Wenn man nicht improvisieren kann

Nun hat ja Boxen primär nichts mit Jazz zu tun. Ok, es hat überhaupt nichts mit Jazz zu tun! Dennoch – aus aktuellem Anlass sei hier ein Abschweifen erlaubt. Ich hab mich ja so aufgeregt! Aber ich krieg die Kurve zur Musik bzw. zum Jazz schon, keine Sorge!

Am Samstag hatte ich mich nach langer Zeit mal wieder vor den Ferseher gesetzt, um auf RTL die aktuelle Werbesendung mit Boxeinlagen zu schauen, bei der Wladimir Klitschko einen weiteren namenlosen, wenn auch groß gewachsenen Kontrahenten in den vorzeitigen Ruhestand schicken würde. Stellte ich mir zumindest so vor. Es lief diesmal allerdings etwas anders als erwartet…

Nun bin ich traditionell ein Fan des altehrwürdigen Faustkampfes, als passionierter Nichtsportler und Gewaltverächter allerdings nur vor dem Fernseher. War ich 1971 wohl noch zu klein, um den ersten Kampf Ali – Frazier live vor dem Bildschirm zu verfolgen, durfte ich 1974 das glorreiche Comeback Muhammdad Alis gegen George Foreman beim “Rumble in the Jungle” nebst etwa 300.000.000 anderen Begeisterten rund um den Erdball um etwa 5:00 Uhr MEZ erleben, als Ali nach sieben Runden Verprügelt-Werden in der achten Runde dem ausgepumpten Foreman eine blitzschnelle Kombination ins Gesicht warf, die diesen umgehend zu Boden schickte. Wahnsinn! Und im Vorprogramm der komplett live übertragenen Veranstaltung nicht etwa unendlich langweilige “Countdowns” mit Live-Bildern aus der Umkleide oder noch langweiligeren Interviews mit irgendwelchen C-Promis, Nationalhymnen aller UN-Mitgleider und dem unsäglichen Michael Buffer (“letsget reddi tu ramblllll!!!”), nein, ein Vorkampf mit echten Profi-Boxern, natürlich auch in voller Länge live übertragen. Mein Gott, wie ich solche Veranstaltungen vermisse!

Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich einmal den dritten Teil der Rocky-Saga “Das Auge des Tigers” als Referenz heranziehe, aber wo er Recht hat (der Stallone), hat er Recht. Der Champ Wladimir Klitschko war satt und genoss das bequeme Leben des langjährigen Weltmeisters. Und als der – boxerisch durchaus begrenzte – Tyson Fury ihm dann völlig unchristlich keine einzige Wange hinhielt und sich statt dessen gegen jedes Drehbuch erdreistete, dem Champion ins Gesicht zu schlagen (im deutschen Profiboxen durchaus verpönt!), da fiel dem Wladimir trotz seiner mehr als 60 Profikämpfe währenden Erfahrung rein gar nichts ein. Zurückschlagen wäre aus meiner Sicht eine durchaus erwägenswerte Strategie gewesen. Ihr dürft einwenden, das sage sich von der bequemen Couch aus natürlich leicht, man solle erst mal selbst einem Giganten wie Tyson Fury gegenüber stehen. Jaja, aber das ist nun mal Wladimirs Job, nicht meiner. Zudem stimmten die von mir so geschätzten Legenden der 1970er zwar durchaus in der Feststellung überein, dass es wichtiger sei, nicht getroffen zu werden, als selber zu treffen, haben aber ihre ganzen Kämpfe dadurch gewonnen, dass sie ihre Gegner eben doch entweder öfter oder härter getroffen haben, als sie selbst getroffen wurden. (Das waren jetzt wirklich viele “getroffen”, aber umformuliert trifft es irgendwie nicht den Punkt…)

RTL samt seiner Klitschko-Marketingmaschine war natürlich flexibel wie Beton. Auch als sich ab Runde 6 ein Desaster abzeichnete, hat man zu Beginn jeder Werbeunterbrechung ein Model-Bild von Wladimir eingeblendet, das in starkem Kontrast zum aktuellen bereits ziemlich lädierten Konterfei des (Noch-)Weltmeisters stand.

Hier eine Aufzählung von Personen, denen zwei Dinge gemeinsam sind: Archie Moore, Sonny Liston, Floyd Patterson, Ernie Terrell, Joe Frazier, Jimmy Ellis, Bob Foster, Ken Norton, George Foreman, Leon Spinks, Larry Holmes, Trevor Berbick. Ein Who-is-who der Boxgeschichte. Hat man selbst als Nicht-Fan vielleicht schon einmal gehört. Zum Einen waren alle diese Sportler Box-Weltmeister, und bis auf Archie Moore und Bob Foster, die ihre Titel im Halbschwergewicht errangen, im Schwergewicht. Und außer Trevor Berbick (WBC) allesamt ‘undisputed’, also verbandsübergreifend, so richtig echte Weltmeister. Zum Anderen waren diese herausragenden Sportler auch alle Gegner von Muhammad Ali. Er hat niemals einen Gegner vermieden, sich auch seinen vom Box-Stil her unbequemsten Rivalen Frazier und Norton mehrfach gestellt und hätte sich von den unbestritten härtesten Punchern der 1970er wie George Foreman, Ron Lyle oder Ernie Shavers lieber tot schlagen lassen, als nicht zu versuchen, ihnen die doppelte Menge an Schlägen mitzugeben, wie sie ihm verpasst hatten. In Wladimirs Rekord lesen wir dagegen so klangvolle Namen wie… ach, seht sie Euch bei boxrec.com selber an. Zum Teil durchaus begabte Boxer, aber kein Vergleich zur Riege der Legenden aus Alis Gegnerschaft.

Der große Joe Frazier ließ sich von Foreman in ihrem Kampf 1973 sechsmal (!) zu Boden schlagen und wollte wohl auch dann nicht aufgegeben, hätte der Ringrichter nicht ein Einsehen gehabt (übrigens im deutschen Boxsport des Jahres 2015 unvorstellbar, also die sechs Niederschläge, nicht das Einsehen). Und in seiner epischen Schlacht gegen Ali 1975 beim “Thrilla in Manila” stand er Runde um Runde wieder auf und versuchte sein Äußerstes, den Kontrahenten Ali zu bezwingen, welcher seinerseits durch den permanenten Druck von “Smokin’ Joe” die Grenze seiner Leidensfähigkeit eigentlich längst überschritten hatte. Hätte Fraziers Trainer Futch den Kampf nicht nach Runde 14 abbrechen lassen, wäre der zu diesem Zeitpunkt fast blinde Joe noch eine weitere Runde in den Ring gegangen. Ich habe mir erst kürzlich auf Youtube den kompletten Kampf nach 40 Jahren wieder angesehen und war wieder von der absoluten Hingabe dieser beiden Kämpfer fasziniert. Ja, beide haben einen hohen Preis (ihre Gesundheit) gegeben, aber keiner wird zum Ergreifen des Berufs ‘Boxprofi’ gezwungen und dass es gesündere Sportarten gibt, war auch schon in den 1960ern bekannt. Schaut Euch mal einen 60jährigen Dachdecker mit ramponierten Bandscheiben an – auch andere Berufe gehen auf die Gesundheit!

Wladimir Klitschko dagegen hat, ganz wie es für einen promovierten Sportwissenschaftler gehört, während des Kampfes eine Risikoanalyse durchgeführt: Mit seinem Stil – Jab, Klammern des kleineren (tja, Pech gehabt!) Gegners, Wegdrücken, Jab, Klammern, Wegdrücken usw – war Tyson Fury nicht beizukommen. Statt nun durch verstärkten Einsatz seines durchaus beeindruckenden Jab den Druck auf Fury zu erhöhen und selbigen mit einer krachenden Rechten auszuknocken, dabei natürlich in Gefahr zu laufen, selbst den einen oder anderen Heumacher von Fury zu kassieren, hat er seine Taktik nicht geändert. Kein “Alles oder nichts”, nicht mit wehenden Fahnen untergehen. Vernünftig, aber irgendwie fade. Wie der ganze Kampf, den dann eben der etwas weniger fade Boxer gewonnen hat. Ironischerweise wurde Klitschko vielleicht gerade wegen seiner sehr defensiven Vermeidungstaktik von Fury beim Wegdrücken öfter getroffen als üblich, da dieser offensichtlich Klitschkos frühere Kämpfe genau studiert hatte.

Nachdem ich nun die großen Zeiten des Boxsports ausgiebig besungen und die aktuelle Situation ordentlich geschmäht habe, darf ich die Brücke zum Jazz schlagen: Wenn ein Solist bei allen Auftritten in seinen Improvisationen jedes Risiko meidet, um keinesfalls eine Reputation zu gefährden, wird er dennoch irgendwann verlieren. Vielleicht nicht durch K.o., aber sicherlich nach Punkten. Weil fade. Schade.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

2 Kommentare zu „Wenn man nicht improvisieren kann

  1. Tiefe Einsicht, beeindruckende Kenntnisse der Boxgeschichte obendrein. Der Bezug zum Jazz ist offenkundig und hilfreich – falls mir meine Kollegen demnächst in der Bandprobe wieder Saures geben, weil ich zu viele Jabs setze – Pardon: Achtel spiele, die in die Irre gehen – werde ich mich mit dem Verweis „binnich Klitschko oder was?“ souverän aus der Affaire ziehen können.

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