Als ich nicht Flamenco-Gitarrist wurde

Liebe Leser,

da ich aus aktuellem Anlass zur Zeit weniger spiele und mehr schreibe (was ich mir eigentlich ja für letztes Jahr vorgenommen hatte) beschäftige ich mich mit Musik, welche zwar zumeist in eine Rubrik des Jazz gesteckt wird, genauso gut allerdings auch als traditionelle indigene Musik bestimmter Völker oder Gruppierungen gelten mag. Nehmen wir beispielsweise Klezmer, Gipsy Swing, Bossa Nova oder Flamenco. Da hat jeder sofort seine Assoziationen im Kopf. Und da fiel mir eine nette Begebenheit ein, die sich in den späten 1990ern zugetragen hatte:

Die beste aller Ehefrauen und ich waren zusammen mit einem befreundeten Pärchen in Madrid zu Gast, für eine Woche Urlaub vom trüben Franken. Nachdem wir einen Tag lang alle Sehenswürdigkeiten der Stadt abgeklappert hatten – ist natürlich gar nicht möglich, aber einige Stunden im Prado waren sicherlich dabei – fielen wir völlig erschöpft in ein großes Restaurant in der Nähe unseres Hotels. Weil es da rum stand und offensichtlich geöffnet war. Herrje, ein riesiger Speisesaal, kärglich eingerichtet. An einem einzelnen Tisch saß bereits eine Gruppe japanischer Touristen, sonst herrschte gähnende Leere. Auch schon egal. Wir ließen uns unaufgefordert an einem Vierertisch in der Nähe einer leeren Bühne nieder und bestellten irgendein Essen. Offensichtlich waren wir in einer echten Touristenfalle gelandet, wo wahrscheinlich regelmäßig volkstümliches spanisches Liedgut vorgetragen wurde.

Tatsächlich betraten kurze Zeit später eine elegant gekleidete Dame in Begleitung zweier mit Gitarren (spanische, wer hätte es gedacht?) bewaffneter Männer die Bühne. Ach herrje, jetzt auch noch Flamenco, die spanischste aller spanischen Musik. Einfältiges Geschraddel auf Wandergitarren!

Die drei legten los… und mir fielen die Ohren ab!

Die Sängerin war eine ausdrucksstarke Person mit großer Stimme und unglaublichem Rhythmusgefühl. Sie setzte zwischen ihren Gesangsparts zusätzliche rhythmische Akzente durch Klatschen, Kastagnetten und den flamenco-typischen Stepptanz. Erste Sahne für den nicht fachkundigen Zuhörer. Für den fachkundigen wahrscheinlich auch…

Und die Gitarristen! Jeder ein Meister an seinem Instrument, in meinen Ohren so virtuos wie der damals noch quietschlebendige Paco de Lucia. Irrsinnige Soli wechselten sich mit rhythmisch präziser Begleitarbeit ab, um prompt dezent in den Hintergrund zu treten, wenn die Sängerin traurige Melodien anstimmte. Wir saßen allesamt mit offenem Mund da und ließen unser Essen kalt werden. Absolut professioneller Musikgenuss in einem Mampftempel für Touristen, bei freiem Eintritt. Nach etwa einer Dreiviertelstunde verließen die drei Musiker die Bühne und verschwanden zur Pause in die Garderobe oder einen Nebenraum, vor dessen Zugang, nahe an unserem Tisch gelegen, ein alter Mann saß. Offensichtlich ein Bediensteter des Restaurants, allerdings kein Kellner oder Koch, denn dafür hatte er nicht die richtige Kleidung an. Vielleicht der Hausmeister? 

Als die Musiker an ihm vorbeigingen wechselte er mit den Gitarristen ein paar Worte, die ich aufgrund der Entfernung und meiner nicht vorhandenen Spanischkenntnisse nicht verstand, schnappte sich eine der Gitarren und diskutierte offensichtlich mit den Kollegen eine bestimmte harmonische Figur aus dem soeben dargebotenen Programm. Seine Vorschläge spielte er den Kollegen gleich vor, und dies ebenso virtuos wie diese vorher auf der Bühne gespielt hatten. Noch ein Paco de Lucia. Ich ließ mein Kinnlade gleich unten. 

Ich war inzwischen wie mein Freund und Musikerkollege am Tisch der festen Überzeugung, dass wirklich jeder in diesem Laden uns beide einhändig unter den Tisch spielen konnte, wahrscheinlich auch das Küchen- und das Reinigungspersonal.

So kam ich ausgerechnet in einer Madrider Touristenfalle zu meiner ersten Flamenco-Live-Darbietung, einer überzeugenden zudem. Und ich beschloss fortan, die Finger von dieser Musik zu lassen, die offensichtlich jeder Einheimische so filigran beherrscht.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Ein Kommentar zu „Als ich nicht Flamenco-Gitarrist wurde

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