Wie kann man nur…

…so blöd sein? Ich habe in diesem Blog und an vielen anderen Stellen darauf hingewiesen, dass sogenannte Musikerstammtische zu meiden sind. Und was habe ich getan? Ich bin mal wieder hingefahren! Dass die Betreiber der Lokation, ein Café in einem Nürnberger Vorort, kein wirkliches Interesse an handgemachter Livemusik haben, weiß ich schon seit langem. Aber diesmal würde es bestimmt besser laufen! Könnte ich mir so oder so ähnlich gedacht haben.

Schuld an der ganzen Sache ist Tommy. Tommy hatte irgendwann im Jahr 2012 als Wirt die Kantine eines Kleingartenvereins im Westen von Nürnberg übernommen und dort die ansässigen Senioren heftig aufgemischt. Die wollten eigentlich nur eine täglich wechselnde Mahlzeit zu Mittag und durchgehend frisch gezapftes Bier. Tommy hatte allerdings – geprägt durch seine Jahre als Wirt einer Musikkneipe in der Innenstadt – durchaus eigene Vorstellungen in Sachen Angebot und auch Publikum. Donnerstagabend war jetzt immer Musikerstammtisch. Wer sich berufen fühlte, kam vorbei und spielte einen auf. Ich selbst ging nach der Empfehlung einer befreundeten Flötistin eines schönen Herbstabends erstmalig zum Stammtisch und erkor das GIII sofort zu meinem Stammlokal. Der Donnerstag war von da an ein fest reservierter Termin.

Für dieses spontan entstandene Faible war vor allem die Person des Wirts verantwortlich. Tommy liebte die Musik im Allgemeinen und die handgemachte, akustische, spontane im Speziellen. Und für die Interpreten hatte er selbst im volltrunkenen Zustand immer Wertschätzung und Zuspruch, meist auch ein oder mehrere Freigetränke, ungeachtet der musikalischen Fähigkeiten seiner Musiker. Es war ihm tatsächlich jeder Gast willkommen, sofern er sich an die allgemeinen Regeln des Anstands hielt. Des öfteren wurde spontan aus der offenen Kneipe ein Veranstaltungsort mit geschlossener Gesellschaft, so dass nach der umgehenden Verteilung von Aschenbechern wie in den seligen 1980ern hemmungslos geraucht, gesoffen und eben musiziert wurde. Die heimischen Rentner und Gartenbesitzer blieben häufig den Abend über sitzen, lauschten mehr oder weniger andächtig den gebotenen Klängen und gaben ihrem bevorzugten Musiker den einen oder anderen Schnaps aus. So kannte man das aus der Jugend und so kam es auch bei uns (etwas jüngeren) Musikern durchaus gut an.

Tommys Engagement war aufreibend und kostenintensiv. Außerdem war er einfach zu häufig sein bester Gast. Nach etwa zwei Jahren musste er aufgeben und seine vormalige Köchin übernahm die Kantine und führt sie heute noch durchaus erfolgreich. “Ihr könnt gerne wiederkommen und dürft auch spielen, wenn ihr wollt. Ich habe da nix dagegen!” schärfte uns Musikern die neue Wirtin ein. Und genau da liegt der Hund begraben.

Ich will nicht spielen “dürfen”! Wenn Ihr mich hören wollt, sagt es mir deutlich, lasst es mich spüren oder bezahlt mich wenigstens anständig!

Hierin liegt nämlich das Problem bei dem eingangs genannten Café, in welches zu fahren ich mich wieder überreden ließ. Es geht ausschließlich darum, den Laden voll zu kriegen und möglichst viele Getränke oder dergleichen an die Frau/den Mann zu kriegen. Aus Sicht der Betreiber ja durchaus verständlich, sonst geht man pleite. Aber erzählt bitte nicht, dass Ihr Euch darüber freut, donnerstags akustische Livemusik im Haus zu haben. Gespielt werden muss aus Gründen des Lärmschutzes im Lokal, wo es an besagtem Donnerstag lässige 40 Grad Celsius hatte und die Kühltruhe für das Speiseeis hemmungslos vor sich hindröhnte. Eine von einem engagierten Gast eilig herbeigeschaffte mobile Klimaanlage verbesserte zwar die temperaturliche Situation, verschärfte aber naturgemäß die akustische. Nebenbei hatte die Chefin einen Cocktail zum Drink des Abends erkoren, der sich nur unter Zumischung großer Mengen gestoßenen Eises zubereiten ließ, welches im ohrenbetäubenden Mini-Mixer nahezu ohne Unterlass hergestellt wurde. Da mein ortsansässiger Freund und Musikerkollege in derlei Dingen völlig schmerzbefreit ist, begann er fröhlich, einen seiner Songs zum Besten zu geben. Eine Kakophonie des Grauens! Obwohl er ein guter und lauter Sänger ist, hatte er gegen den Umgebungslärm nicht den Hauch einer Chance. Und wäre dies alles nicht genug, erklang weiterhin aus den Boxen der Beschallungsanlage der übliche Popbrei, der ja heutzutage offensichtlich überall mit Inbetriebnahme eines beliebigen Elektrogeräts zu erschallen beginnt.

“Die werden das schon noch ausschalten.” war die Antwort meines Freundes auf mein Gemosere, dass man es wohl nicht einmal für nötig befände, die Musik abzustellen. Keiner der drei (oder waren es gar vier?) Thekenkräfte betätigte den Aus-Knopf. Sie haben die Livemusik gar nicht registriert. Sitzt wahrscheinlich öfter mal ein Kerl mit Gitarre einfach so im Café und bewegt Mund und Hände …

‘Ich hab sie doch nicht mehr alle und lasse mich hier verarschen!’ Ich ging zur Toilette, um dem Personal oder irgend jemanden noch ein paar Minuten zu geben, doch wenigstens die Hintergrundmusik abzustellen. Das Gesamtbild und die Geräuschkulisse bei meiner Rückkehr war derart fürchterlich, dass ich schleunigst bezahlte und den Ort des Grauens auf Nimmerwiedersehen verließ.

Naja, ich hatte meine Zigaretten liegen lassen und musste daher (wie peinlich) doch nochmal das Lokal durchqueren. Aber dann: Abschied auf ewig! Sayonara! Ihr könnt mich mal! Und in solchen Sachen bin ich konsequent. Außer es liegen triftige Gründe vor, inkonsequent zu sein. Oder sonst was…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer Gige

4 Kommentare zu „Wie kann man nur…

  1. Zugegeben, ich war nie ein Freund musikalischer Streichelzoos wie Musikerstammtischen und Wirtshaussessions. Eben aus den oben genannten Gründen. Früher jedoch bot die – gerade im Zuge der Soziokultur – besonders lebendige Kleinkunstszene sowohl dem Berufs- wie Gelegenheitsmusikanten Podien, um sein mehr oder weniger vorhandenes Talent einem interessierten Publikum vorzustellen. Die Kleinkunstszene in DIESER Form gibt es jedoch nicht mehr. Die Hörgewohnheiten sind oberflächlicher geworden, Musik wird zwar in einer Menge konsumiert wie nie zuvor, wer aber glaubt, dass sich auch nur ein Bruchteil der Hörer mit der gleichen Leidenschaftlichkeit mit Musik beschäftigt wie die MusikerInnen, der irrt! Musik ist heute mehr denn je ein ornamentaler Bestandteil von Events, nicht aber das Subjekt des Interesses selbst. Als Kunst wird Musik nur von ganz wenigen wahrgenommen. Zu wenigen, um damit Zuhörerreihen zu füllen…
    Nur am Rande sei – vielleicht als Trost – folgendes angemerkt:
    In einer „Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts“ habe ich gelesen, dass sich die im Rahmen musikalischer Salons aufführenden Musiker heftig beschwerten über das Publikum, die nach Meinung der Musiker nur zum Kartenspielen, Rauchen und Saufen gekommen seien. Der Musikvortrag sei von den lauten Unterhaltungen der sich einen Kehricht um die Musik kümmernden Anwesenden jederzeit übertönt worden. Wie sich doch alles wiederholt…

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  2. Lieber True-bad-x,
    sehr treffend kommentiert! Vielen Dank! Das Thema ‚Events‘ steht übrigens ganz oben auf meiner Agenda.
    Bezüglich des Berichts aus den Salons des 18. Jahrhunderts (es tut immer gut zu wissen, nicht der Einzige zu sein!) fallen mir spontan auch sehr ähnliche Geschichten aus den Juke-Joints der 1930er Jahre ein. Stimmt, wie sich doch alles wiederholt…

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  3. Bleib doch da woher du kommst…. Du meinst, dass du der größte Musiker der Erde bist und bist in Wirklichkeit schlimmer als der Typ aus der Snickers Werbung (die Diva).

    Ein Stammtisch ist freiwillig und wenn man freiwillig erscheint, muss man damit leben können, dass es Nebengeräusche gibt. Der Laden wurde neu übernommen und es ist Stress genug, wenn alles voll ist, es jedem recht zu machen.

    Gerade als „professioneller Musiker“ sollte man seinen Mund aufmachen können, wenn einem die Musik stört, wenn man privat Musik machen möchte.

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    1. Lieber Jordan,
      kein Problem, ich bleibe da, wo ich herkomme. Für den „größten Musiker“ halte ich mich nicht und habe ich mich auch nie gehalten. Steht hier auch nirgends. Und weitere Schmähungen werde ich mir nicht anhören.
      Kommentare, die mich oder andere persönlich angreifen, werden zukünftig nicht mehr freigeschaltet. Es ist eben MEIN Blog.
      In diesem Sinne – gute Nacht!

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