Neue Helden

Liebe Leser,

Corona geht mir (na gut, wem nicht?) gehörig auf die Nerven. Aber Wehklagen hilft auch nicht. Nachdem ich einige Tage in Quarantäne mein inzwischen schon gut abgehangenes Fingerstyle-Solo-Programm aufpoliert hatte, lief mir folgendes Gitarrlein über den Weg:

Dies ist eine Artesano Flamenco S, ein nach spanischen Vorgaben in China hergestelltes relativ preiswertes Instrument. Für die Perkussionsrabauken unter den Flamencogitarristen hat man einen durchsichtigen Plastikschutz rund um das Schallloch auf die Decke geklebt. Das fiel mir erst bei der Inbetriebnahme auf, stört mich aber nicht. Natürlich werde ich im fortgeschrittenen Alter kein Flamencogitarrist mehr (hier >>> könnt Ihr genauer nachlesen, warum nicht), aber ein schöner Bossa Nova klingt gleich viel authentischer. Und ich begann, mich in die Welt des seichten Gedudels der beginnenden 1960er Jahre zu vertiefen…

Natürlich spiele ich die Standards der Bossa Nova (aus dem Portugiesischen: DIE „Neue Welle“, daher DIE „Bossa Nova“) wie das unvermeidliche (aber nichtsdestotrotz schöne) Girl from Ipanema, Wave oder Desafinado seit vielen Jahren. Das Jobim-Zeugs halt. Aber es diente mir immer eher zum Ausruhen (was an sich völlig korrekt ist) oder zum Einstieg in eine Session mit Musikern, die ihre Karriere noch vor sich haben. 

Nun hat Antônio Carlos Jobim zwar wahrscheinlich die Hälfte aller Bossas (diesen vereinfachten Plural möchte ich gerne weiterhin verwenden) geschrieben, aber die gottseidank obligatorische Gitarre spielten zumeist andere. Und was für welche!

Als meine neuen Helden erwählte ich João Gilberto, Luiz Bonfá und Baden Powell de Aquino (dessen Namen man zumindest bei der ersten Erwähnung komplett angeben muss, da er nach dem Gründer der Pfadfinderbewegung Baden Powell benannt wurde). Meiner selbst auferlegten Beschränkung auf drei Helden ist der großartige Laurindo Almeida (und sicher noch viele andere) zum Opfer gefallen. Sorry!

Der erst im letzten Jahr verstorbene Gilberto hat den Sound der Bossa Nova durch sein unaufgeregtes, sehr lässiges, dabei aber durchaus virtuoses Gitarrenspiel zum fast geflüsterten Gesang geprägt wie kein anderer. Sein Desafinado lässt einen ob der unglaublichen Unabhängigkeit zwischen Gesang und Begleitung fast ratlos zurück.  

Baden Powell war ein bedeutender brasilianischer Gitarrist, der zwar stets zu den Pionieren der Bossa Nova gezählt wird, in seinen Performances jedoch zumeist spanische Gitarre mit einem kräftigen Schuss Flamenco bietet. Seine 1970 auf Film festgehaltene Solo-Darbietung von Manhã de Carnaval (Black Orpheus) mit einer brennenden Zigarette zwischen den Fingern der Zupfhand und einer Greifhand mit zu langen und auch noch schmutzigen Fingernägeln ist allerdings eine echte Perle…

Bleibt Luiz Bonfá. Er spielt schon ab den 1960ern einen fulminanten Fingerstyle, der einen Vergleich mit den heutigen Ikonen durchaus stand hält. An seinem Batucada beisse ich mir seit zwei Wochen regelmäßig die Zähne aus. Hat man die rhythmische Finesse eines bestimmten Taktes erst einmal verinnerlicht (was natürlich nicht bedeutet, dass man diesen dann auch schon anständig spielen kann), sind vorhergehende oder nachfolgende Teile schon wieder vergessen. Eine höchst beeindruckende Vorstellung seinerseits, bei Youtube hier >>> nachzusehen.

So verbringe ich meine zwangsläufig erlangte zusätzliche Freizeit mit der Erarbeitung sämtlicher Bossas/Sambas, derer ich habhaft werden kann, um in einer Post-Corona-Zeit mein neues Bossa Nova Programm vorzustellen. Bis dahin habe ich die Portraits meiner früheren Gitarren-Götter wie Eddie Lang, Django Reinhardt, Barney Kessel und Martin Taylor etwas weiter nach hinten im Regal geschoben (ihre Kunst und ihr Einfluss soll keinesfalls geschmälert werden, ich stelle sie ja nicht weg!) und die von João Gilberto, Luiz Bonfá und Baden Powell davor drapiert. 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

3 Kommentare zu „Neue Helden

  1. Das klingt ja interessant – bin schon gespannt wie sich das in Deiner Interpretation anhört (gibts was auf YouTube?). Ansonsten ist der Weltgeist eben ein Humorist: da hat man die schönsten Archtops im Wert eines gehobenen Mittelklassewagens, schreibt sogar ein Buch darüber (hier erhältlich: https://www.amazon.de/Meine-Archtops-Geschichte-Geschichten-Schlaggitarren-ebook/dp/B08899HC31/ref=sr_1_fkmr0_1?__mk_de_DE=ÅMÅŽÕÑ&dchild=1&keywords=Gerhard+brunner+archtop&qid=1589288313&sr=8-1-fkmr0) – und dann hängt das Herz auf einmal an einem ganz anderen Instrument und man kommt nicht mehr los.

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