Freiheit oder totale Überwachung?

Liebe Leser,

um Euch gleich zu enttäuschen: Es geht heute mal wieder nicht um ein politisches Statement, sondern um Jazz. Wer hätte es gedacht? Ein bisschen geht es auch um Werbung, aber dazu später mehr. Also, wie ist das beim Jazz?

Für Viele rotten sich da einige begeisterte Instrumentalisten zusammen und tröten drauflos, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Völlige Freiheit!

Das ist natürlich (in den meisten Fällen… ähem) Unsinn!

Die Kollegen aus dem Pop, Rock und Blues hingegen sind zu oft der Überzeugung, dass durch die permanente Analyse und das jahrzehntelange Wiederkäuen der sogenannten Standards das Kernstück des Jazz, die Improvisation, zu einem starren Wiedergeben vorgefertigter Versatzstücke und Skalen verkommen sei. Verstöße gegen die ehernen Improvisationsregeln ahndet angeblich umgehend die Jazzpolizei, welche jeden Musiker total überwacht!

Das ist natürlich (in den meisten Fällen… ähem) ebenso Unsinn!

Da mein Freund und Musikerkollege Martin Eisenmeyer mit mir zusammen erst kürzlich den kleinen aber umtriebigen Verlag HM5 publishing gegründet hat, in welchem wir uns vorrangig dem Vertrieb handgefertigter Analysen populärer Jazzstandards verschrieben haben, ist mit solcherlei Vorurteilen aufzuräumen! Was Ihr nämlich unter

www.cheat-sheets.de

erwerben (und natürlich kostenlos ausprobieren) könnt, sind nämlich keineswegs konkrete Spielanweisungen für Standards des Great American Songbooks, sondern ausschließlich Vorschläge, welche dem noch etwas unerfahrenen Jazzmusiker zumindest einen Zugang zum jeweiligen Song ermöglichen. Das war jetzt der (erste) Werbeteil dieses Beitrags.

Erst neulich kam ein Nachbar (genauer gesagt, der ehemalige Nachbar eines Freundes – nicht zu verwechseln mit dem Nachbarn eines ehemaligen Freundes) auf mich zu, ich möchte ihm bei der Transkription eines Bossa (Abkürzung für Bossa Nova, eine Stilrichtung in der brasilianischen Musik, wird aber auch zum Jazz gerechnet) behilflich sein. Genau genommen hatte er nur den Text und bat mich um das Eintragen der Akkorde in die ausgedruckten Textzeilen. Interessant an dem ganzen Vorgang war allerdings, dass sich dieser Mann zwar wirklich ernsthaft der Interpretation von Jazzstandards widmen, aber keinesfalls auch nur eine Sekunde mit Harmonielehre oder gar Funktionsharmonik befassen wollte. Und DAS, liebe Leser, mögen Genies wie Django Reinhardt, Joe Pass und wie sie alle hießen und heißen, geschafft haben – der Amateurmusiker, der in seiner Freizeit gerne ein paar Jazzstandards zu Gehör bringen möchte, wird dies nur allein auf Gehör und Feeling vertrauend, nicht stemmen können.

Rudimentäre Kenntnisse von Vierklängen und harmonischen Stufen verkomplizieren das Spiel nicht, sie vereinfachen es. Ein möglicherweise komplex anmutender Song wird dadurch in überschaubare und verständliche Einzelteile zerlegt. Etwas vereinfacht ausgedrückt bleibt von einem Jazzstandard nach erfolgter Analyse eigentlich nur eine Abfolge von Akkorden aus unterschiedlichen Tonarten üblich. Wenn es gelingt, selbige für jeden Akkord herauszufinden, spielt man in einem Solo über den ganzen Song zumindest nicht mehr falsch.

In den oben erwähnten Cheat-Sheets machen wir nichts anderes, als eine solche Analyse in übersichtlichem Format auf einem DIN A4 Blatt darzustellen. So wird für jeden schnell ersichtlich, welche harmonischen Wendungen das jeweilige Stück nimmt und was man auf die Schnelle an jeder Stelle (ein Binnenreim!) spielen kann. Nicht: muss.

In meinem Bekanntenkreis gibt es viele Musiker. Profis und Amateure, was keinerlei Wertung über den jeweiligen Menschen beinhaltet, eine reine Feststellung der jeweiligen Profession. Das Problem mit unseren Spickzetteln (das ist die Übersetzung von “Cheat-Sheets”) ist, dass sie ein Profi nicht benötigt, denn er kennt ohnehin ein paar hundert Standards auswendig und hat sich in seiner Karriere schon seit langem ein System ausgesucht, mit dem er unbekannte Songs aufbereitet und in sein Repertoire überführt. Und zugegebenermaßen ähneln sich viele Standards doch sehr, so dass man sich am Ende nur noch einige Abweichungen merken muss (“… wie bei “I Got Rhythm” nur mit xy im Mittelteil… so in der Art etwa). Die Amateure dagegen sind bisweilen von ihrer handwerklichen Fertigkeit nicht in der Lage, auf die Schnelle eine beliebige Tonleiter wohlklingend zu intonieren. Und für das Einüben zu beschäftigt. Oder haben eben einfach keinen Bock drauf.

Daher kommt eine Kritik “Das ist ja keine Musik”, welche insbesondere aus dem zuletzt erwähnten Kreis geäußert wird, immer etwas stereotyp daher. Es ist die alte Leier, dass Menschen gerne über Dinge urteilen, sich aber damit nicht befassen wollen. Ich tappe ja bisweilen selbst in diese Falle, zum Beispiel, wenn ich – was ich aus ebendiesem Grund nicht in der Öffentlichkeit mache – über politische, wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Themen diskutiere. Ich habe zu wenig Ahnung, aber zu viel Meinung. Taugt für den Hausgebrauch, jedoch nicht zur Verbreitung.

Natürlich ist die Angabe einer Basistonart oder der Vorschlag einer Skala keine Musik (ich bin ja nicht bescheuert), aber eine Hilfe zur Analyse oder zur spontanen Improvisation ist es allemal! Ich bin der unumstößlichen Überzeugung, dass man einen Standard ohnehin nur gut und gefällig vortragen kann, wenn man ihn sich gründlich erarbeitet hat und im besten Fall auswendig zu spielen vermag.

Die Cheat-Sheets (jetzt nochmal der obligatorische Werbeblock kurz vor dem Ende)

www.cheat-sheets.de

unterstützen den Jazzmusiker sowohl beim Erarbeiten der Standards wie auch auf der Bühne, wenn es gilt, über einen Song zu solieren, den man eben noch nicht gründlich ausgecheckt hat. Das allerdings wollte man ja ohnehin umgehend tun, oder?

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

2 Kommentare zu „Freiheit oder totale Überwachung?

  1. Lieber Gige – wie immer kann ich Dir in Allem nur vollkommen zustimmen. Nur scheint es mir wirklich an der Zeit, den Mythos des improvisierenden Jazz -Naturgenies zu Grabe zu tragen. Jazz-Improvisation ohne zumindest grundlegende Kenntnisse der Harmonielehre gibt es nicht und gab es nie. Wer’s nicht glaubt, hört vielleicht auf Paco de Lucia, der seine musikalische Ausbildung fern jeder Theorie hatte und das später alles nachlernen musste (die ganze Doku ist übrigens sehr sehenswert)

    Die Cheatsheets sind ein wunderbares Werkzeug, um sich in diesem Thema direkt am musikalischen Objekt anzunähern,

    Gefällt 2 Personen

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