Harley Benton AC PRO 60

Liebe Leser,

ich habe mal was bei Thomann bestellt (der Musikalienhändler, dessen Name nicht genannt werden muss) und darf den interessierten Gitarristenkollegen meine Erkenntnisse mitteilen. Das Un-Boxing-Video wäre aufgrund der im höchsten Grade sicheren und gewaltigen Verpackung wahrscheinlich spektakulärer, aber so was mache ich nicht!

Als umtriebiger Solo-Live-Jazzer bin ich zumeist in kleineren Lokationen oder bei übersichtlichen Veranstaltungen zu Gast und brauche zur Verstärkung meiner Gitarre sowie für gelegentliche Ansagen einen kleinen aber leistungsstarken Amp, der sowohl meine Gitarre wie auch mein altes SM58 gut zu Gehör bringen soll. Dass eine Jazzgitarre über einen Röhrenverstärker besser klingt als über einen transistorierten weiß ich selbst. Aber dann sind wir wieder bei den Themen Gewicht, Preis und Vielseitigkeit.

Der optimale Kompromiss zwischen wohlklingendem kleinen Combo und kräftiger PA wurde meines Erachtens durch die Modelle von AER gefunden, von denen ich gleich zwei mein eigen nennen darf: Einen inzwischen 15 Jahre alten AER Alpha …

AER-Alpha

… der mir trotz der eher bescheidenen 30 Watt Leistung schon unzählige gute Gigs ermöglicht hat und einen etwa fünf Jahre alten AER Compact 60, …

Compact60ii

… den (etwas) größeren Bruder, der trotz doppelter Leistung von 60 Watt auch nur 6,5 kg wiegt wie schon der Alpha. Neben ihrem hervorragenden Klang haben die Entwickler in beide Modelle neben allen möglichen und unmöglichen Reglern und Anschlüssen noch allerhand Nützliches eingebaut oder dazugelegt, welches einem die tägliche Arbeit auf der Bühne erleichtert: Eine 48-V-Phantomspeisung an der Multi-Buchse für batteriebetriebene Mikros, ein Gewinde auf der Unterseite, das eine Montage auf einem Mikrofonständer ermöglicht und nicht zuletzt die zähe Transporttasche mit Tragegurt, die außer dem Amp auch noch eine erkleckliche Anzahl von Kabeln und sonstigem Zubehör aufnehmen kann.

Leider sind die Dinger nicht ganz billig. Bereits der Alpha kostet inzwischen über 800 Euro, für den 60er muss man sogar noch einen Hunderter drauf legen.

Mein Freund und Musikerkollege ME hatte schon vor ein paar Jahren die Firma ZT ins Spiel gebracht, einen Verstärker-Hersteller aus USA, der sich auf den Bau extrem kleiner und dabei sehr leistungsstarker und somit lauter Kompakt-Transistor-Amps spezialisiert hat. In Gitarristenkreisen wird das Standardmodell “Lunchbox” (ohnehin ein treffender Name) zärtlich als “Brüllwürfel” bezeichnet, kein Wunder bei satten 200 Watt mit den Traummaßen (HxBxT) 185 x 250 x 112 mm. Meine eigene Lunchbox ist mir allerdings im Vergleich zu den beiden AERs zu “rauschig” und von daher eher selten im Einsatz. ME besitzt die aufgemotzte Version “Lunchbox Acoustic”, die in Konkurrenz zu AER ebenso wie selbige zwei getrennt regelbare Kanäle für Gitarre und Mikro bietet, mit Phantomspeisung, integriertem Reverb und all dem Kram. Allerdings kostet dieser ZT auch schon um die 500 €, kann also nicht mehr zu den Schnäppchen gezählt werden.

Nun weiß ich, dass für Thomann unter dem Label der Hausmarke “Harley Benton” Instrumente, Verstärker und Zubehör in Fernost gefertigt werden, in Fabriken, die mutmaßlich auch für große Hersteller wie Fender, Ibanez oder Jackson arbeiten. Die letzte Information ist aus einem Testbericht aus Gitarre & Bass vom März 2018. Das Equipment von Harley Benton – im Folgenden mit HB abgekürzt – ist zwar zumeist für Einsteiger konzipiert, aber es ist kein Schrott und durchaus bühnentauglich.

Und irgendwie hatte mich eines Tages der Teufel geritten und ich stöberte auf den Internetseiten des Treppendorfer Musikalienhändlers.und kam über etliche Querverweise von AER zu “ähnlichen Produkten” von HB. Hier bietet Thomann den “Harley Benton AC PRO 60” für gerade einmal 189 € an, einen unschlagbaren Preis!

Harley-Benton-AC-PRO-60

Bei ausgewiesenen 45 Watt kann man die Verkaufsbezeichnung “PRO 60” eigentlich nur als Reminiszenz an das große Vorbild AER sehen, jede Vermutung, dass hier arglose Kunden auf plumpe Art und Weise getäuscht werden sollten ist eine böswillige Unterstellung…

Aber das Ding wollte ich mir dann doch genauer anschauen. Ich bestellte also den Verstärker zusammen mit dem “Thomann Cover Pro HBAC PRO 60” im günstigen Bundle für insgesamt 198 €. Ein paar Klicks und zwei Tage später kam der PRO 60 in besagter Riesenverpackung zu mir nach Hause. Ich packte aus – holla, am Gewicht hat HB definitiv nicht gespart, denn das Teil wiegt mit 11 kg satte 4,5 mehr als ein AER – und schloss an. Nebenbei sind sogar die günstigen 9 € für das Nylon-Cover zuviel. Da täte es eine Aldi-Einkaufstüte ebenso. Aber ok…

Ja, der Sound ist nicht übel. Die Klangregelung ist insbesondere bei dezenter Verwendung nicht besonders wirkungsvoll, aber auch nicht notwendig. Alle Jazzgitarren, welche ich zum Testen hervorzerrte, klangen ordentlich. Allerdings liefert die Multi-Buchse für Mikros keine Phantomspannung (was Thomann auch nicht behauptet), so dass ich meine schicken AKG- bzw. DPA-Mikros nicht mit dem PRO 60 verwenden kann.

Ich beschloss, den PRO 60 am übernächsten Tag gleich live zu testen, es stand ein kleiner Solo-Gig in einem Zelt mit etwa 50 Gästen an. Sicherheitshalber packte ich den AER Alpha mit ins Auto, denn man weiß ja nie.

Im Praxiseinsatz wurden dann doch einige Schwächen des Neulings erkennbar. So besitzt der HB PRO 60 kein Schraubgewinde auf der Unterseite, mit dem man ihn auf den unteren Teil eines Mikrostativs schrauben könnte. Seitdem ich dieses bei meinen AERs entdeckt habe (zugegebenermaßen erst viele Jahre nach dem Kauf), schraube ich meine Verstärker zumeist auf Ohrenhöhe meiner Zuhörerschaft, was mit einem Standard-Mikrostativ wesentlich platzsparender und eleganter gelingt, als mit einer traditionellen Kombination aus drei leeren Bierkästen. Ich musste den HB also auf einen Untersatz stellen, damit er überhaupt ordentlich den Raum beschallen konnte.

Das bereits geschmähte Nylon-Cover, welches ja nur von oben über den Amp gestülpt wird,  hat keinerlei Aufbewahrungsmöglichkeit für Kabel,Zubehör oder gar ein Mikrophon. Natürlich bietet Thomann auch eine Art Gigbag für den PRO 60 an, dann wäre allerdings der Gesamtpreis nicht mehr sexy.

Theoretisch sollte das Defizit von 15 Watt gegenüber dem AER C60 lautstärkemäßig kaum eine Rolle spielen, in der Praxis tut es das aber doch. Ein bisschen ist der PRO 60 bei gemäßigter Lautstärke (Gain und Master etwa in Mittelstellung) doch immer nahe am Clippen, was den Gesamteindruck etwas “crisp” macht. Dennoch, ein ordentlicher Sound des HB auf dem Gitarren-Kanal. Der eingebaute Effekt (ich benutze ohnehin nur etwas Reverb) taugt.

Auch meine Ansagen sowie die Einführungsrede des Veranstalters waren über mein SM58 gut verständlich in angemessener Lautstärke zu vernehmen.

Zweimal im Laufe der Veranstaltung passierte es allerdings, dass der PRO 60 nach einer Pause überhaupt nicht mehr anspringen wollte. Das war ärgerlich und trieb meinen bekannterweise labilen Blutdruck unnötig in die Höhe. Ich komme auf dieses Phänomen später nochmals zurück.

In der folgenden Woche spielte ich den HB AC PRO 60 noch bei zwei weiteren Live-Jobs und einmal im Übungsraum mit der Jazz-Combo. Zusammenfassend muss ich sagen, dass der HB PRO 60 bei Gigs in kleinen Lokationen durchaus seinen Job erledigt und für den Preis von 189 € geradezu ein Schnäppchen ist.

Kurz vor dem Verfassen dieses Beitrags habe ich mir auf der Website von Thomann dann doch mal die Bewertungen von Käufern durchgelesen. Natürlich erst nach dem Kauf (vorher wäre ja unsportlich) und auch nur die ganz schlechten, einfach weil das Spaß macht. Und wie auch bei den Bewertungen, die man bei “The Shop” (Fans von Marc-Uwe Kling wissen, wer gemeint ist) findet, war ich mal wieder ergriffen von der Naivität und Dreistigkeit der Menschen.

Ist die 1-Stern-Bewertung eines enttäuschten Vaters, der den HB für die Ansprache eines Nikolaus einsetzen wollte, welchen man “dann aber ohne Verstärkung besser verstanden hätte” noch etwas anrührend, weil ich mir den verzweifelten Papa vor den strengen Augen des Nikolaus und der Kinderschar gut vorstellen kann, wenn er ein Mikro nicht zum Laufen kriegt (wobei sich anhand der wirklich rudimentären Regelung gar nicht erklären lässt, wie man das nicht hinkriegen kann), so ist eine andere – ebenfalls nur 1 Stern – schon ziemlich abgefahren: Der junge (?) Mann hat den Amp zweimal ausgetauscht bekommen, aber insgesamt drei Mal sei das Phänomen aufgetreten, dass sich der Verstärker unvermittelt abgeschaltet habe. Spätestens nach der zweiten Rücksendung hätten sich meines Erachtens die Mitarbeiter von Thomann auch einmal fragen können, ob denn hier tatsächlich ein mehrmaliger Fertigungsfehler vorliegen kann.

Wie bereits erwähnt stand ich beim ersten Live-Einsatz des HB PRO 60 vor einem ähnlichen Problem. Es gibt da auf der Rückseite des Verstärkers einen Knopf und eine LED mit der Beschriftung “Standby”. Ich habe mir inzwischen die Funktionsweise des ominösen Auto-Standby in der Bedienungsanleitung angesehen. Offiziell soll bei gedrücktem Knopf (Status “Enable”, LED leuchtet) der Verstärker nach 15 Minuten ohne Signaleingang in einen stromsparenden Ruhezustand schalten. Bei Erkennung eines Eingangssignals wechselt er dann automatisch zurück in den Normalbetrieb. Ersteres funktioniert, letzteres offensichtlich nicht. In der Hektik auf der Bühne beim ersten Einsatz habe ich den Verstärker einfach nochmal aus- und wieder eingeschaltet. Das tat es dann immerhin. Am einfachsten ist es allerdings, das Standby generell per “Disable” (LED aus) zu deaktivieren.

Die Mitarbeiter bei Thomann waren mir gegenüber stets zuvorkommend, wenn es mal eine Reklamation gab (was stets der Fall war, weil ich etwas Falsches bestellt hatte, nicht weil defekte Ware geliefert wurde) und haben auch bei meinen Musikerkollegen eventuelle Rücksendungen ohne Murren angenommen und umgehend Ersatz geschickt. Wenn aber ein Kunde zu faul ist, auch beim dritten Versuch mit einem Gerät die super-knappe Bedienungsanleitung zu lesen und dann noch dem geduldigen Händler eine schlechte und zudem freche Bewertung auf der Website hinterlässt, dann regt sich in mir unbändiger Zorn. Wegen solcher Trottel werden allenthalben die Rücksendebedingungen verschärft.

Ich habe also, was ich wirklich selten tue, die Bewertung per “Melden” mit einem Kommentar an Thomann versehen, dass der unzufriedene Kunde offensichtlich nicht in der Lage ist, das Standby zu deaktivieren und auch in Zukunft den HB AC PRO 60 immer wieder umtauschen wird. Und siehe da, seit heute ist die Schmäh-Bewertung verschwunden.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Ein Kommentar zu „Harley Benton AC PRO 60

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