Die Allerletzte…

Liebe Leser,

letzten Dienstag hatte ich pausiert. Diesen auch. Die 10 davor auch. Herrje, es ist einfach zuviel zu tun.

So, nun aber diese Woche. Aber eben Donnerstag, nicht Dienstag. Was war doch gleich das Thema? Ah, ganz unerwartet: Gitarren. Aufmerksame Leser haben es bemerkt, ich knüpfe nahtlos an einen Artikel an, den ich wahrscheinlich schon vor zwei Jahren an ebendieser Stelle veröffentlicht hatte. Es ging um die immerwährende Suche des Gitarristen nach der “allerletzten Gitarre” und dem Hinweis, dass diese es dann sei, bis man die nächste gefunden hätte. Was mir mit einem Modell des Augsburger Gitarrenbauers Stefan Sonntag genau so passiert ist. Und von dieser “allerletzten Gitarre” sei heute berichtet.

Ich bin immer wieder getrieben von der Idee, den Sound der frühen Jazzgitarristen (wie zum Beispiel Eddie Lang) in die heutige Zeit zu übertragen, wobei mir hier natürlich der rustikale Klang seiner Soloaufnahmen und nicht der aus der Orchesterbegleitung vorschwebt, schon allein deshalb, weil man letzteren zumeist gar nicht wahrnehmen kann. Ein bisschen schizophren ist das Ganze deshalb, weil sich dieser Sound eigentlich nicht mit meiner bevorzugten Spielweise verträgt. Denn die Kollegen der prä-elektrisch-verstärkten Zeit stellten sich mit ihren Archtops oder Maccaferris nahe ans Mikro und gaben dann mit dem Plektrum in der geballten Faust der rechten Hand richtig Gas. Ich wiederum stehe auf den Fingerstyle ala Leo Kottke und Werner Lämmerhirt (1970er) bzw. Tommy Emmanuel und Martin Taylor (heute), welcher allerdings zumeist auf Westerngitarren oder zumindest auf magnetisch verstärkten Archtops dargebracht wird. Somit gab es den Sound, den ich gerne hätte, eigentlich nie, weswegen er folglich als Klangschablone für eine eventuell neu zu erwerbende Gitarre nicht taugt.

Ein bisschen schafft hier aber der eingangs erwähnte Stefan Sonntag die Quadratur des Kreises, denn er baut besonders gut Archtops für den Einsatz als akustische (Schlag-)Gitarren. Angelehnt an das Design früher D’Angelico-Modelle fertigt der Gitarrenbaumeister Stefan herausragende Jazzgitarren in seiner Augsburger Werkstatt. Und eben nicht so nebenbei zwischen einer Unzahl an gewinnbringenden “Brettern” (E-Gitarren), sondern nahezu ausschließlich! Um an ein solches Trauminstrument zu kommen, braucht man nur einen Sack voll Geld und Geduld. So sechs bis acht Monate benötigt Stefan durchaus, bis eine neue Gitarre komplett fertiggestellt ist. Dies allerdings ist der “Wetterbericht” von 2014. Bei Interesse bitte persönlich dort nachfragen!

Das Design einer vom Meister anzufertigenden Gitarre darf natürlich vom Kunden maßgeblich diktiert werden. Bis auf die Dinge, von denen der Instrumentalist naturgemäß weniger Ahnung hat, als der Instrumentenbauer… und die Dinge, die nicht verhandelbar sind, weil sie essentiell für die Arbeit des Meisters sind… und die Dinge, die man sich dann doch nicht leisten kann oder will. Am Ende ist die Anzahl der wählbaren Optionen überschaubar. Im Prinzip wählt der Kunde also ein Instrument der bestehenden Produktpalette von Stefan Sonntag aus, welches bestimmte Ausstattungsmerkmale aufweist und verhandelt dann mit dem Gitarrenbauer die einzelnen Modifikationen. Ich entschied mich für ein Modell der Serie J17 Standard, wobei die “17” für die Korpusbreite in Zoll steht (was eine durchaus ordentliche Größe ist) und das “Standard” für gehobene Ausstattung, wie – neben der massiven Bauweise aus edlen Hölzern – weißes bzw. schwarz-weißes Binding (Zier- oder Schutzränder) an allen möglichen Kanten und Löchern, Perlmutt-Blockeinlagen auf dem Griffbrett, die Kopfplatte mit Perlmutteinlage, Saitenhalter aus Ebenholz und vergoldeter Hardware. Alles nur vom Feinsten. Ein Standardmodell von Stefan sieht so aus:

Sonntag-Standard

Die Bezeichnung “Standard” lassen wir mal an dieser Stelle als gefällige Untertreibung undiskutiert. Die Gitarre ist bereits in der unmodifizierten Ausführung ein echtes Schmuckstück! Aber ich wäre ja nicht ich, wenn ich nicht noch etwas am Instrument zu wünschen hätte! Schon seit Jahren hatte ich mich zum Beispiel in F-Löcher im sogenannten Katzenaugen-Design verguckt, wie man sie bei alten Modellen von Gretsch

Gretsch

oder von Arnold Hoyer findet.

Hoyer

Dass die Konstruktion bei den oben abgebildeten Gitarren zwar schick, doch funktional zweifelhaft ist, war mir bis dato noch gar nicht bewusst und wurde mir erst beim Vorgespräch vom Meister erklärt: Die Katzenaugen (F-Löcher) unterbrechen die Fasern der Decke. Das ist nicht zu vermeiden. Wohl aber, dass dies mit denjenigen Fasern passiert, die durch den Steg direkt zur Schwingung gebracht werden. Stefan positioniert die Schalllöcher daher näher am Rand.

Dass dies keine Marotte, sondern ein durchdachtes Detail ist, wird nach kurzem Klangvergleich beider Gitarren offensichtlich. Die Sonntag spielt akustisch in einer anderen Liga (was übrigens angesichts der Bedienung einer Gitarre – man “spielt” sie bekanntlich – kein wirklich gelungenes Sinnbild ist)!

Zudem bewundere ich schon seit langem den filigranen Saitenhalter Type “Lyre” oder “Lyra” (Tailpiece H62/10-N, für die, die es genau wissen wollen) von Höfner, welcher mir bei meinen bisherigen Höfner-Gitarren bis dato jedes mal versagt blieb.

H62_10-N_1Die Ebenholz-Saitenhalter von Stefan sind edel und super, aber ich hatte mir halt dieses etwas “deutsche” Design in den Kopf gesetzt. Stefan sagte zu.

Alsbald wurden wir uns handels- bzw. vertragseinig. Es ist ganz einfach: Stefan fasst den Auftrag auf zwei Seiten Papier zusammen, man unterschreibt diesen und ist prompt seine Ersparnisse los… Ein kleiner Scherz am Rande, pardon! Nun sind Sonntag-Gitarren tatsächlich kein Schnäppchen, aber wenn man sich mal den derzeitigen Preis einer Gibson L-5 (>8000 €, und sie sind akustisch wirklich keine Offenbarung, wie ich beim Anspielen mehrerer Modelle feststellen musste) oder einer Benedetto Cremona (ca. 30.000 $ – die sind wahnsinnig!) anschaut, dann relativiert sich das Ganze schon wieder, denn man bekommt wirklich was fürs Geld!

Ein Drittel des vereinbarten Preises zahlt der Kunde sozusagen als Auftragsbestätigung und Vorschuss, dann beginnt der Meister mit dem Bau. Und dann hört man erstmal einige Monate nichts mehr, so dass sich die Vorfreude schon ins Schmerzhafte steigert. Andererseits kann man die Wartezeit – in meinem Fall knapp acht Monate – dafür nutzen, den Restbetrag für die Gitarre aufzutreiben. Ich bewerkstelligte dies durch die Veräußerung meiner Chancellor (Ihr erinnert Euch: Die allerletzte Gitarre). Tja, sie hätte eben nicht so zicken sollen. Doch davon wird an anderer Stelle zu berichten sein. Die Lackierung der Gitarren erfolgt übrigens nicht in der Werkstatt in Augsburg, sondern wird von einem österreichischen Gitarrenbauer erledigt, so dass nach Fertigstellung des Gitarrenbaus noch eine mehrwöchige Wartezeit für Versand, Lackierung und endlich Rücksendung zu bedenken ist. Mit Schellack, welcher durch Aufreiben und Polieren auch eigenhändig zu verarbeiten wäre, kennt sich Stefan Sonntag allerdings nach eigenem Bekunden nicht so aus, so dass es keine Alternative zur Lackierung bei unseren südlichen Nachbarn gab. Allerdings steht meiner Sonntag ‘blond’ einfach zu gut, so dass ich einem Schellack-Finish nicht im geringsten nachtrauere.

Sonntag_komplett

Der Rest ist schnell berichtet: Am großen Tag fuhr ich – wie stets in Begleitung von ME – wieder nach Augsburg, spielte das großartige Instrument nochmals kurz an und fuhr nach kurzer Stärkung voller Vorfreude auf stundenlanges Spiel nach Hause. Seitdem habe ich meine Sonntag bei vielen Anlässen, teilweise unter extremen Bedingungen wie brüllender Hitze gespielt und sie hat mir stets perfekte Dienste erwiesen! Übrigens auch beim Einsatz als Rockgitarre im Duell mit einer Strat während eines Open-Airs.

Natürlich ist dies wieder einmal meine allerletzte Gitarre, die letzte Allerletzte ist schon vergessen. Wobei… bisweilen ist so ein 17-Zoll-Korpus schon etwas mühselig zu handhaben…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige   

 

2 Kommentare zu „Die Allerletzte…

  1. Was für ein abstossender, niederträchtiger Beitrag!!!! Hier werden psychisch labile, quasi willenlose Abhängige noch weiter in ihre Abhängigkeit getrieben!! es gibt keine letzte Gitarre, niemals! nur Enthaltsamkeit hilft…

    im Ernst – eine wirklich schöne Hommage an die Handwerkskunst von Stefan Sonntag !!

    Gefällt 2 Personen

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