Inside Jazz III – Skalen

Liebe Leser,

Skalen zu spielen ist so ziemlich das Schlimmste, was einem Jazzmusiker vorgeworfen werden kann! Skalen: Keine Musik, statisch, unkreativ, böse! Das ist absoluter Tenor unter vielen professionellen (Jazz-)Musikern, die ich kenne. Was zu spielen sei, müsse gehört und am besten auch gesungen werden können. Gut, diese letzteren Feststellungen unterschreibe ich gerne. Denn ein Mensch, der beim Spielen nicht zuhört, kann auch keine Musik erzeugen. Wenn auf einer Session bisweilen Kollegen aus der Form fallen, was dann häufig mit “Falschspiel” diagnostiziert wird (oder “Avantgarde”, wenn’s gut läuft…), liegt es sehr oft daran, dass sie einfach nicht zuhören und deswegen die möglicherweise richtigen Töne einfach nur zur falschen Zeit spielen. Also ist die Fähigkeit zuzuhören unabdingbar für die Erzeugung von Musik. Das darf übrigens auch für den Solo-, also den Allein-Vortrag postuliert werden, denn auch hier gilt es, Kontrolle über den Song zu behalten und sich selbst, zumindest zeitweise, zuzuhören! Zudem ist es zum Auswendiglernen einer Melodie (oder eines Solos) von großem Vorteil, die Melodie zu singen (auch wenn man solcherlei ansonsten nur in der Badewanne vollzieht), denn damit ist sie auch schon im Gedächtnis verankert und kann immer wieder abgerufen werden.

Dennoch ist die allgemeine Diskriminierung der Skalen nicht gerechtfertigt, so dass ich für die armen Dinger hier mal eine Lanze brechen muss! Klar ist das stoische oder statische Herunterspielen einer Tonleiter per se noch keine Musik, aber die passende Skala für einen Songabschnitt ist zumindest ein Anfang. Ein sicherer Bereich, der geeignetes Tonmaterial zur Verfügung stellt. Nebenbei ist festzuhalten, dass ALLE Verfechter des skalenlosen Solospiels selbstverständlich jede gebräuchliche und auch weniger gebräuchliche Tonleiter aus dem Effeff spielen können. Und man geht auch konform in der Ansicht, dass kaum ein Solo jemals live auf der Bühne geboren wird, sondern eher ein spontanes Abrufen und Kombinieren bereits vorgefertigter “Patterns” ist, die man sich im Vorfeld angeeignet hat. Oft durch Ab- und Anhören der großen Vorbilder, aber auch aus … genau: Skalen! Natürlich klingt das Abspielen beispielsweise der C-Dur-Tonleiter von C bis C’ öde, werden aber die Töne bunt gewürfelt und in knackige Riffs gepackt, wird da durchaus Musik draus. Und man ist eben gleich “drin” und muss nicht ungefähr um das Thema herum fabulieren.

Ich halte es für etwas unfair, wenn gute Musiker, die in der Vergangenheit selbst viele Jahre Skalen geübt haben (auch wenn sie es heute mehr als “Spielen zu Langspielplatten”, “Learning by doing auf der Bühne” oder “Aus-Checken von Soli der Vorbilder” bezeichnen), ihren Schülern das Einüben von Skalen madig machen. Zu Verdammen ist natürlich nicht die Tonleiter an sich, denn sie stellt den Tonraum zur Verfügung, in welchem ein Song oder zumindest Teile davon stattfinden, sondern das stumpfe Abspielen einer Skala vom Start- bis zum Zielton. Peter O’Mara fragte einmal einen Studenten, der sich an einer Tonleiter mühte, indem er sie unentwegt auf und ab nudelte, ob er denn solcherlei Tonfolge auch live spielen würde, was dieser natürlich vehement verneinte. Die berechtigte Frage des Meisters darauf: “Warum übst du sie dann auf diese Art?” Das ist natürlich richtig. Allerdings stellt dies wieder nicht die Skala an sich, sondern die Übungsweise in Frage.

Es ist übrigens gang und gäbe, dass im Jazz (und wahrscheinlich nicht nur dort) jeder Ton über den einen Halbton entfernten angesteuert werden darf, wenn dies nur im Durchgang geschieht und am besten nicht auf einer betonten Zählzeit liegt. Und dann wird – schwuppsdiwupps – aus einer Tonleiter mit 8 Tönen eine mit allen 12, was man auch als Chromatik bezeichnet. Ich denke, es ist sehr hilfreich, bei solcherlei Erweiterung oder Verzierung stets genau zu wissen, welcher Ton nun gerade diatonisch (also aus der aktuellen Tonleiter) und welcher eben nur ein Durchgangston ist. Denn wie so oft: Es kommt nur auf die richtige Landung an!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

 

3 Kommentare zu „Inside Jazz III – Skalen

  1. ein schöner und richtiger Text, dem eigentlich nichts hinzuzufügen ist. Vielleicht nur ein Gedanke – nach der Logik der Skalenverächter wäre natürlich auch das Üben von Akkorden und verschiedenen Voicings Teufelswerk, da man auch diese bitteschön intuitiv erahnen und jederzeit spontan kreieren sollte. Ein C∆7 Akkord alleine ist auch noch kein Jazz Comping, solange man denselben nicht an der richtigen Stelle mit einer ansprechenden rhythmischen Phrasierung und evtl. sogar mit einem kleinen C#∆7 Vorhalt spielt, aber ohne die gute Kenntnis von Voicings und Funktion des Akkords wird sich spontan wenig Sinnvolles ergeben.

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  2. Lieber Meh-Jazzed-X,
    schnüff… kaum zu ertragen, so wahr ist es!
    Du hast natürlich recht. Nebenbei haben ja alle Großmeister, die stets die Geschichte vom autodidaktischen Üben durch Abhören von Langspielplatten zum Besten gaben, dann heimlich ihre theoretischen Kenntnisse nachgebessert (z.B. Joe Pass).
    Ich gehe ja auch völlig konform mit der Ansicht, dass Zuhören, Singen und Mitspielen bei Aufnahmen die besten Methoden zum Erlernen von Jazzstandards sind, wollte aber eben mal eine Lanze für das Üben von Skalen und natürlich auch Akkorden brechen.
    Das muss man halt heimlich machen…

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  3. Ha – ein Fest der Einigkeit! Tatsächlich dürfte die Zahl der Jazz-Grössen, die von der Theorie völlig unbeleckte Naturgenies und Wunderkinder sind und waren, ziemlich gegen null tendieren. Hier noch eine steile These zum Thema Skalen und Jazz (eigentlich eine Variation des von Dir oben schon gesagten). Die traditionelle Akkord/Skalentheorie wie sie üblicherweise gelehrt wird, ist tatsächlich nicht die Harmonielehre der Jazz-Improvisation, sondern die der Broadway-Komponisten der Mitte des 20 Jhdts, denen wir den überwiegenden Teil des Jazz Repertoires verdanken. Als solche ist sie jedoch ein wesentlicher Bezugspunkt für jeden Improvisator, d.h. die Improvisation bewegt sich nach gusto teils innerhalb, teils ausserhalb der klassischen Skala. Der Grad der Konformität ist dabei gar nicht so wichtig, wunderschöne Soli können sowohl fast gänzlich innerhalb der klassischen Skalen (Chet Baker!) oder nahezu vollständig ausserhalb (Dave Liebmann!!) stattfinden. Aber es scheint mir kaum möglich, dieses Spiel ohne eine sehr gute Kenntnis (und heimliches Üben) der der Komposition zugrundeliegenden Skalen (und idealerweise auch gut strukturierter Alternativen – d.h. alles zwischen approach notes und symmetrischen Patterns) zu spielen. Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich aber vielleicht hilft doch eine etwas schräge Analogie: Ein Fussballspieler, der genau weiss, welche Wege er bei einem bestimmten Spielzug laufen muss, ist sicher erfolgreicher als einer, der einfach auf dem Platz dem Ball hinterherrennt. Jeder gute Trainer wird deshalb die Spielzüge (=Skalen!!) mit seiner Mannschaft so lange üben, bis sie Fleisch und Blut übergegangen sind. Am erfolgreichsten ist aber wohl der Spieler, der es schafft, sich im entscheidenden Moment innerhalb eines durchdachten Spielzugs dennoch auf überraschende und unvorhersehbare Weise zu bewegen.

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