Aktives Nicht-Zuhören

Liebe Leser,

ich bin derzeit auf Reha. Früher hieß solcherlei “Kur”. Ja, genauso fühlt es sich an. Für Uneingeweihte am ehesten vergleichbar mit einem Urlaub in einem sozialistischen Land vor 1989.

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Als Zugabe Rollatoren-Rallyes zur Mahlzeitenausgabe, Schlägereien um halbgare ungesalzene Essensreste, Irrfahrten im Aufzug – alles keine Legenden, sondern bittere Wahrheit!

Doch das Schönste hier sind die Gespräche – eher ein Austausch von gesprochenen Worten – zwischen den Insassen, die man als Unbeteiligter so aufschnappt. Die goldene Regel lautet nämlich offenbar: Höre Deinem Gesprächspartner keinesfalls zu und versuche, nicht ein einziges Wort desselben aktiv aufzunehmen! Solcherlei mag auch im Alltag viel zu oft vorkommen, aber hier in der Kurklinik ist es eklatant. Ich darf beispielhaft an dieser Stelle einen von ungezählten “Dialogen” aus dem Gedächtnis wiedergeben. Wir befinden uns in einer Sitzgruppe aus abgeschabten Kunstledersesseln, in denen die Zeit zwischen zwei Anwendungen überbrückt wird.

Frau1: Ach, es ist schrecklich!

Frau2 bemerkt unangenehm berührt, dass sie angesprochen wurde und nickt zustimmend.

Frau1: Bei mir haben sie vor fünf Tagen die Herzklappe ausgetauscht. Ganz schrecklich!

Frau2: Ja. Ich habe zwei Bypässe.

Frau1: Ach ja. Und hier weiß ja die linke Hand nicht, was die rechte tut. Heute morgen habe ich vor dem Stationszimmer eine geschlagene Stunde gewartet, bis die mir gesagt haben, dass ich zuerst zur Visite muss!

Frau2: Mein Udo ist schon lange tot.

Anmerkung: Diese Zeile ist aus dem genialen Song “Der Spinner” von Nina Hagen. Das musste jetzt sein. Zurück zum Dialog, die letzte Zeile korrigiert:

Frau2: Mein Mann ist vor drei Jahren gestorben und seitdem muss ich allein klarkommen. Und jetzt die Krankheit…

Frau1: Ja, das Essen hier ist wirklich mäßig. Großküche eben.

Frau2: Wenn nur die Schmerzen nicht wären.

Frau1: Wenn ich nachts wenigstens schlafen könnte!

Frau2: Wenn ich nur nicht so viele Tabletten schlucken müsste!

Frau1: Ja. Und ich habe ständig Schmerzen!

Betroffen gestanden sich die Protagonistinnen (natürlich wortlos) ein, dass Frau1 soeben eine Regel des berührungslosen Dialogs verletzt hatte. Sie hatte zumindest ein Wort ihrer Kontrahentin verwendet, wenn sie auch kein “auch” zur endgültigen Verbindung der Gesprächsfragmente hinzugefügt hatte. Die Damen einigten sich auf Unentschieden und gingen ihrer Wege.

Nach zwei Wochen hier darf ich mich durchaus als Fortgeschrittenen in der Disziplin “Aktives Nicht-Zuhören” bezeichnen. Sowas wird ja auf den Unis heute gar nicht mehr gelehrt…

Interessanterweise spielt es nicht die geringste Rolle, ob einer der Teilnehmer solcher Wortwechsel gehörgeschädigt ist oder es gar beide sind!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

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