PC Players

Ein Wortspiel, gell?

Nun habe ich ja selbst meine bekanntermaßen ungeheuer erfolgreiche musikalische Karriere Mitte der 1970er Jahre auf den kalten Marmorplatten meiner Heimatkirche in der Vorstadt begonnen. Und das war gut so. Nur die Gottesdienstbesucher unserer katholischen Gemeinde waren diszipliniert genug, mein damaliges Gestümper auf der Gitarre klaglos hinzunehmen. So einige der Anwesenden hatten schon zwei Weltkriege überstanden, die waren auch von den seinerzeit ungewohnten Klängen der dilettantisch dargebotenen “Beatmusik” (der übliche seichte Sakro-Pop der frühen 70er) nicht zu erschüttern.

Bei den häufigen sogenannten Jugendmessen konnte ich von den zumeist erfahrenen Musikerkollegen viel lernen. Schnell galt es allerdings, die Spreu vom Weizen zu trennen. Da waren junge Instrumentalisten, die wie ich erste Live-Erfahrungen sammeln wollten und dies in der behüteten Atmosphäre eines Gotteshauses. Da gab es die erfahrenen Musiker, die schon längst mindestens einer semiprofessionellen Karriere verpflichtet waren und nur mitspielten, weil ihre in der Siedlung verbliebenen alten Eltern dies als Gegenleistung für den traditionellen Sonntagsbraten (in Nürnberg stets “mit vier Glöß” – wichtige Zusatzinformation!) einforderten. Und da waren noch die, die man nicht wegschicken durfte, weil wir ja eine christliche Gemeinschaft waren und die Betroffenen sich in der Pfarrei in irgendeiner Form überdurchschnittlich engagierten. Obwohl sie ihre Instrumente nicht spielen konnten und kaum den geringsten musikalischen Ansprüchen entsprachen.

Und um diese Künstler (?) soll es mir in diesem Blogbeitrag gehen. Denn ich treffe sie bisweilen heute noch. Offensichtlich sind sie in den vergangenen Jahrzehnten untergetaucht und haben sich in unterschiedlichsten Biotopen festgezuzzelt, wie gemeinnützigen Vereinen, kirchlichen oder integrativen Einrichtungen oder dubiosen Aktivistengruppen (gerne irgendwas für Afrika). Sie spielen so schlecht wie einst. Manche Dinge ändern sich eben nie. Dennoch sind sie unangreifbar, denn ihr Spiel und Handeln dient ja stets einem hehren Zweck. Hier gilt es, eine unterdrückte Volksgruppe moralisch oder auch finanziell zu unterstützen, dort harren verschüchterte Erdbebenopfer der musikalischen Hilfe. Mal sind es Kinder mit oder ohne Behinderung, mal Senioren, Katholiken, Alleinerziehende, rechtsdrehende Milchsäuren oder andere Randgruppen, die auf einer der zahlreichen Benefizveranstaltungen supportet werden. Die Anlässe sind selbstverständlich über jede Kritik erhaben. Sind sie? Jaja, doch, ehrlich! Leider gilt dies aus Gründen der Political Correctness (PC) ebenso für die Protagonisten. Nun ist die Teilnahme an Wohltätigkeitsveranstaltungen, Gottesdiensten oder die Mitwirkung an Projekten mit oder für Kinder etc. nichts Ehrenrühriges, im Gegenteil! Ich selbst bin meiner katholischen Gemeinde für meine schönen Jugendjahre zu großem Dank verpflichtet und wirke aus diesem Grund noch heute bei mancher Messe musikalisch mit, wenn das Ensemble ansonsten nicht komplett wäre.

Spielt sich aber die musikalische Karriere ausschließlich in den behüteten Regionen karitativer Einrichtungen ab, bekommt die Sache ein ‘Gschmäckle’. Entzieht sich der Künstler einer ggf. geharnischten Reaktion des Publikums auf seine Darbietung? Reicht es mit der musikalischen Befähigung nur für die Untermalung des vorweihnachtlichen Hirtenspiels oder die Mitwirkung am x-ten Vorstadt-Kinder-Musical? Nun genießen ja die minderjährigen Musiker solch ergreifender Darbietungen Welpenschutz (wobei man schon so manche Flöte auf den Köpfen der unmusikalischen Plagen oder besser auf dem ihrer restlos entzückten Erzeuger zertrümmern möchte), aber die sogenannten ‘Betreuer’ bringen mich nahezu immer auf die Palme. Wenn es für die lokale Rockband nicht gereicht hat, sei’s drum, die Nachwuchsabteilung der Zweitbesetzung der Reserveband von St. Irgendwo hat seit Jahren auf die kompetente Unterstützung unseres inzwischen in den mittleren Fünfzigern angelangten Dilettanten gewartet. Ganz sicher! Und am großen Tag – ein Anlass wird sich schon finden –  werden dann die Ergebnisse monatelanger Vorbereitung einem unkritischen Publikum (“Er/Sie macht das alles unentgeltlich in der spärlichen Freizeit! Also sei mal nicht so pingelig!”) mit großem Tamtam präsentiert, wobei der armselige Vortrag zumeist nur durch die stümperhafte Organisation übertroffen wird. Und da lässt sich der große Organisator und Macher dann nicht lange bitten und zeigt seinen erschöpften Schutzbefohlenen nach deren Vortrag in der flugs eingefügten Solodarbietung, wie man es richtig macht. Erbärmlich. Von der Bühne prügeln sollte man den Wichtigtuer, aus dessen Saxophon (nur ein Beispiel, gilt inhaltlich für alle Instrumente) mehr Speichel als Wohlklang tropft. Aber das ist ja aus genannten Gründen verboten…

Perfektioniert wird die Livemusikkuschelmaschine, wenn man sich sowohl für Ensemble wie auch für das Publikum aus der selben Gruppe bedient. Also auf der Seite der Protagonisten zumindest irgendwas wie einen Alibi-Chor oder ähnliches. So spielen dann Kinder für Kinder, Behinderte für Behinderte, Alleinerziehende für Alleinerziehende usw. Niemals wird ein böses Wort zwischen Bühne und Auditorium fallen, denn “wir sitzen ja alle im gleichen Boot!”

Man sollte sein Publikum übrigens nie unterschätzen! Im legendären BUNI in Nürnberg (der schöne Name entstand einfach aus der Zusammenlegung der Worte “Behinderte Und NIchtbehinderte”, was aus PC-Gründen heutzutage völlig undenkbar wäre. Wahrscheinlich muss es demnächst in MMHUMOH umbenannt werden…) zeigen die (nahezu ausschließlich behinderten) Zuhörer gegenüber professionellen Betroffenheitsmusikern durchaus ehrliche und herrlich unverkrampfte Abwehrreaktionen: Applausverweigerung, hörbares Murren oder – genial – stilles Weinen bei dauerhafter Trauerbeschallung. Die Behinderten, die sich ihrer Handicaps durchaus bewusst sind und wirklich entspannt damit umgehen, haben ein feines Gespür für Mitleids-Maschen-Mukker und lassen selbige gnadenlos abblitzen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer Gige

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s