Lesch rastet aus

Liebe Leser,

zunächst möchte ich Euch allen ein besinnliches und frohes Weihnachtsfest wünschen… und im selben Satz meinem Ärger Luft machen. Sorry, aber das muss auch am Tag vor Weihnachten raus, sonst gibt das Stress und der ist bekannterweise ungesund.

Eigentlich wollte ich im Verlauf des Jahres einen schönen Artikel über den Astrophysiker und Naturphilosophen Professor Harald Lesch schreiben, weil er mir seit inzwischen fast zwei Jahren so manche lehrreiche, unterhaltsame und auch sehr informative Stunde beschert hat. Das werde ich auch noch tun, nur eben nicht heute.

Seine TV-Karriere neben der Tätigkeit an der Universität begann 1998, als er im BR die Sendung alpha Centauri moderierte, in welcher er ohne Zuhilfenahme komplexer medialer Hilfsmittel nicht weniger als den gesamten Kosmos seiner Zuschauerschaft quasi mit bloßen Händen durchaus anschaulich (und auch höchst engagiert und emotional) erklärte. Die Reihe lief bis 2007. Allerdings war Herr Lesch zu dieser Zeit schon dermaßen im Fernsehen etabliert, dass er sich in den letzten 10 Jahren kaum mehr um Präsenz auf der Mattscheibe kümmern musste, er war ohnehin auf allen seriösen Kanälen zu sehen. Ich stieß während meiner Reha im Jahr 2016 im Nachtprogramm von ARD-alpha auf die Wiederholungen der alpha-Centauri-Sendungen und war gleich angefixt. Inzwischen habe ich mir auf Youtube alle 207 Folgen mindestens zweimal reingezogen. Ich glaube, das gilt als 1 Semester Astrophysik…

Nun ist seine bisweilen schnoddrige und auch etwas überhebliche Art nicht jedermanns Sache, aber ich persönlich stehe absolut auf seine Sendungen und auch seine Vorträge. Er ist für mich der legitime Nachfolger von Professor Hans Haber, der in den 1970er Jahren im Fernsehen die komplexen Themen der Physik einem breiten Publikum näher zu bringen versuchte. Allerdings wesentlich unterhaltsamer. Der Youtube-Kanal “Urknall, Weltall und das Leben”, der aus dem Projekt des gleichnamigen Buchs der Professoren Harald Lesch und Josef Gaßner hervorging, ist allemal einen Besuch beziehungsweise ein Abo wert.

Als Mitglied des Bayerischen Klimarats (und einiger anderer umweltpolitischer Gremien) ist er ein engagierter Streiter gegen den menschengemachten Klimawandel und schildert die permanenten Verfehlungen der Menschen gegen unsere Erde eindringlich. Seine meines Erachtens stets fundierten und belegten Ausführungen zur Ökologie und der zunehmenden Ökonomisierung jeglichen Tuns haben mich schwer beeindruckt und in einigen Bereichen zum Umdenken gebracht. Ist sein Ton auch in den letzten Jahren schärfer geworden – kein Wunder angesichts unserer Tatenlosigkeit bei bekannten Problemen – so ist er eben kein moralisierender Eiferer, der vom Elfenbeinthron seine Mitbürger belehrt. Sprach er früher über das “Anthropozän”, also dem Erdzeitalter, das biologisch, geologisch und atmosphärisch vom Menschen geprägt wird, so spricht er inzwischen vom “Kapitalozän”. Der Begriff ist an dieser Stelle selbsterklärend und wird auch nicht von Google’s Rechtschreibprüfung markiert.

Harald Lesch ist jedoch nicht nur im TV und im Web zu sehen, er hält auch eine Menge Vorträge an Universitäten, Volkshochschulen und auch Gymnasien. Mitschnitte dieser Vorträge werden oft im Nachhinein auf dem Youtube-Kanal “Urknall, Weltall und das Leben” veröffentlicht. Einen dieser Vorträge hielt er am 21.12. (?) im Gymnasium am Tegernsee.

Meine Google-News-App (mit der ich ob ihrer unangenehm bevormundenden “Vorschläge für Dich”, “Favoriten” und sonstiger Big-Brother-Gimmicks nicht warm werden will) blendete mir gestern folgende Schlagzeile des Portals “DerWesten” ein, welche wiederum vom “Merkur.de” übernommen wurde:

ZDF-Physiker Harald Lesch verliert vor Schülern völlig die Fassung – und droht

Ich las den Artikel der “Reporterin des Miesbacher Merkur” Alexandra Korimorth und konnte nichts anderes finden, als dass der Professor offensichtlich von der mangelhaften Übertragungstechnik des eigens von der Schule für ihn ausgeliehenen Headsets angefressen beim Absturz seines Rechners wohl die Fassung verloren hatte. Wer hin und wieder den filigranen Umgang von Schulen mit Tontechnik erlebt hat (üblicherweise sind Physiklehrer die einzigen Mitglieder des Kollegiums, die einen Kaltgerätestecker in eine Steckdose drücken können), kann hier Verständnis aufbringen. Klar, der Vorwurf, ein Schüler hätte seinen Laptop gehackt, ist albern (und war hoffentlich ein Scherz) und spricht nicht für einen coolen Umgang mit widrigen Umständen, wie es sich für einen Medienprofi geziemt, aber auch dies kann ich als Live-Musiker in unzähligen Lokationen nachvollziehen. Manchmal hat man eben einen schlechten Tag.

Und wenn dann nach anstrengender Reise, schlecht organisiertem Empfang, quietschendem Headset auch noch der Laptop die Grätsche macht, da kann man schon mal Dummes sagen. Das launige “Wenn das einer angerichtet hat, erwische ich den” als Drohung zu bezeichnen, ist journalistischer Clickbait.

Die ganze Story ist unbedeutend. Was mich allerdings nun wirklich auf die Palme bringt, ist der unfassbare Schmutz, den die Kommentatoren unter dem Artikel über Harald Lesch auskippen. Menschen, die es nicht fertigbringen, einen dreizeiligen Kommentar mit weniger als drei Rechtschreibfehlern zu verfassen, schmähen den renommierten und sehr gebildeten Professor als “Erklärbär”, Belehrer, Moralist, TV-Moderator, Selbstvermarkter und Größenwahnsinnigen.

Diese Brühe aus grenzdebilen Trotteln (sorry, das musste raus) diffamiert mit “den kann man doch nicht ernst nehmen” die ganze Arbeit, die Herr Lesch leistet und liegt mit der Freude, dass es “so einem” mal gezeigt wurde (was eigentlich?) sowas von daneben. Der Fehler von Herrn Lesch besteht darin, dass er unbequeme Wahrheiten so aussprechen kann, dass sie sogar von solchen Leuten verstanden werden. Aber das hört eben keiner gerne und deshalb ist Harald Lesch der Feind und daher auf jeden Fall zu diskreditieren. Alles Pappnasen…

Zur Abkühlung etwas Info über Zeitungen. Es hat mich interessiert, wer da eigentlich berichtet. Was mir trotz meines fortgeschrittenen Alters bis dato nicht klar war: Der “Merkur” ist eine durchaus renommierte Kulturzeitschrift (“Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken”), der “Münchner Merkur”, eine zwar ebenso alte, aber nicht ganz so renommierte bayerische Abonnement-Zeitung aus München, welcher aber die knackige Domain “merkur.de” sein eigen nennt. Ach so. Wusstet Ihr das?

Genug gegrummelt. Ich wünsche Euch, liebe Leser, ein schönes und hoffentlich friedliches Weihnachten. Wahrscheinlich gibt es noch was zu lesen, wenn ich das Festmahl unbeschadet überstehe.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Ein Kommentar zu „Lesch rastet aus

  1. Sehr schöner Beitrag…!
    Ja, Clickbat, gerade auch im journalistischem Bereich, hat es schon immer gegeben …traurig an der Sache ist nur, dass sämtliche Lese-Verweigerer, die sich ja meistens nur mit der Schlagzeile und (wenn überhaupt…!) den nächsten drei Sätzen beschäftigen, dann eben wichtige „Details“ verpassen, aber leider trotzdem ihre sehr gekürzte Version (aus dem Kontext und leider bisweilen auch falsch) des Geschehnisses, in moderner Manier, dem gesamten Internet kundtun…wie du schon treffend beschrieben hast.
    So entstehen dann unnötig Shitstorms um wirklich gar nix…Diese können aber leider durchaus leider auch Rufe von Menschen in der Öffentlichkeit ruinieren.
    Deswegen ist es sehr schön, dass es eben auch Beiträge wie diesen gibt, die mit genug Realismus und Hintergrundinfos an die Sache rangehen…also weiter so!
    Man kann sich auf Neues freuen!

    Gefällt 2 Personen

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