Kann passieren – aber doch nicht da

Liebe Leser,

Freitag war ich in einem nahegelegenen Pfarrsaal (wer weiß noch, was das ist?) auf einer richtigen Fete (wer weiß noch, was das ist?). In bester Tradition der wirklich wilden Partys der 1970er veranstaltet ein rühriges Team gestandener Mittfünfziger inzwischen in zweiter Generation alljährlich eine sogenannte Revival-Party, bei der zu absolut zivilen Preisen ausgiebig gegessen, getanzt und – natürlich – gesoffen wird. Der Soundtrack hierzu ist Rockmusik der 1960er und 1970er, in den letzten Jahren stets von zwei heimischen DJs serviert. Dieses Jahr trat zum ersten Mal seit langer Zeit wieder eine Liveband an. Ich war gespannt.

Beim Soundcheck am Donnerstag war ich beim Eintreffen der vier älteren Herren (ja, genau in meinem Alter, so zwischen Anfang 50 und Anfang 60) doch recht vom Equipment überrascht. Neben der obligatorischen PA und einer kleinen Backline fanden sich nämlich auf der Bühne zwei Akustikgitarren, ein E-Bass und – ich betone: in einer Rockband – ein Cajón, nicht etwa ein Riesenschlagzeug mit Double-Bassdrum. Das konnte ja heiter werden.

Doch schon nach den ersten Tönen der Band zerstreuten sich meine Bedenken. Die Jungs verstanden ihr Handwerk und der Sound war überraschend rockig (und gut dazu), was nicht zuletzt daran lag, dass zumindest der eine Gitarrist nicht vor der Verwendung eines externen Verzerrers zurückscheute (eine Tretmine aus dem Hause Marshall). Dazu ordentlicher zweistimmiger Gesang, alles ganz allerliebst.

Am Abend der Fete heizte die Band dem tanzwütigen Publikum von der ersten Minute an ein, so dass die Tanzfläche von 20 Uhr bis zum späten Ende um 2 Uhr morgens stets gut gefüllt war. Dabei servierten die Musiker viele Hits in ungewohntem Arrangement, aber stets in guter Qualität, von ausgenudelten CCR-Klassikern bis zu Perlen wie “Horse with no Name” (sehr schön!) und einem wirklich ordentlichen “Another Brick in the Wall”. Alle Sets wurden in guter Laune und mit viel Spielfreude dargeboten.

Nachdem die Band um 2 Uhr morgens endlich Feierabend machen wollte, verkündete man die letzte vehement vom noch verbliebenen Publikum geforderte Zugabe, “The House of the Rising Sun”. Ach nö, der alte Folksong, vermutlich in der unvermeidlichen Version der Animals von 1964, was der Sänger auch prompt ankündigte. Gespielt haben sie aber eine fulminante Version von “In-A-Gadda-Da-Vida” von Iron Butterfly, nicht ganze 17 Minuten, aber immerhin. Das kam überraschend und klang – der bereits erwähnten Besetzung zum Trotz – wirklich gut.

Und dann kam die zweite (und letzte) Überraschung dieses Abends. Die Band stimmte tatsächlich “The House of the Rising Sun” an… und musste abbrechen, weil sich die Musiker nicht auf eine gemeinsame Song-Interpretation bzw. -darbietung einigen konnten.

DAS hatte ich noch nie erlebt! “The House of the Rising Sun” ist der Song, den jeder im letzten Jahrtausend geborene Gitarrist als Erstes erlernen musste und auch erlernt hat. Den kann man üblicherweise völlig besoffen mit auf den Rücken gebundenen Händen spielen. Gut, Letzteres wäre schwierig, aber Ihr wisst schon, was ich meine. Und dass die Buben spielen konnte, hatten sie ja fast sechs Stunden lang unter Beweis gestellt. Diesen Totalausfall, der natürlich keinen der zu dieser Stunde ausschließlich sturzbetrunkenen Anwesenden gestört hat, konnte mir der Gitarrist auch nur mit “schon so spät” und irgendwas mit “Kapodaster” erklären – verstanden habe ich das nicht. Wie kann man nur bei ausgerechnet diesem Pipi-Song patzen, wenn man doch offensichtlich in der Lage ist, ein gewaltiges Rock-Repertoire fehlerfrei zu Gehör zu bringen?

Es bleibt das Mysterium dieser Liveband. Summa summarum aber war die Band wirklich super (den Bandnamen gibt es auf Anfrage als PM) und sie wird sicher wieder im nächsten Jahr den junggebliebenen Partygängern der 2020er Revival gehörig einheizen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Ein Kommentar zu „Kann passieren – aber doch nicht da

  1. Vermutlich handelt es sich hier um eine alte Bandfehde (aus den späten 70ern), ob man dem turnaround nach dem 2. Chorus mit Coltrane-changes oder als Quintfall mit ∆+ Akkorden spielen soll. Ungelöste oder nur oberflächlich gelöste Fragen dieser Art lösen oft psychische Blockaden aus, die sich meist nicht im richtigen Moment manifestieren.

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