Gibson L-4 1949

Liebe Leser,

vor wenigen Wochen hatte ich in diesem Blog über eine wirklich alte Gibson L-4 aus dem Jahr 1928 geschrieben. Und da dieser Beitrag überraschend vielen Lesern offensichtlich ganz gut gefallen hatte, bleiben wir im Thema, und zwar ziemlich genau. Auch diesmal soll es um eine Gibson-Archtop der Modellreihe L-4 gehen, nämlich um dieses schöne Instrument:

Diesmal allerdings ein moderneres Modell aus dem Jahr 1949. Im Gegensatz zur 1928er ist sie schon seit der Erwerbung in hervorragendem Zustand und hat einen ordentlichen und gleichbleibenden Wert am Markt.

Ich habe die Gibson vor etwa 10 Jahren von meinem Freund und Gitarrenkollegen ME erworben, welcher sie seinerseits von einem US-Händler gekauft hatte. Seine Verkaufsstrategie (was ich hier nur vor mich hin fabuliere, denn er wollte sie ursprünglich nicht verkaufen) war einfach, aber effektiv. Anlässlich eines kleinen Live-Gigs im Rahmen einer Gartenfeier drückte er mir die L-4 in die Hand und ich spielte sie einige Songs lang. 

Sie liegt mir von der Korpusgröße mit ihren 16 Zoll wunderbar, ist in allen Komponenten hochwertig gefertigt und hat einen edlen, allerdings vielleicht etwas dünnen Sound. Dass sie von der Lautstärke gegen eine 17” Sonntag-Archtop deutlich den Kürzeren zieht, fiel mir schon an unserem ersten gemeinsamen Abend auf. Sie ist tatsächlich akustisch ziemlich “schmalbrüstig”, was ich von einem Instrument, mit dem Freddie Green jahrzehntelang die Rhythmusarbeit für Count Basies Bigband stemmte, nicht erwartet hätte. Nun, offensichtlich handelt es sich bei vorliegender Gitarre nicht um Freddie Greens L-4 (welche nebenbei ein 17” Modell war).

Um mein hinsichtlich der Überziehung meines Budgets bestehendes Zaudern zu beenden, spielte ME seinen stärksten Trumpf: “Ich denke, ich lasse ein Loch in die Decke fräsen und einen Pickup einbauen. Ich habe es satt, immer nur unverstärkt auf Elfi [eine schöne Eindeutschung von L-4] zu spielen. Was hältst du davon?” Das war aus zwei Gründen wirklich perfide! Zum Einen weiß ME, dass mir die mutwillige Zerstörung einer massiven Archtopdecke, noch dazu die eines sozusagen ‘historischen’ Instruments, fast körperliche Schmerzen bereiten würde. Zum Anderen wusste er natürlich auch, dass mir die Alternativlosigkeit einer solchen Maßnahme beim vorausgesetzten festen Willen zur Elektrifizierung bekannt war. Denn an der anerkannt besten Position für einen Tonabnehmer, nämlich am Ende des Griffbretts, ist bei Elfi einfach kein Platz!

Zwischen die Saiten und die Decke passt kein Floating-Pickup (zumindest keiner, der mir bekannt wäre), sei er nun am Griff- oder am Schlagbrett befestigt. Es bliebe also tatsächlich nur eine Montage auf bzw. in der Decke. Ein solch barbarischer Akt musste verhindert werden! Ich knickte also auf der Stelle ein und versicherte meine Absicht, Elfi durch Erwerbung aus den Klauen dieses verwöhnten Rohlings zu befreien. Natürlich ist ME kein Rohling, sondern ein versierter Gitarrist und umsichtiger Sammler, doch eben auch ein psychologisch geschickter Geschäftsmann.

Da die L-4 doch hin und wieder live gespielt werden sollte, denn das Spielen mit dem ehrwürdigen Instrument macht wirklich Spaß, sann ich nach einer Lösung zur elektrischen Verstärkung, ohne den gut erhaltenen Korpus oder geschweige denn die massive Decke zerstören zu müssen.

Die Lösung für diesen Sonderfall – wie beschrieben ist für einen Floating-Pickup einfach kein Platz – bot eine mit einem Piezo-Tonabnehmer ausgestattete Ebenholz-Brücke von Fishman. Hier ist in die als Komplettlösung gelieferte Brücke ein Piezo-Streifen integriert, dessen Signal per durch den Korpus geführten Kabel direkt zur Klinkenbuchse geleitet wird.

Ob man hier eine Brücke des genannten Herstellers oder eines Mitbewerbers einsetzen lässt, ist wie stets Geschmackssache. Ich persönlich mag den Sound der Fishman-Piezos eben lieber als z. B. den der B-Band-Tonabnehmer. Der elektrische Klang der L-4 ist jetzt durchaus angenehm und bühnentauglich, wenn auch nicht mehr ihr eigener. 

Ich habe diese Gitarre bei einigen Live-Jobs und sogar bisweilen für Studio-Aufnahmen eingesetzt – ein tolles Instrument mit ein paar kleinen Schwächen, das mir aber wirklich Spielfreude bereitet, wann immer ich es in die Hand nehme.. 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

3 Kommentare zu „Gibson L-4 1949

  1. Hach – Ritter rettet Prinzessin aus den Händen des Gitarrenwüstlings! Eine sehr schöne und herzergreifende Geschichte. Ich hätte da noch ein sehr schöne 175er aus den späten 40ern bei der ich überlege, sie wegen der Optik im Hello Kitty Design neu lackieren zu lassen – Interesse?

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