Inside Jazz V – Das Üben (auf der Leinwand)

Liebe Leser,

wer von sich behaupten kann, er spiele ein Instrument (nein, nur ‘besitzen’ gilt nicht), weiß, was für eine triste und zähe Angelegenheit das Üben sein kann. Spielt man in einer Band oder einem Ensemble, geht die Tristesse dort bisweilen weiter. Nicht immer, aber manchmal eben doch. Und obwohl ich heutzutage gerne engagierten, aber angesichts des gewaltigen Pensums frustrierten Nachwuchsgitarristen mein Motto “Ich musste niemals üben, ich durfte immer spielen” aufdränge, stimmt dies so nicht ganz. In Wahrheit trifft es eher die Aussage von Joe Pass: “Ich muss jetzt nicht mehr üben, ich habe in jungen Jahren genug geübt.” Wobei ‘genug’ für Joe Pass zutreffen mochte, für uns Sterbliche sicher nicht.

Nun ist ja das konzentrierte und regelmäßige Üben am Instrument etwas aus der Mode geraten, seitdem uns Hollywood in Werken wie zum Beispiel ‘Pitch Perfect’ erklärt, dass ein Laptop zum flinken Mixen vorgefertigter Loops und Samples für eine kommerziell einträgliche Karriere als ‚Musikerin‘ vollkommen ausreicht. Die Protagonistin wird übrigens von der Campuswiese weg in eine nach kurzer Zeit landesweit erfolgreiche A-capella-Group aufgenommen, welche komplizierteste Vokalarrangements ohne jegliche Probe in heißen ‘Battles’ gegen konkurrierende Boy- und sonstige Groups zum Besten gibt. Aber sicher doch! Und im (sehr erfolgreichen) Film wurde alles von den Schauspielern höchstpersönlich eingesungen und garantiert ohne den Einsatz von Autotune produziert…

An dieser Stelle in diesem Text versuchte ich aus meiner Erinnerung einen Film über Musiker bzw. Bands zu hervorzukramen, in welchem ernsthaft geprobt oder geübt wird. So wie im wahren Leben, mit Aus-der-Form-Fallen, verhunzten Akkorden, schlampigen Soli, Temposchwankungen, Timingproblemen und all dem unangenehmen Zeug eben. Nicht die Hochglanz-Generalprobe, die man gerne von Kameras für die Ewigkeit festhalten lässt.

Ein paar solcher Musiker- oder Band-Filme habe ich doch schon gesehen, wahrscheinlich noch einige mehr als diese hier im Folgenden ungeordnet und willkürlich aufgereihten: Die Heartbreakers (D, 1982), Bird (USA 1988), Die Commitments (Irland, UK, USA, 1991), Bring on the night (UK 1985), This is Spinal Tap (USA 1984), Fraktus (D, 2012), Still Crazy (UK, 1998), Blues Brothers (USA, 1980), Ray (USA, 2004), Walk the line (USA, D, 2005), The Rose (USA, 1979), 8 Mile (USA, 2002), Sweet and Lowdown (USA, 1999), Chico & Rita (Spanien, UK, 2010), Buena Vista Social Club (D, UK, USA, F, Kuba, 1999) …

Musikfilme, welche nicht eine Band oder einen Musiker als Thema haben (z.B. The Wall, Quadrophenia, Jesus Christ Superstar etc.) sind eben deswegen nicht aufgeführt. Nun ist ja so, dass man in einem Film über Johnny Cash selbigen kaum beim Einüben von Gitarrengriffen zeigen muss – wobei ich wette, er hat derlei auch gemacht. Charlie Parker (Bird) antwortete übrigens (im echten Leben) trocken auf die selten intelligente Frage, wie es käme, dass er so gut spielen könne: “Das liegt möglicherweise daran, dass ich täglich acht bis zwölf Stunden in dieses Horn blase.” Offensichtlich kam auch eines der größten Genies am Saxophon nicht als solches zur Welt.

Aber auch in Filmen wie Die Commitments, Die Heartbreakers oder Still Crazy, in welchen es ja um die Entstehung oder den Werdegang von Bands geht, gibt es keine einzige realistische Probe- oder Übungsszene. Klar, die jugendlichen Protagonisten in Die Heartbreakers proben stilecht im Hinterzimmer einer Gaststätte auf alten Röhrenradios, aber selbst die erste Probe von Freytag, Schmittchen und Hörnchen (Ihr seht schon, ich bin Fan) klingt durchaus ordentlich. Und das ist definitiv unrealistisch!

Offensichtlich schätzen Filmproduzenten und Regisseure das dramatische und bisweilen auch humoristische Potential einer Bandprobe oder Übungseinheit als nicht ausreichend zur Unterhaltung des Publikums ein. Dabei bietet ein Probe-Abend, der sich unter heftigen gegenseitigen Schuldzuweisungen nach dem zehnten verpatzen Einsatz in Recorda me in Missgefallen auflöst, durchaus Stoff für ein Hollywood-Drama…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

6 Kommentare zu „Inside Jazz V – Das Üben (auf der Leinwand)

  1. Wer keine Ahnung von Musik hat, hört sich ne Probe halt keine fünf Minuten an. Wer Ahnung hat, läuft eventuell schon vorher weg. Jetzt übe-spiele ich erst mal irische Tunes bis die Nachbarn wieder ihren Nervenzusammenbruch kriegen. Der kratzig-metallische Sound erfordert halt viel Feinarbeit…

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    1. Klar, Du hast Recht. Dennoch gäben meine Proben der letzten 35 Jahre genug Stoff für mehr als einen Film.
      Die Nachbarn unter Irish Folk setzen – das ist selten. Metal, Techno oder Rap kann ich mir vorstellen… aber irische Tunes? Na dann, hau rein!

      Gefällt 1 Person

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