Wo kein Kläger…

Liebe Leser,

großer Wirbel um die Urheberrechtsrichtlinie. Spätestens, als Wikipedia für einen Tag dicht gemacht hatte, war die Brisanz der Diskussion offensichtlich. Ich darf zur Verdeutlichung einen Teil aus einem Artikel unter golem.de zitieren (hm… darf ich?):

Der geplante Artikel 13 soll kommerzielle Plattformen mit nutzergenerierten Inhalten künftig unmittelbar für Uploads ihrer Nutzer haftbar machen. Damit sollen sie dazu bewogen werden, mit allen Rechteinhabern Lizenzen abzuschließen. Zudem sollen sie ermöglichen, dass nicht lizenzierte Inhalte auf Wunsch der Rechteinhaber nicht hochgeladen werden können. Nach Ansicht von Kritikern führt aus diesem Grund kein Weg daran vorbei, sogenannte Uploadfilter aufbauen zu müssen. In der endgültigen Abstimmungsvorlage (PDF) wurde der Artikel 13 zum Artikel 17 umbenannt.

Aus Protest gegen diese Pläne haben die deutschsprachige Wikipedia und drei weitere Sprachversionen am 21. März 2019 erstmals komplett ihre Inhalte blockiert. Zudem hat erstmals eine Petition auf Campact.org die Marke von fünf Millionen Unterstützern überschritten. Für den kommenden Samstag sind europaweit Demonstrationen gegen die Richtlinie geplant.

Der Streit entzündet sich hauptsächlich an den erwähnten Uploadfiltern. Anhand der inzwischen fließenden Datenmengen ist ein händisches Prüfen aller Uploads auf Urheberrechtsverletzungen gar nicht möglich. Aus diesem Grund müsste eine präventive Verhinderung solcher Rechtsverstöße automatisiert vollzogen werden. Das leuchtet ein.

Nun hat sich eine gewaltige Front zwischen den jungen und etwa eine Generation älteren Internetnutzern aufgebaut, ich kann es passenderweise in der eigenen Familie nachvollziehen. Im Grunde geht es um die jeweilige Haltung zu geistigem Eigentum. Und da schlagen durchaus zwei Herzen in meiner Brust, da ich mich sowohl für einen Urheber wie auch für einen Interpreten (und damit einen potentiellen oder gar tatsächlichen Urheberrechtsverletzer) halte.

Gerade junge Menschen vertreten insbesondere auf Youtube ihr Recht auf die “Kultur der Remixes und Memes”, für mich allerdings ist schon eine Parodie an der Grenze des Erlaubten, wenn sie Originalmaterial verwendet. Immerhin wird eventuell eigener Erfolg (auch durchaus finanzieller) durch die Leistung Anderer ermöglicht, ohne dass selbige dafür entlohnt werden. Wobei mich am meisten stört, dass bei Vielen gerade für diesen Sachverhalt nicht einmal ein grundlegendes Verständnis besteht. “Wie, an den Künstler muss man auch noch was bezahlen? Der soll froh sein, wenn ich sein Zeugs bekannt mache!”

Mittendrin, mit reibenden Händen, stehen derzeit die Plattformbetreiber. Aber hier darf ich zur Verdeutlichung ein Bild aus der analogen Welt bemühen. Juristen unter meinen Lesern mögen mich korrigieren, aber ich sehe das folgendermaßen:

Ein Typ besitzt einen Platz, auf dem Autos geparkt werden. Unter seinen Kunden befindet sich ein Gauner, der alle Autos, welche er auf diesem Parkplatz abstellt, vorher geklaut hat. Seine Parkgebühr entrichtet er allerdings jeweils anstandslos. Der Parkplatzbetreiber verdient also Geld mit illegalem Material. Kann ihm nun auferlegt werden – es soll sich wirklich um einen riesigen Parkplatz handeln -, die Herkunft und die Eigentumsverhältnisse eines jedes einzelnen Fahrzeugs vor der Einfahrt zu überprüfen? In der Praxis wird solches zumindest nicht gemacht.

Verwertungsgesellschaften, welche sich ja per se um die Beteiligung der Künstler kümmern müssen, plädieren heftig für die Einführung solcher Kontrollmechanismen (und damit der maschinellen Filter), Webvideoproduzenten und auch eine der bedeutendsten Plattformen des WWW, Wikipedia, sehen dagegen die Möglichkeit zur umfassenden Zensur.

Was also tun?

Ich denke, in diesem Fall (Videoproduzenten/User/Youtube/Google) ist ein “weiter so” praktikabel. Denn sind Videos (oder auch andere künstlerischen Medien) erfolgreich, so dass dem Künstler durch eine unbefugte Nutzung oder Weiterverwendung materieller oder auch immaterieller Schaden entsteht, kann wie bisher eine Unterlassung oder auch ein Ausgleich gefordert werden. Sind sie nicht erfolgreich, entsteht auch kein Schaden. Die Plagiate interessieren dann schlichtweg keinen. Daher der abgedroschene Beitragstitel: Wo kein Kläger, da kein Richter. Wenn ich eine Gershwin-Interpretation auf YT hochlade, die in drei Jahren 100 Views erzielt, entsteht außer ggfs. einem ästhetischen kein weiterer Schaden. Neben vielem anderen würde auch dieses Video durch einen funktionierenden Uploadfilter aufgehalten werden, da ja Urheberrechte und eventuelle Vergütungen ungeklärt sind.

Eine pauschale Verwertungsabgabe, wie sie einige Verwertungsgesellschaften (GEMA, VG BildKunst) für ihre Mitglieder in anderen Bereichen durchgesetzt haben, ist in diesem Zusammenhang prinzipiell auch keine schlechte Idee.

Was meint Ihr, liebe Leser? Sollen wir auf YouTube & Co. wie einst beim Rauchen von “filterlos” auf “mit Filter” umsteigen? Schmeckt ja dennoch auch nicht besser…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Ein Kommentar zu „Wo kein Kläger…

  1. Herzlichen Dank für den erhellenden Beitrag (sehr hilfreich wenn man dem Thema bislang nicht wirklich gefolgt ist). Wirklich schwer hier, sich bedingungslos and eine Seite zu stellen. Im Parkplatzbeispiel scheint mir aber die Lage doch eindeutiger – sobald der Parkplatzbetreiber mitkriegt, dass auf seinem Parkplatz regelmässig gestohlene Autos stehen, müsste er das doch eigentlich der Polizei sagen, oder? Ansonsten müsste er sich wohl den Vorwurf der (Beihilfe zur) Hehlerei gefallen lassen.

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