Liebe Leser,

auf Zeit-online habe ich soeben einen Artikel über die Sendung zur Verleihung des Deutschen Jazzpreises gelesen. Diese Veranstaltung, im Artikel übrigens mit gloriosen Sätzen wie „Nun, keine Sorge. Bei der fernsehgerechten Übertragung der erstmaligen Verleihung des Deutschen Jazzpreises verhindert eine unsichtbare Regie, dass viel Jazz gespielt wird“ kernig zurechtgestutzt, ist aber gar nicht Inhalt dieses Beitrags, Wobei man sich wie der Autor Ulrich Stock schon fragen darf, warum von der 1.000.000 € der Kulturstaatsministerin Grütters nur summa summarum 310.000 an die jeweiligen Preisgewinner ausgeschüttet werden (10.000 pro Person). Das nenn ich mal einen schlechten Wirkungsgrad! 

Ich möchte auf die Kommentare der Leser eingehen, insbesondere auf den folgenden, den ich hier abdrucke, bevor der ganze Artikel hinter der Bezahlschranke verschwindet:

Ein Jazzpreis widerspricht total dem Verständnis des Jazz. Jazz ist per Definition nicht definiert. Auch lässt sich Jazz nicht er-lernen sondern nur er-leben. Schulen und Lehrer können nur Handwerkszeug vermitteln, aber nicht das, was gelebte Kunst ausdrückt. Doch seit der Verschulung des Jazz muss man halt auch Noten geben, bewerten, Preise verleihen. Damit zieht man die Gewinner wie gezähmte Preisochsen mit einem goldenen Ring durch die Nase über den Marktplatz, oder gefaketen „Jazzclub“.

Zunächst ist festzuhalten, dass irgendwelche Auszeichnungen solange prinzipiell doof sind, wie man sie selbst nicht erhält. 

In Sachen „Erlernen vs. Erleben“ gebe ich zu, dass ich mir eine ähnliche Ansicht auch viele Jahre zu eigen gemacht hatte. Aber mit zunehmender Altersweisheit und auch Live-Erfahrung im Genre habe ich meine Meinung revidiert. Eine Verschulung schadet nicht. Weder dem Jazz noch anderer Musik. Natürlich klingen einige Songs meiner studierten bzw. studierenden Kollegen etwas akademisch und verkopft, aber genau das ist es, was den Jazz oder überhaupt die Musik weiterbringt. Den Mainstream spielen doch schon wir alten Säcke, warum sollten sich die jungen Cats da mit dazu auf den Markt werfen?

Das vehemente Argumentieren gegen ein Studium von Jazz (oder auch Rock) kommt nahezu immer von denjenigen, die ein solches aus diversen Gründen nicht absolvieren konnten oder wollten. Zumeist wird dann eine mangelnde Authentizität der Künstler:innen beklagt. Aber das ist erstens Ansichtssache, kommt zweitens bei den „Er-lebten“ genauso vor und verwächst sich drittens mit zunehmender Bühnenerfahrung.

Wenn die „gelebte Kunst“ die Lebensrealität der meisten Jazzer meint, dann bin ich mir sicher, dass sich die Mehrheit von uns – insbesondere in diesen bescheuerten Coronazeiten – für 10.000 € schon ganz gerne für eine halbe Stunde durch einen gefakten Jazzclub ziehen lassen würden.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Ein Kommentar zu „Die Verschulung des Jazz

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