Inside Jazz VII – Jazzworkshop Erlangen 2017

Liebe Leser,

im Moment spiele ich mehr live als dass ich online schreibe. Das mag sich wieder ändern, ist aber derzeit eben so. Deshalb kommt auch dieser eigentlich top-aktuelle Blogbeitrag mal wieder eine Woche zu spät und ist daher semi-top-aktuell.

Nun also kam ich am Sonntag (ähem… vor einer Woche) vom Internationalen Erlanger Jazzworkshop zurück. Und da gibt es ja stets allerhand zu erzählen. Eine ausführliche Beschreibung des Workshops findet sich hier >>>, so dass ich gleich zu den Dingen kommen kann, die mir in diesem Jahr besonders aufgefallen sind.

“Immer wenn ich die Szene wieder sehe, entdecke ich ein neues Detail!” – aus Asterix, Die Odyssee.

Der Workshop 2017 fand zum 37. Mal unter der Leitung des Erlanger Bassisten Rainer Glas statt, zum zweiten Mal in den Räumen der VHS Erlangen, im Egloffstein’schen Palais in der Friedrichstraße. Eine sehr schöne und für die Anforderungen des Workshops gut geeignete Lokation.

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Dozenten waren 2017 Romy Camerun (Gesang), Rainer Glas (Kontra- und Fretless-Bass), Patrick Scales (E-Bass), Helmut Kagerer (Gitarre), Bernhard Pichl (Klavier), Andrey Lobanov (Trompete), Rick Margitza, Joachim Lenhardt und Hubert Winter (alle Saxophon), Jürgen Neudert (Posaune), Harald Rüschenbaum und Christoph Huber (beide Schlagzeug), eine illustre Schar hochkarätiger Musiker. Erstmals in diesem Jahr dabei waren die Saxophonisten Joachim Lenhardt aus Nürnberg und Rick Margitza aus den USA sowie der Regensburger Gitarrist Helmut Kagerer.

Wie erwähnt findet dieser Workshop bereits seit 37 Jahren unter der engagierten, umsichtigen und geduldigen Leitung von Rainer Glas statt und so einige hervorragende Musiker haben in der Osterwoche der vergangenen Jahre ihren letzten Schliff bekommen und sind seitdem erfolgreich als Profi-Musiker unterwegs. Viele Teilnehmer erleben auf dem Jazzworkshop ihr Coming-Out als Jazzer und machen in ihrer musikalischen Entwicklung einen Quantensprung.

Was vielen Unkundigen nicht klar ist: Man fährt nicht nach Erlangen, um hochkarätigen Instrumentalunterricht zu bekommen und fundierte Harmonielehrelektionen zu hören – das gibt es sozusagen als Sahnehäubchen obendrauf, aber eben auch an anderen Orten – man tankt Jazz!

Alle oben genannten Dozenten und die meisten Kursteilnehmer vereint nämlich die Liebe und die Leidenschaft zu dieser Musikrichtung, die wie keine andere auf dem Grat zwischen festem Arrangement und Spontanität oder zwischen verkopfter Theorie und urwüchsiger Spontanität balanciert. Diese krude Mischung macht es aus. Zudem findet sich in dem wilden Potpourri der einzelnen Stile des Jazz für fast jeden Geschmack eine Nische.

Die Aufnahmebedingungen zur Teilnahme am Internationalen Jazzworkshop in Erlangen sind nicht hoch. Rainer Glas fordert in den Anmeldeformularen zwar die Beherrschung einfacher Standards wie “Autumn Leaves” oder “Blue Monk” , aber es geht auch ohne, wenn nur genügend Enthusiasmus und ordentliches musikalisches Handwerkszeug vorhanden ist. Nun gibt es in jedem Jahr einige Kandidaten, die sich gewaltig überschätzen. Ich selbst bin vor 10 Jahren in Erlangen mit der Überzeugung angetreten, 30 Jahre Gitarre in verschiedensten Genres “würden für die verhärmten Jazzer wohl reichen”. Puh, die haben es mir aber gezeigt, die “verhärmten Jazzer”. Dennoch hat man mich, damals in Rainers Combo, mit offenen Armen empfangen und wir haben auf dem Abschlusskonzert mit unserem bunt gemischten Haufen einen durchaus respektablen Auftritt abgeliefert.

“Das Wichtigste ist immer noch, dass du geil abgeliefert hast!” – aus “Fleisch ist mein Gemüse” von Heinz Strunk   

Voraussetzungen für Neulinge sind meines Erachtens die Liebe zur Musik (in diesem Fall zum Jazz), der Wille, Neues zu erlernen und der Respekt vor dem Bandleader, also dem Dozenten, welcher nachweislich ein Meister seines Fachs ist. Und daran hapert es bisweilen.

Neben vielen Talenten finden sich leider auch alljährlich ein paar Fälle, denen beim besten Willen nicht zu helfen ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es in irgendeiner Form auch nur die geringste Form der Einsicht gäbe. Oder wenigstens eine realistische Selbsteinschätzung. Es gibt nämlich gegen falsches Spiel ein patentes Rezept: Finger weg vom Instrument! Nun hat sich aber offensichtlich  in unserer schönen Zeit der Gedanke verbreitet, dass durch die Zahlung eines überschaubaren Geldbetrags jeder unmusikalische Trottel ein Anrecht darauf hätte, mit seinem stümperhaften Spiel in einem Jazzensemble zu glänzen, auch wenn er selbst nicht die geringste Ahnung von Musik hat. Da ja bekanntlich immer die Anderen schuld sind, nimmt man bei Songs, die trotz ihres überschaubaren Schwierigkeitsgrades definitiv die eigenen musikalischen Fähigkeiten überfordern, nicht etwa höflich die Finger von den Tasten, nein, die Welt hat sich um unseren verhinderten Musikus (das Maskulinum steht hier nur zur Vereinfachung des Satzbaus) zu drehen. Wenn schon die Einwürfe vom Klavier zur falschen Zeit, mit den falschen Tönen und selbstverständlich ohne jegliche Form (welche den organisatorischen Ablauf eines Liedes beschreibt, z.B. Strophe-Refrain-Strophe usw. oder z.B. AABA im Jazz) kommen, muss durch die Lautstärke und Eindringlichkeit des Geklimpers zumindest auch der Rest der Band aus dem Song fliegen. Totale Vernichtung. Und dann noch beschweren, wenn es keinem gefällt. Solch impertinenter Egoismus ist mir in den früheren Kursen nicht aufgefallen.

Als Konsequenz wird sich Rainer wohl zukünftig von Workshop-Kandidaten, die von ihrer “klassischen Ausbildung” schwadronieren, mal im Vorfeld ein Ständchen spielen lassen, vorzugsweise einen Jazzstandard, aber wenn es sein muss auch eine Beethoven-Sonate. Wobei solcherlei Audition eigentlich überhaupt nicht sein Ding ist. Wie so oft resultiert also eine stärkere Reglementierung aus Egoismus und Selbstüberschätzung. Ein befreundeter Fahrlehrer brachte es schon vor vielen Jahren etwas überspitzt auf den Punkt:

Wenn die Menschen nicht so egoistisch und dumm wären, hätten wir heute kein einziges Verkehrszeichen!

Das kann man durchaus auf viele Bereiche des Lebens übertragen, eben auch auf einen Jazzworkshop.

Zum Schluss noch eine düstere Gruselgeschichte: Seit vielen Jahren halten sich Gerüchte, dass ab Januar vermummte Schlägerbanden durch den Großraum Erlangen ziehen, um zu später Stunde an uneinsehbaren Orten untalentierte Schlagzeuger zu shanghaien und sie auf den Jazzworkshop verschleppen. Das ist anscheinend kein Gerücht sondern die reine Wahrheit! Anders kann die Aussage eines schlagwerkbedienenden Kursteilnehmers “Eigentlich mag ich gar keinen Jazz” nicht erklärt werden. Jener Geselle, der nach eigenen Angaben in etwa einem halben Dutzend Rockbands seit Jahrzehnten seinen Dienst tut, verblüffte die Bläsersektion seiner Combo, die angesichts des vertrackten Satzes um die Reduzierung des Tempos bei einem Übungsdurchlauf bat, mit der fachkundigen Aussage: “Tempo 100, Tempo 110, Tempo 120 – ist eh alles dasselbe!”

Wer sich derart aufopferungsvoll um die rhythmischen Belange seiner Combo kümmert und dabei noch nicht einmal den Jazz mag, kann nur gegen seinen Willen auf dem Workshop sein. Fußketten oder Ähnliches sind mir allerdings nicht aufgefallen.

Dennoch war der Jazzworkshop 2017 insgesamt ein tolles Ereignis und definitiv ein Höhepunkt in meinem musikalischen Jahr. Insbesondere von den Dozenten Romy Camerun und Helmut Kagerer gab es für mich eine Menge zu lernen (von den anderen erfahrungsgemäß auch, nur deren Stunden habe ich dieses Jahr nicht besucht) und ich freue mich auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!

Wie immer waren die allermeisten Kursteilnehmer sehr nette Menschen und gute Musiker. Die Mutantenquote (Vollpfosten/100 Teilnehmer) lag nur bei etwa 3 Prozent, was weit unter dem üblichen Schnitt in unserer Bevölkerung liegt!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Ein Kommentar zu „Inside Jazz VII – Jazzworkshop Erlangen 2017

  1. Respekt. Wunderbar geschrieben. Leider ist es wohl ein gängiges Problem, das nicht ‚musizierender Musiker‘ immer richtig liegen und alle anderen falsch. Das eigene Ego ist heilig ! Schön das es solche guten Traditionen wie diesen Workshop immer noch gibt !

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