Das Real Book

Liebe Leser,

wir Jazzer spielen Songs aus dem Realbook (die korrekte Schreibweise ist eigentlich Real Book, was aber blöde Umbrüche zur Folge hat). Oder eigene Kompositionen. Aber am Anfang doch eher Lieder aus dem Realbook (mangels eigener Kompositionen). Und das ist eine feine Sache, denn Musiker aller Herren Länder können zumeist ohne irgendwelche Proben umgehend miteinander musizieren, es sind eben Standards im besten Sinne. Auf den Sheets (Blättern) stehen die Noten der Melodie eines Songs und eine rudimentäre Begleitung, wobei letztere mehr einen Vorschlag zur Güte denn eine verbindliche Vorschrift darstellt. Eine nicht wirklich neue Idee. Bereits im Barock – also etwa ab 1600 – hatte das Konzept des Generalbass durchaus vieles mit der Notation von Jazzstandards auf sogenannten [ich weiß, gemäß Duden et al muss es eigentlich ‘so genannten’ geschrieben werden, aber ich halte die alte Schreibweise für besser] Leadsheets (vereinfachte Notation eines Musikstücks mit Angabe von Melodie, ggf. Text und Akkorden) gemein. Auch schon vor 400 Jahren hat man den Musikern die Begleitung zur Improvisation überlassen, manchmal sogar auf die Angabe der Akkorde verzichtet, welche sich die jeweiligen Musiker aus dem harmonischen Kontext zusammenreimen sollten. Zwar ist das jeweils zugrunde liegende Harmonieverständnis grundlegend verschieden – das habe ich mir soeben angelesen – aber das Notationskonzept ist vergleichbar. Jeder Musikwissenschaftler wird mir solcherlei Behauptung wahrscheinlich um die Ohren hauen, aber zum Verständnis hier unter uns mag es genügen. Ist ja mein Blog. Zudem ist der Wikipedia-Artikel zum Thema Generalbass wahrlich keine leichte Kost…

In den 1970er Jahren transskribierten der Bassist Steve Swallow und der Pianist Paul Bley am Berklee College of Music Hunderte Jazzstandards von Tonaufnahmen. Sicherlich haben viele Studenten beim Abfassen der Leadsheets geholfen oder gar eine größere Anzahl eigenständig erstellt. Und diese Sammlung von Liedern aus dem Great American Songbook war bei den Musikern ein echter Ankommer, so dass sich schnell unzählige schlecht zusammenkopierte Fake- und Realbooks über den Erdball verbreiteten. Lästige Dinge wie das Urheberrecht der Komponisten blieben dabei außen vor. So sind also alle Versionen vor der aktuellen (6) illegal. Das ist aber kein Problem, da ja niemand eines der alten Real- oder gar Fakebooks besitzt…

Wenn immer beim Spiel ein Fehler in den Notenblättern eines der Realbooks (Plural, denn es gibt ja mehrere) auffällt, sind natürlich erst mal die oben erwähnten Studenten schuld, die unmusikalischen Dummbatzen! Nun, zugegeben, die fehlende Zeile in “Desafinado” (im berühmten Realbook V) hat schon so manchen Sessionabend mit (unfreiwilliger) Komik bereichert, insbesondere, wenn ein Teil der Musiker streng vom Blatt der 5., ein anderer Teil vom Blatt der 6. Ausgabe (in welcher der Fehler korrigiert ist) des Realbooks spielt. Was übrigens wieder einmal für die Vermeidung des sklavischen Blattspiels im Jazz spricht. Trotz solcher zugegebenermaßen heftigen Fehler ist dennoch das Realbook V seinem Nachfolger vorzuziehen, worauf ich noch eingehen werde. Nebenbei ist die fehlende Zeile (bzw. das fehlende Wiederholungszeichen) in “Desafinado” im beigelegten Korrekturanhang der fünften Ausgabe aufgeführt. Müsste man nur mal lesen. Was ich selbst auch erst viele Jahre nach Erhalt meines Realbooks getan habe…

Wie schon erwähnt, wurden die Sheets der Jazzstandards beim Anhören von Schallplatten geschrieben, möglicherweise zu Anfang noch als Übungsaufgabe für fleißige Studenten. Das bedeutet, dass den emsigen Autoren keine Originalnotationen der jeweiligen Songs vorlagen. So sind also die Transskriptionen in den älteren Real- oder Fakebooks Abschriften der vom jeweiligen Autor gehörten Tonaufnahmen, mit allen Interpretationen der aufgenommenen Band und bisweilen sogar mit den Fehlern des Solisten. Von Miles Davis wurde beispielsweise einer seiner seltenen Fehler in dem Song Solar im Realbook verewigt, welcher von Generationen unkritischer ‘Bibelfreunde’ (das Realbook wird ja gerne als die Bibel der Jazzer bezeichnet) bis heute gespielt wird. Ich selbst habe mir den ominösen Ton gegen Ende des Songs mühsam antrainiert (suspekt war er mir schon immer, ehrlich!), bis mir meine hochgeschätzte Saxophonistin anlässlich meiner bescheidenen Frage, ob sie denn auch den im Sheet notierten Ton spielen würde, mitteilte, dass dies ja offensichtlich ein Transkriptionsfehler sei, welchen man dann als erfahrener Musiker ja wohl eher nicht spielen sollte. Ach so… äh… ja, wusste ich schon immer… ähem.

Aus der Anekdote habe ich gelernt, dass die Aussage “Wir spielen den Song so, wie er notiert ist” grundsätzlich hinterfragt werden darf. Denn die meisten Jazzstandards sind eben nicht nur einmal korrekt notiert, sondern zumeist mehrfach, und dabei durchaus unterschiedlich und mit mehr oder weniger Fehlern. Meine persönliche Vorgehensweise, welche ich Euch gerne an dieser Stelle unentgeltlich mitteile, ist es, einen Standard, den ich mir erarbeiten möchte, mit den im Realbook 5 (steht er da nicht drin, nehme ich, was ich kriegen kann, notfalls eben nur die Ohren) notierten Noten und Akkorden ‘draufzuschaffen’ und dann erst mein persönliches Arrangement mit Aufnahmen der Meister (oder auch Interpreten der zweiten und dritten Reihe) zu verifizieren und/oder eben zu korrigieren. Das ist bisweilen etwas autistisch, aber zumeist klingen meine Versionen denen meiner Vorbilder durchaus ähnlich. Man kann es also offensichtlich auf diese Weise machen. Nebenbei ist beispielsweise eine Version eines van-Heusen-Klassikers von Frank Sinatra mit Bigband und Streicherensemble kein geeignetes Übungsmaterial…

Warum nun aber das so fehlerbehaftete Realbook 5 und nicht die neuere und überarbeitete 6. Ausgabe? Weil es die Autoren bisweilen zu gut gemeint haben. Ich möchte dies an einem Notationsbeispiel erklären: Stellt Euch eine viertaktige Passage eines Songs vor, in der pro Takt als Melodie jeweils vier Viertelnoten stehen. 16 Noten in vier Takten – einfacher geht’s kaum. Kein Jazz- oder Bluesmusiker wird jemals eine Kette von stumpfen Viertelnoten durch vier Takte spielen. Er wird die Noten je nach Gusto vor- oder nachziehen, was dann erst Musik aus der Tonreihe macht. Schreibt nun wiederum ein fleißiger Zuhörer die jetzt interpretierte Melodie auf ein Notenblatt, sieht die Sache schon ganz anders aus. Wir finden möglicherweise Achtel- oder Sechzehntelnoten, Bindebögen oder gar Triolen. Am Ende – und das ist gar nicht so abwegig – kann dann der ursprüngliche Interpret sein eigenes Spiel nicht mehr nachvollziehen, weil es eben ein gewaltiger Unterschied ist, ob z.B. ein Laid-Back-Spiel aus dem Bauch kommt, oder ob es durch ein Notenblatt vorgegeben ist. Wenn wir uns den oben beschriebenen Fall mit einem notierten Solo von B. B. King vorstellen, welches man dem Meister zur Wiederholung vorgelegt hätte, wird deutlich, was ich meine.

Eklatant ist mir das beim Vergleich der Versionen des schönen Blues Angel Eyes von Matt Dennis aus dem Jahr 1946 aufgefallen. Hier ein Auszug aus der Darstellung im Realbook 5:

Angel_Eyes_alt

Und hier der aus dem Realbook 6:

Angel_Eyes_neu

Hört man sich eine alte Version dieses Songs an (z.B. von Matt Dennis, Ella Fitzgerald oder auch Chet Baker) so ist es immer ein Blues, mal eher flotter, mal eher getragener interpretiert. Wie so oft ist übrigens die Version des schon schwer nuschelnden Chet Baker von 1986 die herzzerreissendste. Auf jeden Fall Blues, triolisch, schleppend. Von daher trifft es die Notation in der fünften Ausgabe des Realbook durchaus, wenn auch die Begleitung vielleicht etwas trist daher kommt. Absurd dagegen die Schreibe im Realbook 6. Eine punktierte Achtelpause und die folgenden drei Noten mit gemeinsamem Balken ist schon von der Darstellung her unglücklich, da man die rhythmische Wiederholung “Punktierte Achtel – Sechzehntel” so nicht auf den ersten Blick bemerkt. Zudem ist eine punktierte Achtel plus Sechzehntel eben nicht triolisch, womit das Thema “Blues” verfehlt wurde. Ich kriege schon Pickel, wenn ich den ersten Takt sehe. Das mag den notenfesteren Kollegen anders gehen, aber für mich ist das Murks und unbrauchbar!

Für meine moralisch aufrechten Mitmusiker empfehle ich folgende Vorgehensweise: Kauft Euch das Realbook in der sechsten Ausgabe, welche frei von Urheberrechtsverletzungen ist und somit den armen Komponisten mal wieder den Einkauf von Lebensmitteln ermöglicht, sperrt es im Safe ein und spielt dann mit dem illegalen und fehlerhaften Realbook 5. Und wenn Ihr alle Erkenntnisse aus der Live-Praxis (oder auch aus dem Unterricht) handschriftlich dort eintragt, werdet Ihr mehr Gewinn und Freude am eigenen Realbook 5.x haben, als an neueren Ausgaben, die Euch solcherlei Arbeit abnehmen wollen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

 

7 Kommentare zu „Das Real Book

  1. Lieber Gige,

    wie immer stimme ich mit dem Tenor Deiner Ausführungen völlig überein. Meines Erachtens sitzt hier allerdings das RealBook 6 zu Unrecht auf der Anklagebank. Zumindest in meiner Version ist die Notation von „Angel Eyes“ mit der im RB5 nahezu identisch. Ein Justizirrtum?

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    1. Lieber Meh-Jazzed-X, aber hallo, tatsächlich ein Justizirrtum! Du hast wie so häufig Recht. Das im Text abgebildete Fragment, an dem sich meine Kritik aufhängt, ist aus dem Real-Book-Ableger „557 Standards“. Ob sich daher die Schmähungen gegen das RB6 aufrecht erhalten lassen, muss an dieser Stelle offen bleiben. Aufgrund meines Altersstarrsinns nehme ich jedoch vor weiteren Recherchen nichts zurück…
      Danke für Deine Mühe!

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      1. Als langjähriger Nutzer beider Versionen würde ich hier doch für Gerechtigkeit zugunsten des RB 6 plädieren. Es ist tatsächlich i.w. das RB5 mit reinem Gewissen und ohne Fehler (und leider auch mit weniger Titeln).

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  2. Für mich schwere Kost, weil ich keinen blassen Schimmer habe, von was du da nun wirklich „geredet“ hast. Aber gelesen habe ich es und fand deinen Artikel auch sehr interessant.
    Und dümmer kann man ja nicht werden, wenn man mal etwas total anderes liest, wo das eigentliche Verständnis fehlt 🙂 🙂

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