Subtiler Widerstand

Individualität und Improvisation! Die essentiellen Bestandteile des Jazz. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, ist das der Hauptgrund, warum wir diese Musik so gerne spielen. Hier sind nun die Bigband-Spieler, die sich partout nicht zu einem Solo überreden lassen und ab einem gewissen Weiß-Anteil in ihrem Sheet Herzklopfen bekommen, ausgenommen. Es ist im Übrigen völlig legitim, seine Erfüllung in der Mitarbeit bei einem großen Klangkörper zu finden und die eigene Kreativität der Interpretation des jeweiligen Arrangements nach Vorgabe des Komponisten, Schreibers oder Bandleaders zu widmen und ggf. auch unterzuordnen. Alle klassischen Musiker tun das. Aber es ist eben nicht MEIN Ding.

Auf einem Workshop war in der Combo, bei der ich als Gitarrist mitwirkte, eine Funk-Nummer zu spielen, genauer gesagt ein wohlbekannter Jazzstandard im Funk-Stil. Da der Funk eine alte Liebe von mir ist – die Scheibe “Mothers Finest Live” war viele Jahre mein absoluter Favorit aus diesem Genre – zauberte ich umgehend ein knackiges Lick aus dem Ärmel, was den meisten meiner Mitmusiker auch recht gut gefiel. Und weil es gerade so schön war, erfand ich gleich noch ein weiteres, so dass im Lauf des recht langen Stückes auch ggf. etwas Abwechslung zur Verfügung stünde. Der Bassist hielt mir allerdings das mehrseitige Sheet unter die Nase und bestand auf der dort akribisch notierten Begleitung. Nun sind mir komplett ausgeschriebene Arrangements im Allgemeinen und eine Schlag für Schlag festgelegte Rhythmusgitarre im Speziellen zuwider, so dass ich Klaus, so hieß der kurpfälzische Tieftonspezialist, von meinen selbstgebackenen Funky-Licks zu überzeugen versuchte. Da biss ich allerdings auf Granit! Der Gitarrist habe (wie auch der Bassist) ausschließlich die notierten Noten bzw. Akkorde zu spielen, und zwar ausnahmslos und durchgehend. Alles andere sei unprofessionell und in keiner Band zu tolerieren. Punkt! Meine gute Stimmung war dahin, ich zog den Schwanz ein und spielte das, was da stand, und zwar ausnahmslos und durchgehend. Leider ging mir dieses Spiel ziemlich schnell auf die Nerven, und zwar ebenso ausnahmslos und durchgehend.

Aus Wut und Verzweiflung habe ich dann den Volume-Regler meiner Gitarre auf Null gedreht und irgendwelchen Mist gespielt, der mir gerade durch den Kopf ging. Ha, dem Klaus habe ich es aber so richtig gegeben! Voll die subtile Verarsche, dabei immer ein Lächeln auf den Lippen und mit dem Fuß gewippt, als ob ich voll ‘grooven’ würde. Und er hat es nicht geschnallt, der Dummbatz!

Dass später mein akkurates und geschmackvolles Spiel bei der Begleitung des Funk besonders gelobt wurde, gibt mir allerdings wirklich zu denken…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

2 Kommentare zu „Subtiler Widerstand

  1. Ja, das tut weh… Die Kläuse dieser Welt machen aus der Kunstform Musik eine Verwaltungsangelegenheit. Man würde sich wünschen, sie suchten sich ein anderes Hobby – zum Beispiel würde sich das Basteln von Modellschiffen im Keller anbieten. Damit würden sie außerhalb ihrer 4 Wände niemanden sonst langweilen. Leider ist es aber wohl so, dass das Gros des Publikums mit handwerklicher, sprich langweiliger Musik gut auskommt. Das sind dann die Leute, die einen Musiker loben, obwohl er gar nicht mitgespielt hat. Manchmal kommt es aber vor, dass im Publikum jemand sitzt, der auf der Bühne eingebrachtes Herzblut erkennt und goutiert. Diese Einzelnen sind es dann, für die manöffentlich spielt.

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    1. Lieber True-Bad-X,
      schön wieder von Dir zu lesen! Ich hatte Dich vermisst.
      Wie immer trifft Dein Kommentar ins Schwarze. Ich muss allerdings zur Ehrenrettung der Kläuse anmerken, dass solcherlei moniertes Verhalten in einer Band, die zum Zweck der Einkommenserzielung besteht, durchaus angebracht sein kann und auch verbreitet ist. Nicht jeder Kollege – den Schuh ziehe ich mir selbst auch an – weiß, ‚wann es gut ist‘, so dass dann ein eigentlich knackiger Song durch zuviel eigene Interpretation und Improvisation verwässert würde.
      Aber dann sind wir eben in einer Situation, wo dem offensichtlich unmündigen Mitspieler der korrekte Umgang mit dem musikalischen Material explizit vorgeschrieben wird – also in der Verwaltung. Quod erat demonstrandum.

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