadfinderliteratur verlegte und noch verlegt. Der Verlagsleiter, immerhin selbst Hobby-Gitarrist, mit Profi-Musikern im familiären Umfeld) besah sich das Manuskript und befand es für gut. Im Mai 2020 äußerte er ernstes Interesse an diesem Buch und kurze Zeit später ging es an die allgemein beliebten Produktionsvorbereitungen (Lektorat – Korrektur – Satz – Korrekturabzug – und wieder von vorne), welche aber – das sollte nicht unerwähnt bleiben – stets produktiv und immer freundlich abgewickelt wurden. Und Drucken können sie auch, die Unterfranken, wie ich heute angesichts der gelieferten Belegexemplare feststellen durfte. Das Buch ist sehr schön geworden!

Warum solltet Ihr nun also diese Harmonielehre kaufen (oder zumindest allen ambitionierten Gitarristen in Eurem Bekanntenkreis zu Weihnachten schenken)? 

Nun, die Struktur und der didaktische Ansatz sind wie bei der Harmonielehre von 2015 (weil beide einfach gut sind). Nach der Herleitung der Akkordtypen aus der Durtonleiter kommen wir von der Begleitung zum Solo, also zum Single-Note-Spiel. Von vier Tönen (Arpeggien) steigern wir uns sozusagen Ton für Ton über Pentatonik und Bluesskala bis hin zu den Kirchentonarten und Molltonleitern. Mit Stufen- und Funktionstheorie analysieren wir dann einige Standards. Diese aus dem 2015er Buch bekannte Struktur behalten wir bei, weil sie, wie gesagt, gut ist. Aber im Detail hat sich allerhand getan:

Eine der am häufigsten von uns Gitarristen eingesetzte Skala ist die Bluestonleiter. Da aber bis zu drei Bluenotes postuliert werden, ist die Definition, welche Töne denn nun zu einer „richtigen“ Bluesskala gehören, heftig umstritten. Dieses Mysterium wird einleuchtend und praxistauglich geklärt.

Meine persönliche Auswahl an Skalen für ein Solo ist etwas (höflich formuliert) hausbacken. Helmut hat mir bei so mancher Gelegenheit eine Mixolydische oder Harmonisch-Moll-Skala mit dem Hinweis „Das spielt seit 50 Jahren keiner mehr an dieser Stelle“ ausgeredet. Für die Insider: Ja, ich spiele inzwischen auch Alteriert und Halbton-Ganzton. Nicht zu oft, aber immerhin…

Helmuts Erfahrung nach über 40 Jahren als internationaler Jazzgitarrist und fast 30 Jahren Dozent an der Musikhochschule sind wirklich tiefschürfende Erkenntnisse beim Umgang mit verminderten Akkorden und bei der Analyse von Jazzstandards zu verdanken. Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach so vielen Jahren Erfahrung bei einem abgedroschenen (aber nichtsdestotrotz schönen) Standard wie „The Girl from Ipanema“ noch so viel dazulernen kann. Um es mit Gerhard Polt (aus „Der Leasingvertrag“) zu sagen: Doch, das geht!

Als Sahnehäubchen gibt es einige nette Cartoons aus meiner Feder! Also:

Da das schönste Buch leider nur dann erfolgreich sein kann, wenn es sich ordentlich verkauft, habt Ihr hier das ultimative Weihnachtsgeschenk für all Eure Gitarren-affinen Musikerfreunde. Die Harmonielehre für Gitarre von Gige Brunner & Helmut Kagerer kostet 22,80 € und Ihr könnt sie bei mir (jazz@gige.de) oder beim Spurbuchverlag bestellen. Versandkosten fallen nicht an! Auf denn, lasst uns (gemäß dem Untertitel)

Endlich weniger falsch spielen!

Ob ich Euch das garantieren kann? Selbstverständlich nicht. Aber ich glaube ernsthaft, dass die Beschäftigung mit Harmonielehre das eigene Spiel immens verbessert!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Das Damengambit

Liebe Leser,

statt der Rezension gedruckter Worte wieder einmal die von bewegten Bildern, genauer gesagt einer Netflix-Serie. Angesehen habe ich „Das Damengambit“, eine siebenteilige Miniserie aus dem aktuellen Jahr 2020. Worum geht’s?

Die kleine Elizabeth „Beth“ Harmon verliert bei einem Autounfall ihre Mutter und wächst in einem Waisenhaus in Kentucky Mitte der 1950er Jahre auf. Im Zuge der damals offenbar tatsächlich verbreiteten systematischen Dauergabe von Beruhigungsmitteln an die jungen Heiminsassen wird sie zeitlebens tablettenabhängig. Als Achtjährige lernt sie von dem grummeligen (harte Schale, weicher Kern) Hausmeister Mr. Shaibel im Keller des Heimes die Grundzüge des Schachspiels. Sie ist überaus talentiert und bemerkt zudem, dass sie auf Droge Zugvarianten wie im Zeitraffer an der Zimmerdecke visualisieren kann, um komplizierte Varianten zu berechnen. Diese Fähigkeit wird sie während ihrer ganzen Schach-Karriere einsetzen.

Nachdem sie als Vierzehnjährige von einem Ehepaar adoptiert wird, erkennt ihre bald vom Ehemann verlassene Adoptivmutter die finanzielle Chance, die eine erfolgreiche Schachkarriere ihrer Stieftochter mit sich bringt. Sie schickt Beth auf alle lukrativen Turniere und Meisterschaften, die sie buchen kann. Und Beth Harmon wird der Star der (absolut männerdominierten) Schachwelt der 1960er Jahre. Am Ende des Karriereweges wartet der russische Groß- und Weltmeister Borgov…

Mehr zu verraten wäre grobe Spoilerei und ich finde, um das an dieser Stelle vorwegzunehmen, „Das Damengambit“ sollte man sich ansehen. Die Serie ist spannend und liebevoll gemacht und auch (oder vielleicht gerade) für Nicht-Schachspieler geeignet.

Sind die Hauptfiguren wie Beth Harmon, Großmeister Borgov und alle amerikanischen Kollegen und Meister auch fiktive Charaktere, so ist die schachliche Weltkarte der ausklingenden 1950er und beginnenden 1960er Jahre durchaus korrekt gezeichnet. Politisch wie auch schachlich herrschte der Kalte Krieg und seit der ersten Regentschaft des dreimaligen Schachweltmeisters Michail Botwinnik 1948 war das Schach bis 1990 fest in sowjetischer Hand, nur kurz unterbrochen vom Aufstieg des legendären Bobby Fischer. Die Namen der historischen UDSSR-Großmeister werden auch immer wieder zitiert, so dass man hier durchaus ordentlich recherchiert hat.

Wenn man annehmen mag, dass sich zumindest die schachliche Karriere der Beth Harmon am realen Bobby Fischer orientiert, ist wohl der ehemalige Weltmeister (1969-1972) Boris Spasski das Vorbild für den oben erwähnten Großmeister Borgov in der Serie. Ach übrigens, in einer durchaus nicht unbedeutenden Rolle als Landesmeister von Ohio (?) ist der Schauspieler Harry Melling zu sehen, dessen Gesicht mir von Anfang an bekannt vorkam. Es handelt sich um den (inzwischen erwachsenen, schlanken und durchaus gut im Geschäft stehenden) Schauspieler von Dudley Dursley, Harry Potters missgünstigen Cousin aus den Harry-Potter-Verfilmungen. Ich habe nachgelesen, dass er dort schon im Teil 7 einen Fettanzug tragen musste, da er für die Rolle des dicken Dudley zu dieser Zeit schon viel zu schlank war. Wichtige Zusatzinformation!

Die Beratung durch einen der besten Schachspieler aller Zeiten, Garri Kasparow, hat der Serie insofern gut getan, dass alle Stellungen auf den Schachbrettern realen Meisterpartien entnommen sind und wirklich alle Schauspieler ordentlich die Figuren ziehen können. Gerade der Bewegungsablauf „Zug ausführen – mit der Zughand die Uhr drücken – Zug notieren“ sieht stets völlig realistisch aus. Ich kann mir vorstellen, dass insbesondere die häufig gezeigten (da spektakulären) Blitzpartien (jeder Spieler hat nur fünf Minuten Zeitkontingent für die ganze Partie zur Verfügung) den nicht-schachspielenden Schauspielern (eine schöne Wortkombination!) allerhand abverlangt haben. In vielen Filmen wird hier derbe geschlampt, nicht so in „Damengambit“. Jeder, der (wie ich keinesfalls, also ehrlich) einige Zeit in einem Schachclub oder einem Schachcafe (welche es nicht mehr gibt, schnüff) verbracht hat, wird dies bestätigen.

Wie bereits erwähnt, ist der Werdegang der Beth Harmon in schachlicher wie persönlicher Hinsicht eindrucksvoll, spannend und auch plausibel geschildert. Das Kolorit der USA der 1950er und 1960er Jahre ist ganz wunderbar anzuschauen und die Stimmung in den Turniersälen von lokalen (traditionell trist) oder auch internationalen (traditionell pompös) Schachturnieren ist sehr gut eingefangen.

Ein bisschen Kritik muss allerdings erlaubt sein. Die Dialoge bei der Stellungsanalyse von Schachpartien oder auch die (vorgeblich fachkundigen) Kommentare zu Stellungen sind eindeutig auf ein weniger schachkundiges Publikum zugeschnitten. „Eine Stellung wie eine Festung, mit den Läufern als Bewachern an den Flanken“ oder so ähnlich, enthält für den echten Spieler keinerlei Information, klingt aber irgendwie interessant. Oder die bedeutungsschwangere, geflüsterte Ankündigung eines „Matt in drei Zügen“ – Unsinn! In Meisterpartien geben die Spieler auf, wenn sich die Stellung strategisch verloren ist und nur der Möglichkeit einer mehrzügigen Mattkombination droht. Mit einem Matt in drei Zügen kann man keinen fortgeschrittenen Spieler beeindrucken. Die Schach-Konversationen haben in der Serie oft wirklich nur Anfängerniveau und wurden mit Sicherheit ohne die Beratung durch Garri Kasparow geschrieben.

Außerdem geben fast alle Spieler, die Beth Harmon im Laufe ihrer Karriere „umnietet“, äußerst höflich und als Gentleman auf. Es wäre schön, wenn es so wäre, aber fast alle starken Schachspieler sind schlechte Verlierer und halten zumeist nur wortlos die Uhr an, wenn sie aufgeben wollen. Als höchsten Ausdruck ihres Respekts geben sie vielleicht kurz (und kraftlos) die Hand zur Aufgabe. Da bastelt die Serie eine heile Welt, die es nie gegeben hat.

Ein weiteres Ärgernis (und damit will ich es mit dem Genörgel gut sein lassen) ist die Figur des Benny Watts (gespielt von Thomas Brodie-Sangster). Er ist in der Serie amtierender US-Meister im Schach, läuft nur mit Hut und Ledermantel herum, macht einen auf dicke Hose und trägt (zur Verteidigung gegen wen auch immer) stets ein Messer am Gürtel. Wie so oft darf ich mich da der Meinung meines Lieblings-Großmeisters Jan Gustafsson anschließen: Ich verstehe die Figur nicht, weder seine Intentionen noch seinen Anspruch und finde auch in der Schachgeschichte kein reales Vorbild für diesen Typen. Ich kaufe dem Schauspieler die Figur und der Figur ihre Existenz nicht ab. Also, Benny Watts, f**k off!

Abgesehen von diesen Punkten ist „Das Damengambit“ eine spannende Serie und die Hauptdarstellerin reißt mit ihrer Präsenz und ihrem intensiven (Schau-)Spiel vor wirklich toller Ausstattung alles wieder raus, so dass ich summa summarum eine glatte Anschau-Empfehlung aussprechen kann!

Wie auch in anderen Genres ist es eben nicht einfach (siehe meine Anmerkungen zu den Musik-Filmen >>>), einen Mittelweg zwischen Unterhaltung eines möglichst großen Publikums und der Befriedigung der jeweiligen Nerds zu finden! 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gige plays Bossa Nova

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Aufmerksame Leser mögen bemerkt haben, dass ich bis hier den Text des Beitrags vom 07.07.2020 kopiert habe. Denn auch damals hatte ich einen Tonträger von mir besprochen. Ebendies möchte ich auch heute machen.

Mit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 blieb für uns Live-Musiker nur der Weg von der Bühne zurück ins heimische Wohn- bzw. Übungszimmer. Wie ich bereits in diesem Beitrag >>> geschrieben hatte, kaufte ich mir aus Frustration über den Lockdown eine klassische Gitarre (nun ja, korrekterweise ist es eine Flamenco-Gitarre, aber wer wird es wohl so genau nehmen wollen?) und begann das darauf zu spielen, was ich zum Einen schon kannte und zum Anderen auch gemäß Überlieferung für eine Nylon-Gitarre obligatorisch ist: Bossa Nova!

Natürlich sind mir im Laufe der letzten Jahre eine Menge Bossas über den Weg beziehungsweise über das Griffbrett gelaufen: Die Standards Blue Bossa und Recordame (welche nicht von einem Brasilianer komponiert wurden) und natürlich das wichtigste Jobim-Zeugs Girl from Ipanema, Desafinado, Corcovado und noch einige mehr. Allerdings betrachtete ich die Vertreter der Bossa Nova eher als Komponisten im Grunde stets identisch klingender Fahrstuhlmusik. Ich begann, mir etwas Hintergrundwissen drauf zu schaffen.

Nach etwas Recherche bei der nahezu allwissenden Wikipedia und in Youtube (dort ist nichts deutschsprachiges und wenig englischsprachiges zu finden, immerhin ein paar schöne Dokus der BBC) stieß ich auf ein (gedrucktes) Buch, in welchem tatsächlich alles drin steht: Bossa Nova – The Sound of Ipanema. Eine Geschichte der brasilianischen Musik, von Ruy Castro. Ein tolles Buch mit unglaublich vielen Namen und Unmengen an Informationen, dabei noch in wirklich witzigem Ton geschrieben und offensichtlich gut ins Deutsche übertragen. Ganz sicher wird eine Besprechung in diesem Blog folgen. Im zweiten Lockdown habe ich jetzt ja Zeit…

Ich lernte viele Protagonistinnen der Bossa Nova kennen und stellte schon nach den ersten Seiten fest… ich habe wirklich keine Ahnung! 

Es gibt unterschiedliche Ansätze, mit derlei Unkenntnis umzugehen. Ich habe Freunde und Musikerkollegen, die lassen einfach die Finger von jeglicher Musik, von der sie nicht eingehend alles verfügbare Material studiert haben. Und weil das gerade im fortgeschrittenen Alter kaum realisierbar ist, bleibt es beim Finger-davon-lassen. Andere werfen sich mit Feuereifer auf das Material und recherchieren bis zum St. Nimmerleinstag, ohne dabei jemals einen Ton zu spielen – aus Respekt vor der Musik. In beiden Versionen kommt nix Anhörbares für den Rest der Welt dabei raus.

Ich hatte solche Berührungsängste nie. Man darf Blues spielen, ohne aus dem Süden der USA zu stammen, man darf Gipsy-Swing spielen, ohne in irgendeiner Weise mit Django Reinhardt verwandt zu sein, man darf als Bayer Irish- und sonstigen Folk von den Inseln spielen und natürlich auch Bossa Nova, selbst wenn man nicht in Brasilien geboren wurde. Wirklich alle Musiker, die aus einer solchen privilegierten Gruppe stammen und mit denen ich das Vergnügen hatte, in den letzten Jahren ihre jeweilige Musik zu spielen, sahen das extrem locker und freuten sich immer, wenn ihre Musik mit Engagement und Herzblut gespielt wurde, auch wenn sich bisweilen technische oder kulturelle Unzulänglichkeiten offenbarten. Die deutschen Meisterspieler, legitimiert durch einen Auslandsaufenthalt oder jahrelangen Unterricht, sind da wesentlich strenger. So gibt es neben der der Jazz- auch eine Gipsy-Swing-, Irish-Folk- und Bossa-Nova-Polizei. Ganz sicher!

Mir war dies, wie bereits erwähnt, einerlei und ich gewann meinen Mitmusiker Clemens Bröse erneut für eine Aufnahmesession im bandeigenen Übungsraum, wie wir es schon bei dreipunktnull durchgezogen hatten. Dies war bereits am 28. Mai 2020. Ihr seht schon, ich blogge wirklich selten. Und wieder nahm Clemens mit erstaunlicher Geduld einen Take nach dem anderen auf, wobei kein einziges Mal irgendeine Äußerung von Ungeduld oder sonstigem über seine Lippen kam. Allerdings waren auch nur insgesamt acht Songs geplant, es würde also eine wirklich kurze CD werden. Und ich habe auch ziemlich ordentlich gespielt, so dass nach nur einem Aufnahmetag genug Material für die CD vorhanden war.

Das technische Setting war wirklich schlicht, aber klanglich überzeugend: Zwei Beringer-Mikrophone und eine Spanische Gitarre, das war es im Prinzip schon. Natürlich hat Clemens nebenbei beim Aufnehmen einige Stunden hochwertiges Videomaterial produziert, welches ein video-affinerer Musiker, als ich es bin, sicherlich zu einigen knackigen Werbevideos für die neue CD umgearbeitet und geschnitten hätte, doch es fehlte mir trotz monatelanger Auftrittssperre hierfür die Zeit. Kaum zu glauben, oder?

Den Mix und das Mastering des Rohmaterials erledigte, wie schon bei allen meinen Solo-CDs zuvor, Oskar Schrems im Tonstudio Success, wie immer schnell und in exzellenter Qualität!

Eingespielt habe ich

Triste (Antônio Carlos Jobim). Ein schöner Bossa vom Meister-Komponisten der Bossa Nova schlechthin. Ein harmonisch komplexer Song mit dennoch eingängiger Melodie.

Batacuda (Luiz Bonfá). Ich finde meine Interpretation des Fingerstyle-Vorzeigestücks von Meister Bonfá gelungen, muss aber offen gestehen, dass ich an die wirklich superbe Technik des Vorbilds nicht herankomme. Dennoch ein flotter Samba (?)… oder halt eine südamerikanische Picking-Nummer. Luiz Bonfá hat um die jeweilige Stilistik seiner Songs nie ein Gewese gemacht.

Só Danço Samba (Antônio Carlos Jobim). Ein getragener Samba mit pfiffiger Rhythmik in der Melodie. Im Ensemble eine nicht zu komplizierte Sache, als Fingerstyle-Stück bei weitem nicht so trivial.

Se É Tarde, Me Perdoa (João Gilberto). Eine Komposition von Gilberto ohne den charakteristischen Gesang? Doch, das geht! Aus dem Portugiesischen übersetzt lautet der Titel in etwa „Sorry, dass ich schon wieder zu spät komme“, was sich wohl durch das Leben des großen João Gilberto gezogen hat. Und weil wir alle so gut Portugiesisch sprechen, hat sich hier tatsächlich ein kleiner Schreibfehler in die (digitalen) Titelangaben auf der CD eingeschlichen. Wer ihn findet, erhält einen Fleißpunkt! 

Summer Samba (Marcos Valle). Der auch unter „So Nice“ bekannte Titel ist der Gold-Song des Marcos Valle. Eine wunderbar entspannte Samba. Auf mein Fingerstyle-Arrangement des zum Teil ziemlich vertrackten Songs bin ich stolz. 

Chega de Saudade (Antônio Carlos Jobim). Diese Jobim-Komposition war der erste Titel, der mit dem Label „Bossa Nova“ versehen wurde und ist neben Girl from Ipanema dessen zweite Hymne. Naja, wahrscheinlich gibt es noch ein Dutzend weitere… Die Form ist gefühlt unendlich lang, weshalb ich auf eine explizite Improvisation verzichtet habe.

Samba de Orfeu (Luiz Bonfá). Ein von Bonfá bereits 1956 wiederum für den Film „Orfeu Negro“ geschriebener Titel. Wie Batacuda eine echte Herausforderung auch für erfahrene Gitarristen.

The Girl from Ipanema (Antônio Carlos Jobim). Die Hymne der Bossa Nova (siehe oben). Sie wurde unzählige Male gecovert und ist bereits in einer ihrer ersten Aufnahmen ikonisch. Dennoch hier eine Version von mir. Und weil es schon Richtung Ende der Aufnahmesession ging und meine treue St. Pauli Gitarre noch ungespielt im Eck des Raumes stand, spielte ich Jobims Hit ausnahmsweise mit der unverstärkten Jazzgitarre ein. 

Wie schon bei dreipunktnull hatte ich eine schicke Release-Party geplant. Diese ist, wie schon die vorherige, der allseits beliebten Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. So gab es nur eine kleine Ankündigung auf Facebook und mit dem zugehörigen Blogbeitrag habe ich mir offensichtlich ja auch etwas Zeit gelassen.

Diese CD gibt es (schon wieder) nur als reale Silberscheibe, nicht als Download und nicht bei Spotify. Lieber beschränkt sich der Käuferkreis auf ein paar Hundert Menschen (die letzten, die noch irgendwo einen CD-Player zum Abspielen besitzen), als dass ich mich in die millionste Playlist von irgendwelchen desinteressierten Dauerstreamern einreihen lasse, denen es egal ist, was in die Ohrstöpsel tröpfelt. Klinge ich verbittert? Pardon!

Wer gerne eine CD haben möchte, schreibe mich unter jazz@gige.de an. Ich schicke ihr bzw. ihm gerne eine zu, worauf sie oder er mir 10 Euro überweisen möge. Wenn es zwei Euro mehr sind, werde ich diesen Betrag sofort sinnlos für Porto und Verpackung verprassen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Saufen gegen Corona

Liebe Leser,

seit Mitte März hat sich aufgrund der Corona-Pandemie mein musikalisches Leben und Schaffen fast vollständig in mein Arbeitszimmer bzw. ins Internet verlagert. Und es scheint nicht besser weiter zu gehen! Ein zweiter Lockdown ist für November verkündet, was ich zwar als vernünftiger Bürger befürworte, als Live-Musiker allerdings bitter bedauere. Ein von Vielen ersehnter Impfstoff wird wohl frühestens Anfang 2021 – falls überhaupt – zur Verfügung stehen (und dann wahrscheinlich von den üblichen Verdächtigen als „Zwangsimpfung“ abgelehnt), uns also dieses Jahr sicher nicht mehr helfen.

Mir sind seit dem ersten Lockdown Dutzende von Gigs flöten gegangen, darunter viele kleine, wo es hauptsächlich um Ruhm und Ehre geht, allerdings auch einige wirklich lukrative. Und der nächste Lockdown steht an. Denn schlimmer geht immer.

Einige wenige rührige Veranstalter (siehe diesen Beitrag >>>) und Gastronomen hatten sich die Mühe gemacht, trotz persönlicher Sorgen und finanzieller Engpässe zumindest hin und wieder mit all den Auflagen Live-Konzerte zu veranstalten, sogar im späten Herbst, wo ein Sitzen im Freien beim besten Willen keinem mehr zugemutet werden kann. Insbesondere mein Lieblings-Cafe im Südosten Nürnbergs hat mich trotz Corona mindestens einmal im Monat zu einem Abend mit Livemusik als Künstler eingeladen. Solange bis zum Spätsommer viele Gäste im vorgeschriebenen Abstand auf dem Bürgersteig vor dem Cafe einen Platz fanden, hat das für uns beide (also den Wirt und mich) recht gut funktioniert. Beim letzten Mal am 22.10. allerdings nicht so besonders.

Zwar waren alle wenigen Tische, die im korrektem Corona-Abstand gestellt sind, tatsächlich reserviert und auch von mindestens einem Pärchen besetzt, aber diese Gäste (fast ausschließlich Neukunden bzw. -Fans, was ja an und für sich prima ist) haben kaum etwas verzehrt. Der Künstler-Hut war zwar ordentlich gefüllt, nicht so aber die Kasse des Wirts. Wenn an zwei Tischen, welche wiederum jeweils mit zwei Personen besetzt sind, insgesamt um die 20 Euro am GANZEN ABEND umgesetzt werden, kann sich selbst jeder (Betriebs)Wirtschafts-Laie ausrechnen, dass das so nicht funktionieren wird. 

Dass ein Gast einen ganzen Abend lang an einem Getränk nuckelt, ist mir zuletzt in den 1970er Jahren aufgefallen, als wir als Mofa-Gang zu zehnt in unserer Vorstadtkneipe stundenlang ein (1) kleines Bier belagert hatten. Zur Abhilfe Eintritt zu erheben, ist nicht im Sinne des Erfinders, denn der Wirt Micha möchte keine Konzerte veranstalten, sondern seinen Gästen ein gehobenes Gastronomieerlebnis bieten. Das klingt jetzt etwas gestelzt, trifft aber den Punkt. Der Gast soll bei gepflegter Live-Musik in gemütlicher Atmosphäre einen schönen Abend mit seinen Freunden oder den übrigen Gästen verleben und dabei natürlich die leckeren Angebote der Gaststätte bzw. des Cafes genießen. Wenn er dann noch einen kleinen (oder mittleren) Obolus für den Künstler da lässt, entsteht eine Win-Win-Win-Situation.

In Nürnberg und Umgebung gibt es nicht zu viele Gaststätten, die ihren Gästen derlei regelmäßig bieten, wobei von diesen die meisten schon im März die Live-Saison abgebrochen und bis dato nicht mehr aufgenommen haben. Als Versuch wollte Micha für die nächste Veranstaltung erstmalig einen Mindestverzehr festlegen, was ich für richtig halte. Wahrscheinlich kostet mich das einiges an Spenden, aber wenn für das Cafe gar nichts übrig bleibt und sogar noch der allmächtigen GEMA ein Betrag gezahlt werden muß, dann würde ich es als Wirt lieber sein lassen. Und dann bleibt mir als Musiker… richtig, gar nichts.

Doch gottseidank haben wir ab November 2020 wieder einen Lockdown (was an diesem – wie bisweilen kolportiert – „light“ sein soll, konnte weder den Gastronomen noch den Kulturschaffenden vermittelt werden), wodurch die oben erwähnten Gäste noch mehr sparen können, da das Cafe schließen muss.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Schach 2020

Liebe Leser,

Corona hat uns immer noch im Griff. Dennoch habe ich ordentlich Arbeit, nur eben viel zu selten auf der Bühne. Und das wird sich wohl zumindest in diesem Jahr auch nicht mehr großartig ändern. Von daher heute mal was ganz anderes: Schach.

In den seligen 1980ern war ich tatsächlich aktiver Schach-Vereinsspieler. Hier kann man über die Position des Bindestrichs trefflich streiten. Schachverein-Spieler gilt auch, wobei die Betonung auf „Vereinsspieler“ herausheben soll, dass es etwas mehr als eine Freizeitbeschäftigung im Sinne eines sporadischen Minigolf-Spielens war.

Meine unglaublich beeindruckende Schach-Karriere währte etwa von 1982 bis 1992, wobei ich es zu zwei Vereinsmeisterschaften (in Gruppe 4 bzw. 3 des kleinen Nürnberger Vorstadtvereins) und einer Platzierung im vorderen Viertel bei der offenen Stadtmeisterschaft von Paderborn brachte. Alles in allem echt lausig. Für Insider: Meine beste Ingo-Zahl betrug etwa im Jahr 1989 135 Punkte, umgerechnet etwas mehr als 1700 Elo.

Seit nunmehr fast 30 Jahren habe ich meine (ohnehin bescheidenen) schachlichen Fähigkeiten weggepackt und die Entwicklung des königlichen Spiels nicht weiter beachtet. Der legendäre Gary Kasparov verlor seinen Weltmeistertitel an irgendeinen Jüngeren, der Welt-Schachbund FIDE verlor seine Bedeutung (und erlangte sie wieder) und Computer begannen, Groß- und sogar Weltmeister regelmäßig zu besiegen und übernahmen das Spiel, welches sie heutzutage uneingeschränkt beherrschen.

Als die Corona-Pandemie die Durchführung von Turnieren und Mannschaftswettkämpfen unmöglich machte, verzogen sich viele Meister in die keimfreie Umgebung des Internets und begannen, Beiträge, Lehrvideos und ganze Schachturniere zu streamen. Insbesondere der Internationale Meister (IM) Georgios Souleidis mit seinem Youtube-Kanal „The Big Greek“ weckte durch seine unterhaltsamen und durchaus lehrreichen Beiträge nach vielen Jahren wieder mein Interesse am Schach.

Doch das Spiel, so wie ich es kannte und erlernt hatte, hat sich tatsächlich verändert. Es ist eben nicht wie Fahrradfahren, was man angeblich nicht verlernt. Durch die bereits erwähnte Machtübernahme der Computer haben Züge und Eröffnungen Einzug gehalten, die ein Mensch mit Kenntnis der grundlegenden Spiel- und Strategie-Regeln so nicht ziehen würde, welche aber natürlich dennoch funktionieren. Jegliche mir bekannte Eröffnung, die ich mir in meinen jungen Jahren in mühevoller Arbeit erarbeitet hatte, ist von jungen Spielern unter Zuhilfenahme mächtiger Engines bis zum 30. Zug aus-analysiert. 

Nun hat sich das Schach, nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie, aus muffigen Vereinslokalen und kargen Hinterzimmern ins Internet verlagert. Auf Plattformen wie chess24 oder lichess kann Tag und Nacht gespielt werden, ein Gegner findet sich immer. Im schlimmsten Fall springt die KI ein. Selbige kann übrigens jede Partie, welche man soeben gegen irgendeinen russischen IM verloren hat, sofort in weltmeisterlicher Tiefe analysieren, so dass zum Beispiel die gerne veröffentlichten Kommentare zu einer gespielten Partie heutzutage allesamt von jedem Patzer unter Zuhilfenahme der mächtigen Engines erstellt werden können, was aufgrund ihrer überwiegenden Unfehlbarkeit schon wieder ein Stück Tradition aus dem Schach entfernt. So wie großmeisterliche Analysen, Hängepartien und das gesamte Fernschach.

Die Machtübernahme der Maschinen beim Königlichen Spiel hat zur Folge, dass das althergebrachte Format der „Langpartie“ (zwei Stunden Bedenkzeit pro Spieler für die ersten 40 Züge, danach neues Zeitkontingent mit eventuell anschließender Unterbrechung = Hängepartie) wesentlich kürzeren Spielvarianten weichen musste. Diese Kurzpartien (Schnell- bzw. Blitzschach) sind auch online unterhaltsam anzusehen und verringern insbesondere bei den Blitzpartien das Risiko des Cheatens, da ja für die Zuhilfenahme einer Engine die jeweiligen Züge in ein zweites System eingegeben werden müssen. In akuter Zeitnot haben die Betrüger dann oft eben nicht mehr die Sekunden, solcherlei durchzuführen. Ich komme darauf später nochmals zurück.

Zudem umgeht die verkürzte Bedenkzeit die in den 1980er Jahren durchaus verbreiteten Theorieschlachten, bei denen die Spieler die ersten 20-30 Züge auswendig abspulten, da sie die gängigen Variantenbäume in der Vorbereitung tief analysiert hatten. Bei äußerst knapper Bedenkzeit fällt es wesentlich schwerer, auch gegen strategisch zweifelhafte Eröffnungen am Brett eine Widerlegung zu finden. Die jungen Spieler der Weltelite testen inzwischen ihre Eröffnungen statt im heimischen Arbeitszimmer lieber in unzähligen Blitzpartien gegen eine weltweite Gegnerschaft. Das finde ich nun wieder cool. Durch die zahlreichen Onlineplattformen ist es nicht zu unwahrscheinlich, mal gegen einen Spieler aus der Weltspitze zu blitzen. Ein Ereignis, das in analogen Zeiten undenkbar war.

Mein persönliches Lieblingsformat der Schachvideos auf Youtube ist das sogenannte „Geschwätzblitz“ (engl. Banter Blitz), bei dem ein starker, meist prominenter Spieler gegen (meistens) schwächere Gegner antritt und dabei live die Partien kommentiert. Natürlich wird dies von der jeweiligen Plattform genutzt, um sogenannte Premium-Mitglieder zu werben, welche dann einen monatlichen Mitgliedsbeitrag bezahlen müssen. Chess24.com ist hierbei besonders rührig. Aber die haben den Jan Gustafsson. Und das ist mal ein Typ!

Jan Gustafsson ist ein Schachgroßmeister mit einer aktuellen Elo-Zahl (eine internationale Wertungseinheit für die Stärke von Schach- und Go-Spielern) von etwa 2640, was in Deutschland etwa Platz 3, international etwa Platz 120 bedeutet. Für mich ist er allerdings als Moderator der regelmäßigen Geschwätzblitz-Sendungen (welche auf Twitch und Youtube gestreamt werden) die Nummer 1!

Er kommt stets zu spät zu seinem eigenen Stream (welcher zumeist im eigenen Keller-Home-Office aufgenommen wird), ist traditionell schlecht gelaunt und „schnackt“ im sympathischen Hamburger Idiom am liebsten über Gott und die Welt, statt über die jeweils gerade laufende Blitzpartie, auch wenn er von den Schach-Nerds aus der Zuschauerschaft und seinem Arbeitgeber ständig angehalten wird, eben dies verstärkt zu tun. Da er etwa die zehnfachen Einschalt- bzw. Klick-Quoten seiner wesentlich schach-bezogeneren KollegInnen hat, wehrt er solche Aufforderungen super-trocken ab oder ignoriert sie wenige Minuten nach der Beteuerung, er werde „heute wirklich nur über Schach sprechen.“ Herrlich!

Alle Patzer beim Spiel, die ihm trotz seiner gewaltigen Spielstärke natürlich unterlaufen, kommentiert er selbstironisch als „wieder einmal echt großmeisterliches Spiel“ und penetrante Hater oder Fanatiker, welche den Chat vollschreiben, verweist er mit einer kurzen, trockenen Bemerkung der Plattform: „Ok, du magst mich offensichtlich nicht. Dann mag ich dich vermutlich auch nicht. Warum gehen wir uns dann nicht einfach aus dem Weg?“

Trifft er auf einen Cheater, der ihn in der Partie mit fehlerfreiem Spiel vom Brett fegt („BenutzerXY spielt heute die Partie seines Lebens!“), kann ihm das schon mal die Laune verhageln (solche Betrüger sind erst durch eine KI-gestützte Analyse im Nachhinein zu identifizieren und werden dann natürlich gebannt), aber, wie es Jan mit den Worten des Hulk in Avengers 1 sagt, er sei ja „immer wütend.“

Tatsächlich hat er durch seine jahrelange Erfahrung auch eine Strategie entwickelt, um einen positiven Score auch gegen Cheater zu erreichen. Er verhindert so gut es geht ein mattgesetzt-werden im Mittelspiel, wo der KI-unterstützte Gegner natürlich fehlerfrei spielt. Oft reicht aber im weiteren Verlauf der Partie die Zeit nicht mehr für die Übertragung der Züge zur Engine und der Gegner muss sich die Züge selbst einfallen lassen. Hier steigt dann die Fehlerquote exorbitant an, so dass Jan die Partie nicht zu selten noch zu seinen Gunsten entscheiden kann. Das freut dann den Meister nebst seinen Zuschauern…

So hat mir „Berufsjugendlicher und Schachgroßmeister“ Jan Gustafsson schon einige unterhaltsame Abende beschert. Und wenn er mich noch ein bisschen beackert, werde ich Premium-Mitglied bei Chess24.com. Bestimmt!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

RIP Maddin

Liebe Leser,

ach, ist doch alles Sch…!

Gestern ist Martin Kapfenberger gestorben. Kapfi (oder im besten Fränkisch „der Maddin“) wurde nur 64 Jahre alt. Über 20 Jahre hat er im legendären Kreuzwirtskeller (KWK) in Hilpoltstein die Veranstaltungen organisiert, gemanagt und durchgeführt, also im wahrsten Sinne des Wortes über die Bühne gebracht. Nach seiner Krebserkrankung ist er nun viel zu früh von der Bühne abgetreten. 

In all den Jahren, in welchen ich selbst des öfteren die Ehre hatte, unter seiner Ägide im KWK aufzutreten, habe ich ihn nicht ein einziges Mal schlecht gelaunt erlebt, auch wenn die Umstände eines Gigs im winterlichen Kreuzwirtskeller aufgrund der Beheizung durch einen kleinen Holzofen und der stets mangelhaften Belüftung bisweilen schon etwas widrig sein können. Mehr als einer weit angereisten Band hat er die Übernachtung in seinen eigenen vier Wänden ermöglicht, wenn eine Heim- oder Weiterreise zu fortgeschrittener Stunde nicht machbar war.

An meinem ersten (Solo-)Gig im KWK gab es Bärlauch-Fleischküchle (Frikadellen) von Marga, seiner Ehefrau. Ich war hin und weg ob der gehaltvollen Leckerei und habe mit Sicherheit einige zuviel verzehrt. Von da an war es Usus, dass bei einem Gig von mir oder mit meiner Mitwirkung Bärlauch- oder zumindest Standard-Fleischküchle gereicht wurden, im Speziellen mir. Als Marga einmal nicht zum Braten kam, hat sich Martin in seiner stets knappen Freizeit selbst an den Herd gestellt und die leckeren Bällchen hergestellt, nur damit der Gige zufrieden ist und die (niemals offiziell formulierte) Tradition gewahrt blieb. Neben vielen witzigen und gehaltvollen Gesprächen im und vor dem Keller bleibt dies meine Lieblings-Erinnerung an den Maddin.

Dass er natürlich neben seinem Engagement im KWK auch Familienvater, Lehrer und Stadtrat war, könnt Ihr hier nachlesen:

Artikel im Donaukurier

Maddin, Du wirst mir und vielen, vielen Menschen sehr fehlen! Die Reihe der Musiker, die auf der Facebookseite des Kreuzwirtskeller kondolierten, ist schier endlos. Wenn ich dereinst im Musiker-Himmel ein Konzert meiner Vorbilder besuchen werde, wird am Eingang des Etablissements der Maddin sitzen und wir können unser Gespräch in aller Ruhe fortsetzen!

R I P

Im Andenken

Gige

Sommer Session Oberhaid 2020

Liebe Leser,

ein echtes Highlight in meinem musikalischen Jahr ist die „Sommer Session Oberhaid“, welche seit über 20 Jahren im Juli im beschaulichen oberfränkischen Oberhaid stattfindet. Anfangs als kleine Session am Waldrand gestartet, entwickelte sich die Session unter der Leitung des Unternehmers und Musikers Gerhard Förtsch schnell zu einem überregionalen Ereignis, welches in den letzten Jahren jedes Mal 1500 – 2000 Besucher anzog.

Das musikalische Zentrum bildet hierbei die Truppe aus Musikern alter und aktueller Bands rund um den Sänger, Gitarristen, Mundharmonikaspieler, Schlagzeuger und Mundtrompetenspieler Gerhard Förtsch und den Sänger und (hervorragenden) Gitarristen Philipp Arnold. Die Session-Band ist mit fünf Musikern (Gitarre, Gitarre, Keyboard, Bass, Schlagzeug) komplett besetzt und liefert das Rahmenprogramm zur Session, welche in normalen Jahren schon mal gute sechs Stunden dauert, wobei hier jede Menge Gäste solo, mit dem eigenen Ensemble oder eben zusammen mit der Session-Band auftreten.

Ich hatte in den vergangenen Jahren schon mehrmals in Oberhaid gespielt (der einzige Jazzer auf weiter Flur) und mich über die Einladung zur Session 2020 riesig gefreut. Nun ist ja dank Corona seit März alles anders. Es erschien mir im Mai völlig aussichtslos, dass eine Veranstaltung dieser Größe in Corona-Zeiten durchgeführt werden könnte. Und mit maximal 100 Personen (oder vielleicht 200) über einen Sportplatz verteilt hätte es wohl keinen Sinn.

Doch Gerhard Förtsch ist nicht umsonst der erfolgreiche Gründer und jahrzehntelanger Geschäftsführer eines erfolgreichen Kommunikationstechnik-Unternehmens. Er beschloss, aus der Not eine Tugend beziehungsweise aus dem Live-Event einen Live-Stream zu machen. Es musste die Anzahl der auftretenden Musiker reduziert und für die gesamte Vorbereitung sowie den Abend selbst ein Hygienekonzept erstellt und auch kommuniziert werden. Das ganze sollte ohne Live-Zuschauer quasi im Garten von Gerhard stattfinden, welcher nicht leicht zugänglich im Oberfränkischen liegt. Am Freitag, also am Tag vor der Session, machte ich mich erstmals auf den Weg zum Aufbau und Soundcheck.

Das hatte ich mir definitiv… kleiner vorgestellt! Obwohl die Anzahl der Musiker in diesem Jahr auf ein gutes Dutzend beschränkt war, waren auf dem Gelände zwei „Bühnen“ eingerichtet (Abteile im großen und wunderschönen Garten), welche von einer Horde engagierter und fachkundiger Techniker und Helfer mit allem verkabelt wurden, was das Herz des Musiker begehrt. Naja, eben Strom und Zugang zum Mix per DI-Boxen oder Line-Out-Verteiler.

Stefan, der erfahrene Livesound-Mixer aus vielen Vorjahren, nahm dieses Jahr im Regieraum Platz, wo er zum Bild-Stream den (hervorragenden) Live-Sound mischte. Neben Hulk an der Bildregie und Thomas als Regieassistenz hatten diese drei dafür zu sorgen, dass das Material von 5 Kameras und unzähligen Mikrofonen unversehrt in den Stream gespeist wurde. Und wie man in Youtube 

https://www.youtube.com/watch?v=LzivMn3E1UQ&t=12315s

nachprüfen kann, ist es ihnen hervorragend gelungen. Es war eine immerhin 3,5 stündige Live-Sendung!

Zwischen den Sets der Sessionband (Gerhard Förtsch (git, voc), Philipp Arnold (git, voc), Robert Wild (b), Marc Dotterweich (keyb), Jürgen Stahl (dr)) gab es Auftritte einzelner Künstler solo, im reduzierten Ensemble oder mit der Sessionband zusammen. Es spielten bzw. sangen Wolfgang Rosenbusch, Eva Arnold, Simon Arnold, Jürgen Scharfenberg, Sophie Dirkea, Adam MacThomas, Nomi & Mac sowie meine Wenigkeit.

Wir Musiker hatten es wirklich gut! Bereits beim Soundcheck/Warm Up am Freitag war für das leibliche Wohl bestens gesorgt und am Samstag gab es sogar für die doch überschaubare Zahl an Musikern und ihren Angehörigen eine eigene Cocktail-Bar, die von dem lokalen Barkeeper Tobias Sack professionell bedient wurde. Ab etwa 17 Uhr stand ein reichhaltig bestücktes Buffet auf der Terrasse, das keine Wünsche offen ließ. Und gespielt haben wir auch – alles von ABBA bis ZZ Top, Folk, Rock, Blues, Schlager und Jazz. Eine Riesen-Sause mit durchgehend guter Musik!

Wie die Auswertungen ergaben, haben sich mehrere Tausend Menschen den Stream auf Youtube und Facebook angesehen. Es gab mehr als eine Garten- oder Grillparty, auf der die Session gesehen oder zumindest gehört wurde. Gerhard Förtsch führte witzig, locker und stets charmant durch den Abend, wobei er Moderation, Organisation und auch seine musikalischen Beiträge virtuos im wahrsten Sinne des Wortes „über die Bühne“ brachte. Eine gewaltige Leistung!

So war die Sommer Session Oberhaid 2020 auch in finsteren Corona-Zeiten ein echtes Highlight. Auch wenn wir natürlich alle hoffen, im nächsten Jahr wieder vor leibhaftigem Publikum spielen zu können, war die diesjährige Session ein echter Knüller. Zappt mal rein, vielleicht springt der Funke auch von der Konserve über. Wie immer war mein Jazz-Beitrag (präziser: Bossa-Nova-Beitrag) etwas deplatziert, kam aber gut an. Und die eine oder andere CD wechselte den Besitzer, was mich sehr freute. Besprechung der neuen CD folgt!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Durchlauferhitzer

Liebe Leser,

eigentlich wollte ich über meine neue CD schreiben. „Was denn, hast Du doch erst letzte Woche!“ werden aufmerksame Leser sagen. Aber nein, da gibt es doch schon wieder etwas Neues – die Spannung steigt ins Unermessliche. Gemach! Bald!

Statt dessen soll es mir – quasi eingeschoben wie dieser Einschub – um einen Menschenschlag gehen, der einem das Leben wirklich schwer machen kann. Ich nenne diese Leute Durchlauferhitzer, was elegant den Bogen zum aktuellen Blogtitel schlägt.

In fast allen meiner außermusikalischen Tätigkeiten muss ich in regelmäßigen Abständen irgendwelche Druckvorlagen oder Bilder an Hersteller von… nun ja, eben Zeitschriften, Zeitungen oder sonstigen Medien liefern. Ob ich hier als Designer, Layouter, Druckvorlagenhersteller oder Comiczeichner tätig bin, ist unerheblich. Das Prinzip ist stets dasselbe. Meine Redakteure, Hersteller oder Drucker sind alle lange im Geschäft und erfahren in ihrem Metier. Wie jeder Mensch mache ich Schreib- und auch sonstige Fehler, welche zumeist nach kurzer Konversation von mir oder auch meinem Gegenüber umgehend korrigiert werden.

Aber eine junge Dame, ihres Zeichens Sales Managerin bei einem kleinen Verlag, schickt mir JEDE Druckvorlage mit „Fehlern“ zurück. Unglücklicherweise habe ich bei dieser Ansprechpartnerin ein nervöses Händchen, so dass mir tatsächlich überdurchschnittlich viele Ungenauigkeiten oder Fehler unterlaufen. Es ist wie verhext. 

Nun ist es so, dass meine Geschäftspartner ihr Handwerk verstehen. Schicke ich zum Beispiel an meine Lieblingsdruckerei (Müller, 90461 Nürnberg – ein bissl Werbung kann in diesen Zeiten nicht schaden) einen Schwung Bilder, bei denen eins aus Versehen im RGB- und nicht CYMK-Format vorliegt, korrigiert dies der Mediengestalter meines Vertrauens ohne großes Tamtam. 

Von Frau Sales Managerin (die zufällig die Tochter des Verlagsleiters ist, welcher zufällig Vorsitzender des Bundesinnungsverbands ist… es ist zum Weinen!) bekomme ich aber JEDE Arbeit zurück, weil ihre Grafikerin mit der Layoutsoftware einen stumpfen automatisierten Check ausführt, der diverse Fehlermeldungen spukt. Und hier kommt die Krux. Frau Sales Managerin ist nämlich fachfremd. Meine Nachfragen oder auch flinken Workarounds versteht sie gar nicht. Dürfte ich direkt mit der Grafikerin oder der Herstellung kommunizieren, wäre das jeweilige Problem schnell aus der Welt geschafft. Dann hätte Frau Sales Managerin allerdings auch keinen Job mehr. Und das geht nicht, weil Tochter des Verlagsleiters, der seinerseits… und so weiter.

Diese Durchlauferhitzer, die es in jedem Betrieb und jeder Organisation gibt, welche aus familiären oder sonstigen Gründen Minderbegabte an Schreibtische setzen, sind eine echte Plage. Unfähig oder unbefugt, selbständig Entscheidungen zu treffen, sind sie sich ihrer misslichen Lage und ihres unsicheren Jobs bewusst und stets bemüht, sich – zumindest augenscheinlich – unentbehrlich zu machen, indem sie jedem Lieferanten penibel zur Einhaltung auch der sinnlosesten Regelung verpflichten, nur weil sie eben selbige endlich auswendig gelernt haben.

Wegen dieser Beschränktheit wird jede direkte Kommunikation zwischen den Experten (was hier nur branchenspezifische Kompetenz meint) unterbunden – diese hat über den Durchlauferhitzer zu erfolgen.

Ich habe mir zur Beschleunigung meiner Arbeit inzwischen angewöhnt, einfach auch die absurdesten Forderungen meiner Managerin zu erfüllen. Manchmal garniere ich meine Mail mit einer kleinen Fachfrage („Wie genau soll ich die Auflösung einer Vektorgrafik vergrößern, welche per se keine dedizierte Auflösung hat?“), welche sie dann mit ihrer Grafikerin abklären muss, um nicht wie ein völliger Idiot darzustellen. Ja, albern, aber gut fürs Gemüt.

Bei einer besonders unsinnigen Reklamation habe ich einfach den Dateinamen meines ursprünglichen Werkes mit dem Zusatz „V2_korrigiert“ versehen und die unbearbeitete Datei erneut geschickt. Man bedankte sich für die umgehende Erledigung und die Sache war vom Tisch…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

dreipunktnull

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Also alte Jazzstandards solo mit Gitarre eingespielt, garantiert ohne Gesang. Jüngere unter der Leserschaft mögen sich nun fragen, was eigentlich genau so eine “CD” ist. Dieser etwas abgedroschene Witz wird schnell bedeutsam, wenn sogar die treuesten Fans beim Erwerb dieser Scheibe betonen, dass sie sich jetzt erst einmal auf die Suche nach einem geeigneten Abspielgerät machen müssten, um meine neueste Produktion tatsächlich anzuhören.

Ein ganz treuer Fan hat mich bei der Bestellung gebeten, doch ein paar Worte im Blog über die Scheibe zu schreiben. Dies freut mich doppelt, da ich zum Einen eine weitere CD unters Volk bringen konnte und zum Anderen tatsächlich hin und wieder jemand Beiträge auf diesem Blog liest.

Nun also – dreipunktnull. Schon seit der Veröffentlichung meiner ersten Solo-CD “Jazz” im Jahr 2012, bei der ich für ein Erstlingswerk wirklich vieles richtig, aber leider auch so manches nicht so doll gemacht habe, trage ich mich mit der Idee einer weiteren Veröffentlichung mit schönen Jazzstandards im Fingerstyle. 2015 erschien dann die etwas andere „Gige & Friends – Best of Van Heusen“, auf welcher ausschließlich Stücke von van Heusen zumeist in Duo-Besetzung dargeboten werden. 2019 war nun die Zeit für einen weiteren Tonträger, den die Welt wahrscheinlich wieder einmal nicht braucht. Insbesondere heutzutage, da wir jeden gespielten Ton online veröffentlichen und unentgeltlich (in den sozialen Medien) oder zumindest günstig per Streamingdienst zur Verfügung stellen. 

Nun, den Inhalt dieser CD gibt es nicht (legal) zum Downloaden oder Streamen. Der größte Anteil meines geneigten Publikums besitzt im Auto und oft auch noch zu Hause einen CD-Player mit zugehöriger HiFi-Anlage. 

Wie schon auf meiner ersten CD “Jazz” aus dem Jahr 2012 habe ich einige gut abgehangene Standards des Great American Songbooks nebst selteneren Stücken solo im Fingerstyle eingespielt, wiederum auf durchaus betagten Instrumenten. Den Anspruch, die Songs mit ihrem jeweiligen zeitgenössischen Gitarrensound zu versehen, habe ich inzwischen aufgegeben. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die Archtops ausschließlich akustisch spielen, warum hat er uns dann den Tonabnehmer und den Verstärker geschenkt?

Die Aufnahmen im Picking-Style à la Chet Atkins wurden mit einer No-Name-Gitarre aus den 1940er Jahren, die allerdings mit einem alten Framus-Pickup versehen ist, aufgenommen, die Balladen und einige Swing-Stücke mit einer Gibson L-5 1934 reissue, wobei ich mich hierbei eher an meine aktuelle Laune denn an eine feste Regel gehalten habe.

Beide Gitarren sind über einen AER Compact 60 gespielt, welcher von Clemens Bröse im Übungsraum unseres Jazztetts per DI und Mikro abgenommen wurde. Er hat mit größter Geduld und Bedachtheit an einem Tag alle wohlklingenden Takes der ausgesuchten Standards (und noch einige mehr) aufgenommen, mit denen ich anschließend zum Mixen ins Studio ging.

Den Mix und das Mastering erledigte wie seit über 30 Jahren Oskar Schrems im Tonstudio Success in Fürth. Im Gegensatz zu den 2012er Aufnahmen stand bei diesem Mix nicht der akustische Klang der Gitarre im Vordergrund, sondern der Sound des jeweiligen Songs. Oskar hat keine meiner bisweilen ausgefallenen Ideen im Vornherein abgelehnt und sie allesamt mit seiner Erfahrung und hochwertigster Technik wunderbar umgesetzt.

Die Songs auf dreipunktnull sind natürlich aus meinem Live-Repertoire und überwiegend Swing-Nummern bzw. Balladen aus den 1920er bis 1950er Jahren, wie immer mit ein paar Ausreißern.

Folgende Nummern findet Ihr auf der CD, in der Reihenfolge dieser Beschreibung::

S‘ Wonderful! aus dem Jahr 1927 von George Gershwin ist eine flotte Swingnummer zum Einstieg, gefolgt von After You‘ve Gone (1918) von Creamer & Layton. Ich liebe diesen Song! Er war bereits vor 100 Jahren (!!!) ein Nummer-1-Hit und hat nichts von seinem Charme eingebüßt. Und weil er sowohl als tragische Ballade wie auch als Medium-Swing taugt, spiele ich ihn auf dreipunktnull auch in beiden Versionen. Attila Zoller schrieb The Birds and the Bees im Jahre 1971. Ein tolles Stück, welches viel zu selten gespielt wird. Helmut Kagerer hat mich seine Version gelehrt, die mir so gefiel, dass ich sie sofort auf CD bannen musste. Jedes mit durchsetzungsfähigen Bläsern bestückte Ensemble spielt Caravan von Duke Ellington (1936). Als Stück für Solo-Gitarre ist es eher selten zu finden, in meinem aufregenden Arrangement schon gar nicht. Eine Zierde dieser CD! Der Gitarrist Joe Bawelino zeigte mir den wunderschönen Troublant Bolero von Django Reinhardt, erstmals 1948 erschienen. Für diese Nummer gibt es kein Sheet, keine Notation, ich habe es mir tatsächlich von Joe abgeguckt. Umso mehr freut mich die meines Erachtens sehr gelungene Einspielung. Es geht in sehr gemäßigtem Tempo weiter mit Cry Me a River aus dem Jahr 1953 von Arthur Hamilton, welches von Douce Ambiance (1943), einem weiteren Django-Reinhardt-Song abgelöst wird. Auch diese Komposition ist bis dato eher selten solo aufgenommen worden. Es folgt I’m Confessin’ That I Love You (1930, Ellis Reynolds) eine flotte Ballade (oder ein langsamer Swing), gefolgt von dem Heiligen Gral der Fingerstyler I Got Rhythm. Das Gershwin-Tune aus dem Jahr 1930 ist natürlich von jedem Jazzgitarristen schon einmal aufgenommen worden, weshalb ich für meine Version sicher keinen Innovationspreis gewinnen werde. Dennoch ein heftig swingender Fingerstyle-Klassiker! Das 1944 von Karl Suesddorf geschriebene Moonlight in Vermont ist eine wunderschöne, schon fast etwas klebrige Ballade. Das Intro habe ich von Joe Bawelino geklaut, zumindest von der Idee her. Out Of Nowhere von Johnny Green (1931) bietet einen swingenden, melodischen Song, bei dem als technische Finesse tatsächlich Vierteltriolen in der Melodie zur straiten Viertelbegleitung im Bass gespielt werden, was eine 2:3 Rhythmik innerhalb einer (Zupf-)Hand bedeutet. Beyond The Sea aus dem Jahr 1943 von Charles Trenet ist vielen als La mer bekannt und ein immergrüner Hit. Jeder hat „Findet Nemo“ gesehen! Softly as in a Morning Sunrise (1929) von Sigmund Romberg ist ein Medium-Swing mit einer groovenden Basslinie. Schon 1954 schrieb der geniale Jazzgitarrist Johnny Smith über die Akkorde von Softly as in a Morning Sunrise das ikonische Walk, Don’t Run, welches ich im zweiten Chorus zitiere. Der Swing Secret Love (Sammy Fain, 1953) und das tragische What Are You Doing the Rest of Your Life von Michel Jean Legrand aus dem Jahr 1969 schließen die CD ab.

Wenn Ihr, liebe Leser, auch zu meinen lieben Hörern werden wollt, dann bestellt Euch eine der edlen Silberscheiben bei mir (ganz einfach per Mail an info@gige.de) und lasst Euch von den Gitarrenklängen verzaubern. Ups, das klang jetzt etwas zu sehr nach Ricky King…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige