Liebe Leser,

Jazzgitarren von Gibson sind einfach geile Instrumente! Es gibt allerhand hervorragende Gitarren anderer Hersteller, aber auf Dauer haben sich bei mir die Modelle des US-amerikanischen Herstellers (über dessen Preis- und Produktpolitik man selbstverständlich geteilter Meinung sein darf) durchgesetzt. Ich war Besitzer von Gibson E-Gitarren (einer U2 – heutzutage äußerst selten, einer Firebird – allerdings ein 2019er Modell, jedoch nie einer Les Paul – sie sind mir zu unausgewogen) und einer Westerngitarre (Advanced Jumbo). 

Doch wirklich begeistern mich seit vielen Jahren die Archtops bzw. Jazzgitarren von Gibson. Hiervon hatte ich schon einige in den Händen, über die ich in unregelmäßigem Abstand an dieser Stelle berichten möchte. Heute möchte ich vorstellen:

Gibson L-4 (Baujahr 1928)

Dieses über 90 Jahre alte Instrument ist erst dieses Jahr in meinen Besitz gelangt. Sie hatte bei ihren Vorbesitzern (unter anderem in einer Pfarrer-Rockband) wohl einen Streifen mitgemacht, denn die Decke war zweifach gerissen, der Saitenhalter gebrochen und auch Boden und Zargen waren heftig lädiert. Bei einem Besuche aus anderem Anlass sah ich in der Werkstatt meines Lieblings-Gitarren-Laden BTM Guitars dieses schöne Instrument sozusagen am Haken hängen:

Diese Gitarre war schon seit etwa 10 Jahren das Objekt meiner Begierde, wurde sie doch in den 1920er Jahren von dem großen Eddie Lang (1902 – 1933) gespielt.

Man findet bei der Google-Suche auch ein schönes Produktblatt mit einer wirklich makellosen L-4 und einem Foto von Eddie Lang und Bing Crosby bei der gemeinsamen Kompositionsarbeit.

Leider hat Eddie ausgerechnet auf diesem Foto die von ihm später bevorzugte L-5 (über die hier im Blog mit Sicherheit auch noch berichtet werden wird) auf dem Schoß und nicht die daneben abgebildete L-4.

Meine L-4 befand sich zum Zeitpunkt der obigen Aufnahme “am Haken” noch in privatem Besitz des Gitarrenbauers AG von BTM Guitars, der sie “irgendwann mal” restaurieren wollte. Mein umgehendes Kaufangebot beschleunigte die Instandsetzung von “ganz langwierig” auf “ein paar Monate”. Die Reparatur des Saitenhalters (man hätte ihn löten oder gar schweißen müssen) erwies sich als zu aufwendig, so dass er erneuert wurde. Das Griffbrett wurde mit dem von mir bevorzugten Krümmungsradius abgerichtet, neu bundiert und mit neuen Bindings versehen. Um die L-4 auch live problemlos elektrisch verstärkt verwenden zu können, montierte AG einen Floating-Pickup am Griffbrettende, allerdings ohne Regelung, da Regler entweder auf dem Schlagbrett oder auf der Decke montiert werden und ich weder ein Schlagbrett noch eine erneute Beschädigung der frisch reparierten Decke wünschte.

Im März 2019 konnte ich die L-4 zu einem fairen Preis von AG übernehmen und umgehend auf der Bühne einsetzen. Und es ist – zumindest jetzt nach der Renovierung – ein ganz erstaunliches Instrument.

Sie klingt akustisch überraschend gut und ist trotz ihres gerade mal knapp 16” Korpus nicht zu leise. Der manch ähnlich alter Archtop nachgesagte “Gießkannensound” (lieber OM, das hat mir ein Jahr schlechten Schlaf und letztendlich den verlustreichen Verkauf der betreffenden Gitarre beschert…) ist nicht vorzufinden.

Das wie bereits berichtet restaurierte und neu abgerichtete Griffbrett erlaubt trotz des von mir nicht sonderlich geliebten V-Profils des Halses auch längeres beschwerdefreies Spiel. Was hier als geschriebenes Wort durchaus nach Altersheim und etwas lächerlich klingt, ist nach Jahrzehnten exzessivem Gitarrenspiels ein ernstzunehmendes Kriterium für die Tauglichkeit eines Instruments.

Der Korpus mit der ausgeprägten “Taille” liegt gut auf dem Knie und die Gitarre damit gut in der Hand.

Als Beeinträchtigung des Spielvergnügens muss ich allerdings festhalten, dass das am 12. Bund in den Korpus übergehende Griffbrett ein Spiel jenseits der 10. Lage verhindert. Spätere Gitarren haben diesen Übergang zumeist am 14. Bund, so dass – wenn auch bisweilen etwas mühselig – zumindest die Oktave eines Akkordes in Lage 0 mit Barré am 12. Bund gespielt werden kann.

Durch den Halsansatz ist bei der L-4 schon ein Griff in Lage 10 ein schwieriges Unterfangen, in Lagen darüber kaum realisierbar. Möglicherweise war dies auch ein Grund für die Gitarristenlegende Eddie Lang, in seinen späteren (und leider letzten) Jahren das Nachfolgermodell von Gibson, die L-5 einzusetzen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

3 Kommentare zu „Gibson L-4 (Baujahr 1928)

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