Tightness

Letzte Woche habe ich die Nürnberger Band “Shiny Gnomes” ob ihrer ‘Tightness’ gelobt. Dabei ist mir aufgefallen, dass es sich möglicherweise lohnt, über diesen Begriff etwas zu sinnieren. So einfach ist die Sache nämlich nicht. Was genau bedeutet es denn, wenn man eine Band als “tight” bezeichnet? Lasst uns zunächst einfach mal die wörtliche Übersetzung aus dem Englischen betrachten. Für ‘Tightness’ ist zu lesen: Dichtheit, Anspannung, Enge, Festigkeit, Knappheit, Straffheit und Undurchlässigkeit. Es ist leicht einzusehen, dass eine Verwendung solcher Worte für einen musikalischen Vortrag durchaus interpretatorischen Raum lässt. Vielleicht ist ‘Tightness’ in ähnlicher Weise eine Voraussetzung für die Qualität einer Rockband, wie es ‘Swing’ für ein Jazzensemble und ‘Groove’ für eine Funkband ist. Da aber die drei genannten Eigenschaften, die alle in irgendeiner Form den “Puls” einer Musikgruppe beschreiben, sowohl kombiniert wie auch separat wirken können, ist es wirklich nur eine sehr unscharfe Erklärung. Das vermeintlich unbedarfte Publikum hat für solche Dinge oft eine feineres Gespür als die vermeintlich erfahrenen Protagonisten. Und ja, die zweimalige Verwendung des Wortes “vermeintlich” ist beabsichtigt und gilt hier als Stilmittel, nicht als Wiederholung.

Meine ersten Erfahrungen mit ‘Tightness’ oder ehrlicherweise mit dem Mangel an selbiger durfte ich Anfang der 1990er Jahre im Tonstudio machen. Es ging um die Einspielung eines Rock-Gitarrensolos für unsere damalige Band. Nach einigen mehr oder weniger gelungenen Soli forderte mich Christian, der Mann am Pult, zu einem weiteren Versuch auf, da er mit meiner Leistung offenbar noch nicht zufrieden war. Ob der schon vorgerückten Stunde leicht gereizt winkte ich lustlos durch die Scheibe ab, verließ den Aufnahmeraum und gesellte mich zu unserem Mischer im Regieraum. “Und das reicht dir?” fragte mich Christian. “Hör dir doch mal die Soli von Nirwana an, der Cobain schrammelt ja auch nur die Akkorde beim Solo durch.” (Anmerkung: Grunge war damals wirklich angesagt!) “Ja,” gab Christian zu “aber sie [ob Nirwana insgesamt oder die Soli von Cobain gemeint waren, blieb offen] sind immer tight! Und das bist du nicht, zumindest nicht bis jetzt.”

Und obwohl mir damals der Begriff ‘tight’ erstmals zu Ohren kam, wusste ich dann beim Anhören der Takes sofort, was er meinte. Die Soli waren nicht falsch, auch in Teilen witzig und interessant, aber irgendwas fehlte. Der Gesamteindruck der Passagen war nicht ‘dicht’, die Sologitarre verschmolz nicht mit den bereits eingespielten Spuren zu einem Stück Musik, das einen Hörer packen würde. Die Soli waren… ja, eben ‘un-tight’.  

Die ‘Tightness’ einer Band oder auch einzelner Stücke ist also eine Eigenschaft, die vor allem bei ihrer Abwesenheit auffallt. Das klingt so tiefsinnig, dass Ihr diesen Lehrsatz gerne ausgedruckt auf Euren Gitarrenkoffer kleben dürft, sofern Ihr mein Copyright darunter malt.

Wahre Geschichte: Ein Freund und Musikerkollege spielte vor ein paar Jahren in einer Jazzkapelle Gitarre. Bei unseren Treffen gaben wir beide gerne ein paar Anekdoten aus unseren jeweiligen Bandprojekten zum Besten. Ihr wisst schon, Musikertratsch und so, Männer halt. Ein stets wiederkehrendes Element der Erzählungen meines Freundes war das Spiel seines damaligen Bassisten. Nennen wir ihn “John”. John hatte flinke Finger, harmonisches Verständnis und einen schicken Fretlessbass, den er filigran und mit ordentlicher Intonation (ein Fallstrick bei den bundlosen Instrumenten, wie ich am eigenen Leib erfahren habe) zu bedienen wusste. Nur sei sein Spiel stets ein bisschen “un-tight” gewesen – mein Freund konnte es gar nicht genauer beschreiben. Aber es störte ihn offensichtlich derart, dass er die Kapelle nach einiger Zeit verließ. Es gab keine größeren Scheidungsschmerzen und mein Freund widmete sich anderen musikalischen Projekten, so dass ich die besagte Band samt dem ‘un-tighten’ John am Bass schnell vergaß. Persönlich habe ich ihn nie kennen gelernt und Aufnahmen waren keine überliefert.

Nun begab es sich aber im Jahr 2013, dass ich mit meiner Gitarre für einige Songs beim Konzert eines Jazzensembles aushalf, das eine befreundete Saxophonistin leitete. Da das Programm der Band nicht abendfüllend war, hatte man noch ein Trio, bestehend aus Gitarre, Bass und Cajón/Perkussion geladen, das in der langen Pause zwischen den beiden Band-Sets spielen sollte. Die drei Musiker spielten Bossa und sonstiges jazziges Latin-Zeugs. Der Gitarrist, ein netter Brite in den mittleren Vierzigern, spielte ausgezeichnet auf seiner Maccaferri und der junge Musikstudent am Schlagwerk brannte ein Rhythmusfeuerwerk auf der durch einige Perkussionsteile aufgemotzten Cajón ab. Nur der Bassist verhinderte meines Erachtens einen totalen musikalischen Genuss. Gut, er hatte flinke Finger, harmonisches Verständnis und einen schicken Fretlessbass, den er filigran und mit ordentlicher Intonation zu bedienen wusste… doch irgendwie war er… wie soll ich sagen… ‘un-tight’. Nach dem Auftritt ging ich zu den Musikern, lobte ihre Performance und fragte auch nach dem Namen des Bassisten. Die Pointe kommt nicht unerwartet. Es war tatsächlich John, besagter Ex-Bassist meines Freundes. Ich habe ihn an seiner fehlenden ‘Tightness’ erkannt.

So kann also eine eher unklar definierte Eigenschaft eines Musikers ein durchaus klares Profil ergeben, wenn er sie nicht besitzt.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

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