Das tapfere Schneiderlein

Liebe Leser,

der Konzertabbruch des allseits geschätzten Multiinstrumentalisten Helge Schneider beim Strandkorb-Open-Air in Augsburg liegt nun schon einige Tage zurück (23.07.2021). Dennoch gebe ich heute auch noch meinen Senf dazu ab. Und hier möchte ich an dieser Stelle wie der Kopf des äußerst unterhaltsamen Kanals „Moviepilot“ Yves Arievich betonen (und das gilt stets für alle meine Beiträge): Dies ist nur meine persönliche Meinung! Ihr habt eine andere? Kein Problem, schreibt es mir in die Kommentare. Wir können alle Freunde bleiben! Zur Sache:

Ich selbst bin und war nie ein besonderer Helge-Schneider-Fan. Er ist nicht uncool, aber von vielen überschätzt. Insbesondere diese Multiinstrumentalisten-Sache. Klar, er spielt Klavier und Orgel auf professionellem Niveau, aber alles andere ist zumeist nur eben Spaß am Herumdudeln. Was ich an ihm bewundere, ist, dass er seit Jahrzehnten sein Ding durchzieht, sich dabei einen Scheiß um den aktuellen Zeitgeist schert und unverdrossen den Jazz auf die Bühne bringt. Was ich an ihm nicht so mag, ist, dass er an eigentlich gelungenen Formaten schnell den Spaß verliert und selbige dann hinschmeißt. So geschehen zum Beispiel mit „Helge hat Zeit“ im Jahr 2012/2013. Und eigentlich ließ er es sich in den beiden Sendungen, die er dann durchgezogen hatte, heftig heraushängen, dass er weder vor dem Aufwand, welchen der WDR betrieben hatte, noch vor seinen jeweiligen Gästen wirklich Respekt hatte. Sei’s drum.

Nun ist der Helge allerdings auch ein Mensch wie wir alle und braucht es, das Geld. Gemäß Wikipedia hat Helge Schneider sechs Kinder mit vier Frauen. Ich denke mal, das kostet. Und so hat er für eine Reihe von sogenannten Strandkorb-Konzerten zugesagt, von denen er zumindest das erste noch absolviert hatte. Letzteres meine ich mitbekommen zu haben, man findet inzwischen kaum Spuren bereits vergangener Konzerte. Sprechen wir über Augsburg.

Nun kann ich mir aus eigener Erfahrung sehr gut vorstellen, dass einem Improvisations-As (das muss man ihm lassen) wie Helge Schneider ein permanentes emsiges Gewusel vor der Bühne bzw. zwischen den Strandkörben auf die Nerven geht. Der Veranstalter bot den Gästen wohl eine Bewirtung am Platz nach Bestellung per App. Ich habe schon allerhand Bedienungspersonal auf den unterschiedlichsten Veranstaltungen kennengelernt und weiß, dass diese Menschen auch nur versuchen, ihren zumeist schlecht bezahlten Job zu erledigen. Die jeweilige Darbietung auf der Bühne geht ihnen in den allermeisten Fällen am Allerwertesten vorbei. Solltest Du, lieber Leser, aus der Branche stammen und dies anders sehen, mögest Du gerne die Ausnahme sein. Mein persönlicher Feind ist ja der Milchaufschäumer. Die Lautstärke meines jeweiligen Songs und der akustische Aufwand zur Herstellung der aktuell bestellten Getränke sind generell indirekt proportional.

Das ist unschön, aber nicht generell zu ändern. Wenn es besonders stört, muss man eine Pause einlegen und den Sachverhalt mit dem Veranstalter bzw. Wirt klären. Wobei hier das Wort eines Helge Schneiders sicher mehr Gewicht hat, als beispielsweise meines. Bei besonders renitentem Personal half bisweilen die dem Chef vorgetragene Rechnung, wieviel man auf der jeweiligen Veranstaltung noch an Speisen und Getränken umsetzen kann, wenn sich die Band von jetzt auf gleich verabschiedet. Nebenbei sei noch festzuhalten, dass zur Zeit ja auch die Veranstalter sehr kreativ sein müssen, um überhaupt irgendeine Veranstaltung durchziehen zu können. Da erweist sich schon einmal die ein oder andere Idee im Nachhinein als nicht so gelungen (permanente Bewirtung am Platz oder so), aber solches weiß man erst hinterher. Dass besondere Umstände (die unselige Corona-Pandemie) auch besondere Maßnahmen erfordern, hätte der wirklich bühnenerfahrene Schneider wissen können.

Nicht besonders professionell finde ich es allerdings, wenn man nach einer Stunde Konzert feststellt, dass einen die Bedingungen jetzt doch zu sehr nerven und dann abbricht. Die Reaktionen des Augsburger Publikums waren hierbei gespalten. Die eine Hälfte sieht das offensichtlich so wie ich, die andere Hälfte haben Verständnis für den Meister, loben sogar sein Verhalten als „Statement“. Ok, die bejubeln es auch, wenn Helge eine Portion Pommes (rot-weiß) auf der Bühne verzehrt…

Ich sehe das so: Man spielt halt die vertraglich festgelegte Dauer, wegen mir auf Sparflamme, und macht sich dann zügig vom Acker. Das hat jeder Live-Musiker bestimmt schon mehr als einmal gemacht. Aber man bringt es zu Ende. Um es wie so oft mit Heinz Strunk zu sagen: Man liefert ab! Wenn Helge Schneider das nicht nötig hat, ist es gut für ihn. Ich kenne haufenweise gute Musiker, die hätten es nötig, kriegen aber die Jobs nicht.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Ein Kommentar zu „Das tapfere Schneiderlein

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