Liebe Leser,

ich räume derzeit meinen Blog auf. Naja, das trifft es nicht wirklich. Eigentlich schaue ich mir meine Ordner mit den Texten durch, aus denen ich irgendwann mal einen Blogbeitrag machen wollte. Über die Corona-Misere werde ich dann nächste Woche wieder klagen. Ich stieß also beim Stöbern auf ebendieses inzwischen wohl mehr als fünf Jahre alte Textfragment (welches ich jetzt ohne das geringste schlechte Gewissen korrigiert, aktualisiert und ergänzt habe):

Manchmal schaue ich tatsächlich Fernsehen. Also so richtig live vor der Glotze und nicht auf im Nachhinein auf Youtube oder sonstwo. Das nennt man inzwischen (2021) „lineares Fernsehen“ und es ist total „out“ oder „lame“. Da lief am 18.11.2015 (!) in der ARD der interessante Film “Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit” mit dem von mir sehr geschätzten Tobias Moretti. Wie immer hatte ich mir vorab einige Kritiken zu dieser Fernsehproduktion durchgelesen. Das soll man ja eigentlich nicht machen, aber ich kann’s einfach nicht lassen!

Ich gehe zwar mit den notorischen Nörglern von FAZ und WELT konform, dass der Verzicht auf so manchen kitschigen Postkartenhintergrund dem Film ganz gut gestanden hätte, fand aber im Gegensatz zu manchen Zeitungskritiken die schauspielerischen Leistungen durchwegs gut, die von Moretti wieder mal hervorragend. Am Ende des Films, welcher in den späten 1950ern endet, teilt Luis Trenker seiner Ehefrau mit, dass er eine neue Beschäftigung anstatt des Filmens gefunden habe, nämlich das Geschichtenerzählen. Und wie dann Tobias Moretti den Trenker vor der Kamera mimt, wie er in den frühen 1960ern sein Publikum unterhält, dann ist das erste Sahne! Jede Geste und jedes Wort wie von Trenker persönlich.

Luis Trenker? Das wird vielen – insbesondere den jüngeren – Lesern nichts sagen. Daher jetzt eine kleine Klammer:

Luis Trenker, geboren als Alois Franz Trenker (* 4. Oktober 1892 in St. Ulrich in Gröden, Tirol, Österreich-Ungarn; † 12. April 1990 in Bozen, Südtirol, Italien), war ein Bergsteiger, Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller. 

Er diente als sogenannter Einjährig-Freiwilliger in der österreichisch-ungarischen Armee im Ersten Weltkrieg zunächst in Galizien, im Sperrfort Verle bei Trient und schließlich in den Dolomiten. Nach dem Krieg nahm er sein Architekturstudium wieder auf und arbeitete danach als Architekt in Bozen.

1921 kam der nebenberufliche Bergführer Trenker quasi zufällig zum Film, weil er – vom Regisseur Arnold Fanck ursprünglich als Helfer engagiert – den kletterunkundigen Hauptdarsteller des Bergfilms Berg des Schicksals kurzerhand ersetzen durfte. In dem Fanck-Film Der heilige Berg (1926) war er bereits als Schauspieler etabliert und spielte dort an der Seite der jungen Tänzerin Leni Riefenstahl, die später die Regisseurin der Nationalsozialisten werden sollte.

Trenker gab sein Architekturbüro auf, lebte ausschließlich als Regisseur und Schauspieler und übersiedelte 1927 nach Berlin. Bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein produzierte er Berg- und Abenteuerfilme, die sowohl beim italienischen Mussolini- wie auch beim deutschen Hitler-Regime sehr gut ankamen, so dass der Südtiroler lange Zeit ein gutes Auskommen hatte und hohes Ansehen genoß.

Aufgrund seines Zögerns und langen Lavierens in der schwierigen Optionsfrage (die Südtiroler bzw. die Ladiner hatten sich zwischen einem Anschluss ans Deutsche Reich, was mit Umsiedlung verbunden war, oder mit der Zugehörigkeit zum faschistischen Italien zu entscheiden) fiel Trenker bei der NS-Führung dann im Frühjahr 1940 in Ungnade. Er wurde mit einem Berufsverbot belegt und siedelte von Berlin zunächst nach Rom, später nach Südtirol um. Die meisten Historiker schätzen das Verhalten Trenkers während des Nationalsozialismus/Faschismus weder als rebellisch noch als kollaborativ ein, sondern einfach als opportunistisch. Man musste halt sehen, wo man bleibt…

Nach dem Krieg, beim Versuch, sich über Wasser zu halten, entwickelte er Geschäftsmodelle, die bei Lesern meiner Generation, die den Film Schtonk! aus dem Jahre 1992 und auch die zugrunde liegende Spiegel-Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher im Jahr 1983 noch gut im Gedächtnis haben, Erinnerungen wecken: Zunächst verkaufte er frisch gefertigte Schnitzereien (in diesen Zeiten gab es im Grödnertal unzählige Holzschnitzer) als Antiquitäten, nachdem er sie mit Schrot beschossen, mit dem Lötkolben versengt oder zeitweise in der Erde vergraben hatte.

1946 versuchte er das Manuskript von Tagebüchern der Eva Braun in Europa und den USA zu verkaufen, was ihm auch einige Male gelang. Erst 1948 wurde diese Unternehmung von der Familie Braun mit Leni Riefenstahl (!) als Nebenklägerin durch eine einstweilige Verfügung des Landgerichts München I gestoppt. Die Urheberschaft an den Tagebüchern, welche real natürlich ebensowenig wie diejenigen von Hitler existierten, wurde nie endgültig geklärt. Man geht aber von Luis Trenker aus, auch wenn er dies später mehrfach dementierte.

In den 1950er Jahren begann Trenker dann, wieder Filme zu drehen, und war damit auch bis in die 1960er Jahre durchaus erfolgreich. 1959 lief im Bayerischen Rundfunk die Sendung Luis Trenker erzählt an, welche ich in den 1960er und 1970er Jahren im Fernsehen und jetzt 50 Jahre später wieder in YouTube gesehen habe.

Quelle: Wikipedia, gekürzt nach bestem Wissen und Gewissen

Klammer zu.

Ich musste mir natürlich sofort (also Anfang 2016 und eben jetzt Anfang 2021) einige Originalsendungen der Reihe “Luis Trenker erzählt” bei Youtube anschauen, die dort dankbarerweise eingestellt wurden. Und ich muss gestehen, der Mann hatte es wirklich drauf!

Fernsehen der 1960er Jahre, welches der junge Mensch sich heutzutage nicht mehr vorstellen kann! Da sitzt einer in seinem rustikalen Wohnzimmer (in der „Stube“) oder in einem als Stube hergerichteten Fernsehstudio und erzählt Geschichten aus seinem Leben. Ohne Skript, ohne Notizzettel, ohne Teleprompter, die Kamera hält drauf, geschnitten wird nicht. Und die Erzählungen sind, wie sogar die beste meiner Töchter, die wirklich in einer modernen und hochdigitalisierten Welt aufgewachsen ist, zugegeben hat, durchaus unterhaltsam und packend. Luis Trenker läßt in seinen Geschichten eine Zeit lebendig werden, die schon zum Zeitpunkt der Aufnahme 50, heute sogar 100 Jahre zurückliegt. Obwohl sich seine Erzählungen von eher harmlosen Bergsteigeranekdoten bis hin zu durchaus tragischen Schilderungen aus dem Ersten Weltkrieg oder dem Amerika zu Zeiten der Wirtschaftskrise spannen, sind Fremdschäm-Momente überraschend selten. Zumeist findet er intuitiv den richtigen Ton. Immerhin ist er in Österreich-Ungarn unter der Regentschaft des Kaisers Franz Joseph I. (ja genau, der Franz von der Sisi) geboren, da war eine auch nur annähernd politisch korrekte Ausdrucksweise (oder auch eine gewaltfreie Kindererziehung – da darf nach einer „gerechten“ Watschn, die der kleine Luis von einem Bauern gefangen hatte, schon mal das Trommelfell geplatzt sein…) noch lange nicht in Sicht. 

Mag auch einiges geschönt, gebogen oder verharmlost sein – die Erzählungen des Luis Trenker sind echte Perlen des deutschsprachigen Fernsehens und – nie langweilig! Herausragend sind seine Schilderungen des Ersten Weltkriegs, welchen er die ganzen vier Jahre als Soldat mitgemacht hatte. Trotz der oft eingestreuten heiteren Anekdoten geht dieser Bericht eines Zeitzeugen einer längst vergangenen Ära doch an die Nieren.

Luis Trenker war ein hervorragender Bergsteiger und Skifahrer, ein innovativer Regisseur und wahrscheinlich der Autor der Tagebücher von Eva Braun. Am besten war er aber meiner Meinung nach als Geschichtenerzähler. Es ist übrigens auch mit Hilfe des allwissenden Internets nicht möglich, ein Gesamtverzeichnis der immerhin von 1959 bis 1973 aufgezeichneten „Luis Trenker erzählt“-Folgen zu finden. Vielleicht stelle ich mich ja auch wieder mal nur dusselig an…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

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