Ich spreche leider nicht jazzisch

Liebe Leser,

mit Profi-Kollegen arbeiten zu dürfen, ist ein Segen. Allerdings wird einem dabei so manches klar. Nun halte ich mich ja offenkundig für einen nicht unbegabten Gitarristen, ja sogar ordentlichen Musiker. Aber – ich spreche nicht jazzisch! Was hier etwas wie eine heitere Glosse klingen mag, hat einen durchaus ernsten Hintergrund: Ich vermag zwar die Standards des Great American Songbooks ordentlich zu Gehör bringen, so dass es für einen Großteil der Zuhörerschaft im weitesten Sinne „schön“ klingen mag, doch ich spreche dabei nicht (oder zumindest nur rudimentär) die Sprache des Jazz. Ein paar Brocken, genug um die anderen Touristen zu täuschen.

Zur Erläuterung: Die „Sprache“ einer Musikrichtung hat nichts mit „richtig“ oder „falsch“ zu tun, auch nicht primär mit den einzelnen Tönen. Ein Stück von Joe Pass klingt nach Jazz, eines von B.B. King nach Blues, eines von Jimi Hendrix nach Rock. Natürlich war jeder dieser herausragenden Musiker in der Lage, einen Song oder gar eine Platte anderer Genres sehr gut zu spielen, aber ihr jeweilig eigentliches Idiom war es nicht.

Die Erkenntnis, eine Sprache, die man sehr schätzt, nicht zu beherrschen, ist durchaus frustrierend! Nun habe ich eben im Gespräch und auch im Spiel mit meinen Profi-Kollegen in Hinblick auf das Erlernen des Jazzisch stets dieselbe Antwort erhalten.  Alle  haben über Jahrzehnte die Soli der großen Vorbilder gehört und – noch viel wichtiger – nachgespielt. Und das von mir so hochgeschätzte funktionsharmonische Verständnis kam  hinterher. Mag man solches mit dem Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Jazzern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergleichen. Mit allen Einschränkungen, unter denen solche Vergleiche stets hinken:

Musiker wie Louis Armstrong oder auch Charlie Parker sind in ihren Genres (New-Orleans-Jazz, Swing, Bebop) aufgewachsen und haben am Anfang der Karriere die Songs ihrer Vorbilder gehört und gespielt, immer und immer wieder gespielt.

Anders war es bei Nachkommen europäischer, oft jüdischer, Emigranten, die im Amerika des beginnenden 20. Jahrhunderts Fuß zu fassen versuchten. Sie brachten zwar wie ihre oben genannten Kollegen jede Menge Talent mit, hatten jedoch eine ganz andere musikalische Vorbildung. Die Melodien sind wunderschön, aber eben eher europäischer denn ur-amerikanischer Abstammung. Der Sound des Jazz (oder bisweilen eben auch nicht) schleicht sich durch die jeweilige Interpretation des Songs ein.

Bei uns Jazz-Musikern trennen sich die Spreu vom Weizen zu Beginn der musikalischen Laufbahn. Denn die Stunden in der Jugend, die man mit seiner Lieblingsmusik verbracht hat, prägen doch erheblich. Ich kriege den Folk-Picker definitiv nicht mehr aus mir heraus, obwohl ich seit etwa 20 Jahren überwiegend Jazzgitarre spiele. Und beim nächsten Gig bewundere ich dann wieder das anscheinend unerschöpfliche Arsenal an gekonnten Bebop-Phrasen, mit denen mein Mitmusiker seine Soli würzt. Aber zumeist übt der- oder diejenige sein/ihr Handwerk schon viele Jahre professionell aus und hat womöglich auch noch einige Semester Jazz auf dem Buckel. Solcherlei ist mit Engagement am Feierabend, eventuell noch abgelenkt durch außer-jazzige Musikprojekte, im fortgeschrittenen Alter nicht mehr aufzuholen.

Wir Spätberufenen stürzen uns dann in die Harmonielehre, um wenigstens theoretisch zu begreifen, was man über die mannigfaltigen Standards spielen kann oder sollte. Doch viel zu oft verlieren wir uns im Tonmaterial und weniger in der Phrasierung, wobei letzere meines Erachtens wesentlich entscheidender für gutes Jazzisch ist. Ich denke, man sollte als mittelbegabter Jazzer in den 50ern seinen Frieden mit der Situation machen. Keinesfalls aber mit dem Dazulernen-Wollen aufhören! In der Praxis bedeutet dies, an den Generaltugenden (Akkorde, Skalen, Timing, Repertoire) permanent zu arbeiten und sich ab und zu von den Meistern eine kleine Wendung abzuschauen.

Viele bedeutende Musiker haben ihre musikalischen Wurzeln nicht verleugnet oder sich sozusagen „weggeschminkt“ sondern ganz selbstverständlich in ihre Musik eingebaut. Und bei so manchem Pop- oder Rock-Song kann auch der ausgefuchsteste Jazzgitarrist bisweilen noch etwas dazu lernen. Von daher, liebe Spätzünder: Lasst uns versuchen, ein paar Brocken Jazzisch zu sprechen, ohne aber dabei unsere Muttersprache zu vergessen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

4 Kommentare zu „Ich spreche leider nicht jazzisch

  1. Wohl wahr! Ein etwas anderer Ansatz der für mich hilfreich war: Ein einheitliches Jazzisch gibt es eigentlich gar nicht, jeder der Grossen Meister ist deshalb einer, weil er seine eigene Sprache spricht. Und die ist nicht nur dadurch definiert, was man tut, sondern auch durch das was man weglässt. (Wenn man will kann, man die ganze Geschichte des Jazz seit den 60ern als Versuch beschreiben, Nicht-Bebop zu spielen). Für den spätgeborenen Amateur eröffnet das den durchaus attraktiven Weg, auch eine eigene Sprache zu entwickeln. Die ist zwar nicht so ausgefeilt und und überzeugend wie die der Meister – aber egal , der kreative Spass liegt (wenigstens für mich) darin, sich selber auszudenken (und zusammenzuklauen) was man spielen will und dann konsequent und selbstbewusst das musikalisch zu sagen, was man wirklich sagen will.

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  2. Weit unter deinem Niveau, möchte ich eine – vielleicht profane – Entdeckung mitteilen: Mit den Open Tunings, offenen Stimmungen, wird das Instrument zum Lehrer, nein, eher zu einem unabhängigen Sänger. Ist mir bei meiner Suche nach Folk- und Appalachian Sound aufgefallen. Und im 5String Banjo wohnen ganz eigentümliche Geister.

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      1. Cool! So richtig Slide mit Eisenrohr auf dem Finger? Dann kann es ja nicht mehr weit sein bis zum Jazz. Allerdings glaube ich auch, das Herz der Musik haben die Auswanderer mitgenommen und hier in Europa nur noch musealen Konzerthaus-Klang zurückgelassen. So wie die Iren sagen, dass sie seit der Hungersnot nicht mehr tanzen

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