Der Kunstpfeifer

Liebe Leser,

am letzten Wochenende hatte ich wieder einmal versucht, meine Gitarrenkunst unters Volk zu tragen. Diesmal jwd in einem netten Cafe am Ende der Welt. Geplant war lockerer Bar- bzw. Lounge-Betrieb mit dezenter Livemusik, also eigentlich genau mein Ding.

Nun ist meine Generation – und eben diese ist nun mal mein Hauptpublikum – in H. im Landkreis jwd offenbar nur schwer hinter dem Ofen hervor zu locken, was ich in diesem Fall durchaus wörtlich meine, denn es war sehr kalt in dieser Nacht. Ein kleines Häuflein fand sich jedoch ein, so dass ich etwa ab 20 Uhr für stets heitere, doch niemals triviale musikalische Begleitung des Abends sorgte. Ein Quartett setzte sich in die Sesselgruppe direkt vor mich. Anhand des ziemlich leeren Barbereichs war es nicht notwendig, mir derart auf die Pelle zu rücken. Zudem hat der Blick auf den Rücken eines Zuhörers für den Musiker immer etwas Frustrierendes, selbst wenn er nur zur Untermalung angestellt wurde (also der Musiker, nicht der Zuhörer).

Der Mann, um den es in diesem Beitrag gehen soll, war ein Mitglied dieser heiteren Truppe und immerhin mir zugewandt. Und hatte offensichtlich schon ein paar Stütz-Bier intus. Bereits beim ersten Song spitzte er die Lippen und pfiff… ja, “mit” kann man in diesem Fall wohl schlecht sagen. Um zum wiederholten Male (allerdings sehr frei) mit “Fleisch ist mein Gemüse” zu sprechen: Aus seinem Mund quoll ein nicht endender Strom aus Tönen, wobei er sich längst von trivialen Dingen wie Harmonie, Rhythmus und Form verabschiedet hatte. Natürlich nur, solange ich Gitarre spielte. Zwischen den Songs applaudierte er artig und hielt mit seiner Meinung, dass ihm der Vortrag durchaus gefalle, auch nicht hinterm Berg.

Üblicherweise bringt mich ein aufgekratzter Betrunkener durchaus aus der Ruhe, aber solange der Betreffende nicht aggressiv ist und ohnehin nur ein sehr überschaubares Auditorium zu unterhalten ist, kann ich das verkraften. Ob des mauen Zuspruchs insgesamt war mir ohnehin alles ziemlich egal.

Da ich den Mann nicht ruhig kriegen würde, konnte ich genausogut eine musikalische Feldstudie starten. Ich sortierte also mein Programm etwas um und spielte einen Gassenhauer nach dem anderen. La Mer, Georgia on my Mind, La Vie en Rose, Perfidia, Gershwin-Zeug – Sachen die man, wenn auch unbewusst, alle schon oft gehört hat. Es musste doch möglich sein, dass dieser Kunstpfeifer in einem Akt spontaner Erkenntnis zumindest einen, EINEN EINZIGEN Ton an der richtigen Stelle von sich gibt. Auch rein statistisch mit den 12 Tönen des abendländischen Tonraums ein eher wahrscheinliches Ereignis. Aber es gelang nicht, kein einziges Mal.

Wenn er nicht gestorben ist, dann sitzt der Kunstpfeifer aus H. noch heute in seinem Sessel und quetscht große Mengen unzusammenhängender Töne aus seinen Lippen. Aber bezeugen kann ich das nur bis etwa 22 Uhr, dann war es genug und ich trollte mich mit einem Sack voller Dukaten Richtung Heimat.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

2 Kommentare zu „Der Kunstpfeifer

  1. interessantes Experiment – aber leider schon im Ansatz verfehlt. Statt der bekannten Gassenhauer hättest Du Deine Gitarrenversion von Schönbergs op. 33a spielen sollen, da hätte jeder Pfiff gesessen.

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