Mucker

Für jeden Mucker [Mucker oder auch Mukker: Mensch mit Instrument, der live Musik – leider nicht immer Live-Musik – zum Trink- und Tanzvergnügen darbietet] ist das epochale Werk “Fleisch ist mein Gemüse” von Matthias Halfpape vulgo Heinz Strunk die Bibel schlechthin. Sofern er (der Mucker) einen Funken Humor hat. Nun ist vieles in diesem Buch, das den Werdegang des Autors und seine Tätigkeit als Tanzmusiker (Mucker) in den Jahren von 1985 bis 1995 beschreibt, geradezu unerträglich wahr und mag uneingeschränkt auch noch heute gelten. Manches hat sich allerdings verändert. Vor allem wird bei den Mucken nicht mehr hemmungslos geraucht und gesoffen. Schade. Beides ist nämlich inzwischen verpönt und zudem -boten. Ich finde die grammatikalische Konstruktion zur Einsparung von drei Buchstaben so gelungen, dass ich hier noch einen ganzen Satz spendiere, um sie genügend zu würdigen!

Was seit damals blieb, ist das häufig anzutreffende Desinteresse des Publikums an den Musikern, in völliger Missachtung ihrer Leistung. Ob die Besucher nun tanzen oder einfach entspannt sitzen und eine warme Mahlzeit in netter Unterhaltung zu sich nehmen – dass die musikalische Beschallung live von einer Band dargebracht wird, ist den meisten herzlich egal. Wie ich ganz aktuell von einem befreundeten Musiker erfahren durfte, ergeht es den Kollegen aus der Bluesszene bisweilen durchaus ähnlich, wobei diese sich dann zumeist nicht einmal mit einer ordentlichen Gage trösten können. Und hier sind wir schon beim Hauptargument der Vertreter des desinteressierten Publikums. Man solle sich nicht so anstellen, schließlich würde man ja ordentlich bezahlt. Ein Klempner erwarte für die sachgemäße Ausführung seines Jobs ja auch keinen Applaus, gell?

Hier ist zunächst der Begriff “ordentlich” etwas genauer zu betrachten. Sicher, die Summe, die ein Musiker einer guten Tanzband am Ende des Abends für seine Arbeit erhält, kann durchaus erklecklich sein. Allerdings war er summa summarum dann auch etwa 12 Stunden unterwegs. Anfahrt zum Laden der PA, Einladen selbiger, Anfahrt zur Veranstaltung, Ausladen, Parken (nicht trivial!), Aufbau der PA, Soundcheck, weiterer Soundcheck mit allen Teilnehmern diverser Einlagen, Umziehen, Essen (klappt selten ohne Stress), fünf Stunden spielen, Umziehen, Abrechnung, Abbau, Autos holen, Einladen, Rückfahrt, Ausladen der PA, Heimfahrt. Dann ist es zumeist zwölf Stunden später als zum Zeitpunkt der Abfahrt von zuhause. Dass vorher selbstverständlich die tadellos gereinigte Bühnenkleidung und eigene Instrumente (geputzt und frisch besaitet) samt Zubehör bereitgestellt und ins Auto verladen werden müssen, versteht sich von selbst. Wollen wir jetzt nochmal den Stundenlohn für die reine Arbeitszeit rechnen? Denn die Erarbeitung eines Repertoires von mehr als 200 Songs ist prinzipiell Freizeitvergnügen, keinesfalls ernsthafte Beschäftigung!

Bei der ganzen Jammerei sei an dieser Stelle einmal festgehalten, dass es wirklich schön ist, dass sich überhaupt noch Veranstalter zum Engagement einer professionellen Live-Band oder eines Tanz-Orchesters durchringen, wo doch der Markt mit günstigen und günstigsten Ensembles überflutet ist und auch ein studentischer DJ im Nebenberuf die paar Stunden Beschallung liefern könnte (denken zumindest so manche). Ich möchte hier also keinesfalls unsere treuen Auftraggeber schmähen! Danke für das oft schon viele Jahre dauernde Engagement!

Allerdings gibt es ein paar ‘Klassiker’, die mir auch im Jahr 2016 regelmäßig aufstoßen:

Musiker wie auch Equipment werden ab Ankunft am Veranstaltungsort bei manchen Veranstaltern anscheinend zumindest temporär zu deren persönlichem Eigentum. Nicht von ungefähr kann der Begriff Mnygrk aus dem Tofalarischen sowohl mit Musiker, wie auch mit Leibeigener übersetzt werden! Die in mühseliger Arbeit zusammengesparte PA wird selbstverständlich jedem zur Verfügung gestellt, der in irgendeiner Form zum Abend beiträgt, sei es die örtliche Musical-Gruppe (“Wir brauchen 10 Headsets! Wie, habt Ihr nicht dabei?”), die Bauchtanzriege des Seniorenheims oder der ansässige Rock’n-Roll-Klub. Werden Playbacks eingesetzt (also immer), sind die Songs grundsätzlich unsortiert auf mehrere Datenträger verteilt und in meist unüblichen Formaten gespeichert. Kommt dann unser fürsorglicher Mitmusiker, der solcherlei DJ-Dienste natürlich unentgeltlich in seinen Pausen ableisten muss, bei der Bedienung des CD-Players ob der unklaren Ansagen und der verwirrenden Sortierung (“Jetzt kommt Song Nr. 4 auf der CD, die mit TC2818_4x%&K_2 beschriftet ist. Schnell! Äh, nein, es ist Song Nr. 2 auf der TC2818_4x$&K_2…”) mal durcheinander, zieht er umgehend den Zorn aller Beteiligten auf sich. Da die Hausanlage stets ihren Dienst verweigert (oder kein kompetenter Bediener zur Verfügung steht) müssen die zumeist wenig technik-affinen Veranstalter immer über das Funkmikrophon der Band sprechen. Hier gibt es drei Verhaltensweisen, die kein Sprecher jemals auslässt: Zunächst klopft er zum Funktionstest heftig auf das empfindliche Gerät, hält es dann so weit von seinem Mund entfernt, dass sein Sprechen aus physikalischen Gründen keinesfalls verstärkt werden kann und stellt sich dann trotz mehrfacher Warnung direkt vor die Lautsprecher, so dass eine perfekte Rückkopplung das Gebäude erzittern lässt. Probatum est.

Weitere ungeschriebene Regeln: Die Band des Abends macht immer als erstes Soundcheck (da ja alle anderen Künstler die Anlage mitbenutzen dürfen) und hat daher bereits einige Stunden vor Veranstaltungsbeginn vor Ort zu sein. Dennoch ist das Zeitfenster zur Einnahme der vertraglich zugesicherten Mahlzeit meist so klein, dass selbige entweder halbgar (“Schneller ging’s nicht mit der Zubereitung – wir haben ja noch gar nicht auf…”) heruntergeschlungen werden oder schlimmstenfalls entfallen muss (“Essen gibt’s erst ab 20 Uhr!” – “Aber da fangen wir gerade mit dem Spielen an…” – “Tja, Pech.”). Die Band des Abends kann auch erst dann zusammenpacken, wenn die Veranstaltung wirklich und unumstößlich beendet ist, denn die PA zwischen feiernden Gästen zum Saalausgang zu bringen, gehört sich nicht.

Selbstverständlich stehen die Mucker dann trotz aller Widrigkeiten auf die Minute pünktlich, in tadellosem Outfit und stets gut gelaunt auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten. Und zumeist wird – wieder ein Strunk-Zitat – “gut abgeliefert”. Das bedeutet, die Tanzfläche ist während des ganzen Abends gut gefüllt, die Musiker haben das Publikum gut unterhalten und auch etwas zähe Passagen des Abends durch ihr Spiel und ihre Ansagen für die Gäste zu einem schönen Gesamterlebnis gemacht. Da verwundert es einen doch, wenn dann am Ende eines Songs nur ganz spärlicher Applaus erklingt, auch wenn man sich vorher die Seele aus dem Leib gespielt hat. Dass es den Leuten offensichtlich dennoch gefallen hat, kann man daran ersehen, dass während des Abbaus viele der Gäste zum Abschied noch ein Lob hinterlassen und der Veranstalter beim Auszahlen sofort den Vertrag für das nächste Jahr unterschreibt.

Nur während des Tanzvergnügens geht offensichtlich bei vielen Besuchern der kausale Zusammenhang zwischen den hörbaren Wohlklängen und den zeitgleich sichtbar agierenden Musikern verloren. Gibt es allerdings eine Einlage von z.B. einer aufstrebenden Boogie-Woogie-Band (igitt!), wird auch das lausigste Gerumpel wie die Wiederauferstehung von Elvis mit stehenden Ovationen gefeiert. Die Menschen glauben tatsächlich, dass die selben Instrumente eine Viertelstunde später in den Händen der Mucker von alleine spielen, was dann ja wohl keines Applauses würdig wäre.

Ehrlicherweise ist festzuhalten, dass es unter den Muckern tatsächlich einige schwarze Schafe gibt, die einen Abend mit den vom Tyrus (verbreitetes Keyboard des Herstellers Yamaha) abgespielten Midi-Files bestreiten. Die haben dann auch keinen Applaus verdient und sollten mit Speiseresten beworfen und vom Hof gejagt werden [Strunk].

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

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