Lasst uns über Geld reden

“Ihr spielt doch hauptsächlich, weil es euch Spaß macht!” Ach ja…

Ein kleines Experiment zum Einstieg: Bietet doch mal dem Klempner Eures Vertrauens folgenden Deal an: Falls er die Sanitärinstallation bei Euch zu Hause erfolgreich repariert, stellt Ihr ihm einen Folgeauftrag in Aussicht, allerdings zu einem reduzierten Stundensatz. Das klingt so absurd, dass es als Comic durchginge. Ging es übrigens auch…

Dennoch sind solche Angebote in der Livemusik gang und gäbe! Lustig, oder?

Tapfere motivierte Jungmusiker, an Hoch- oder zumindest Musikschulen hervorragend ausgebildet, die sich mit handgemachtem Pop, Folk oder Jazz um die Gunst der letzten aufrechten Veranstalter bemühen, welche noch bereit sind, Gagen zu bezahlen, unterbieten sich gegenseitig bei ihren Honorarforderungen, um “einen Fuß in die Tür zu kriegen”. Mit Mitte Dreißig stellen sie dann fest, dass die Empfehlungen aus den drittklassigen Kneipen nur die Türen zu weiteren drittklassigen Kneipen geöffnet haben und die dabei erspielten Gelder nicht mal zur Instandhaltung des Equipments reichen. Der “Musikerstammtisch” oder die “Jamsession”, bei denen lokale Künstler das Kneipenpublikum einen Abend lang für lau unterhalten, haben Konjunktur. Und der Spruch „Da musst du Geld mitbringen, um auf die Bühne zu kommen!“ ist in den trendsetzenden USA schon längst Realität. Da es bei den mir bekannten Musikerstammtischen üblich ist, seine Zeche komplett selbst zu bezahlen, gilt die Mitnahmepflicht von Barem somit auch bei uns. Drum gehe ich auch so gerne hin…

Das Prinzip des günstigen oder gar kostenlosen Auftritts, um potentielle Fans oder vielleicht den berüchtigten Plattenvertrag zu ergattern, ist nicht neu. Dennoch gibt es einen Unterschied zu früher: War ein Vertrag bei einem Major-Label in den 1970ern und 1980ern noch ein Herzenswunsch, der bei Erfüllung zumindest für die folgenden Jahre ein Auskommen versprach, so ist dies heutzutage nahezu ausgeschlossen! Eine einflussreiche Plattenfirma (oder wie auch immer das heute heißt) kann zwar den Markt mit den Produkten ihres protegierten Künstlers und der zugehörigen Werbung fluten, aber verschafft das diesem wirklich ein Ein- oder gar Auskommen? Wenn beispielsweise 10.000.000 Menschen ein Youtube-Video anklicken, erzeugt diese gewaltige Zahl allein noch keinen Geldregen, denn ein Ertrag kommt nur durch von Youtube/Google (YT/G) vorgeschaltete oder platzierte Werbung. Knapp die Hälfte der Werbeeinnahmen bleibt bei YT/G. Es mag die Faustformel gelten: 1000 Klicks = 1 EUR. Wobei ich hierbei nicht weiß, ob nur ein komplettes Betrachten des Werbevideos gezählt wird, oder ob ein kurzer Klick zur Zählung genügt. Egal, ist ja auch Off-Topic. 10.000.000 Klicks ergeben somit also etwa 10.000 EUR für den Rechteinhaber des Videos – vor Steuer! Ein mühseliges Geschäft, zudem der Musiker in Händen einer Produktionsfirma ja nicht automatisch der Besitzer des Videos ist.

Also müsste man Tonträger verkaufen oder zumindest viele kostenpflichtige Downloads seiner Musik generieren. Ja, schön, es kauft nur keiner mehr CDs. Siehe hierzu auch meinen letzten Blogeintrag. Die Kids können ja zumeist einen CD-Player gar nicht mehr bedienen, sondern saugen sich die Musik stets nur noch aus dem Netz. Mangels (gedecktem) Konto zumeist gebührenfrei aus dubiosen Quellen direkt in die implantierten Ohrstöpsel. CD-Käufer sind aussterbende Dinosaurier.

So ist die aktuelle Doktrin entstanden, dass das Geld vom Musiker also durch Live-Auftritte verdient werden muss. Aber jetzt sind wir wieder bei dem Thema “Wertschätzung” angelangt.

Lasst uns doch mal ein bisschen rechnen: Um einem Musiker 200 Euro bezahlen zu können, was zwar bei drei bis vier Stunden Anwesenheit nach einem vernünftigen Stundenlohn klingt, aber jahrzehntelanges Üben, An- und Abfahrt, Kosten für Equipment und die Seltenheit solcher Gelegenheiten außer Acht lässt, muss der Veranstalter also mindestens diesen Betrag mehr als im Normalbetrieb einnehmen. Einen potentiellen Werbeeffekt für sein (möglicherweise ohnehin gut besetztes) Lokal wird er, anders als die immer etwas naiven Musiker, die in jeder Sparmaßnahme eine Chance sehen, nicht in seine betriebswirtschaftliche Kalkulation einrechnen. Eher schon die für kleine Lokalitäten schmerzhafte GEMA-Gebühr. Falls es sich nicht um ein ebenfalls vom Aussterbenden bedrohtes Exemplar eines Idealisten handelt, der eben auf Livemusik steht und sich das auch leisten kann und will, stellt sich für ihn die Frage, woher dieses Geld kommen soll. Eintritt verlangen wäre ein probates Mittel, ist aber beim vergnügungssüchtigen doch zugleich knausrigen Publikum verpönt. “Dann kommt keiner!” ist ein gerne genanntes Argument gegen Eintritt. Ein kleiner Live-Zuschlag für Getränke wird von Vielen aus dem gleichen Grund abgelehnt. Menschen, die ohne mit der Wimper zu zucken 80 Euro oder mehr für ein Live-Event mit einem abgetakelten und demotivierten Superstar hinblättern, müssen das Geld dann eben beim nächsten Kneipenbesuch wieder hereinholen. Durch die inzwischen weit verbreitete Hutsammlung sollen letztendlich doch ein paar Kröten für den Hungerleider auf der Bühne zusammengekratzt werden. Das grenzt m. E. an Bettelei in der Fußgängerzone. Es ist zum Haareraufen! Sofern man noch welche hätte…

Was also ist zu tun? Nun, wenn wie bereits beschrieben die Menschen zwar offensichtlich ein Grundbedürfnis nach musikalischer Versorgung haben, andererseits aber nicht bereit sind, für selbige auch in irgendeiner Form zu bezahlen, dann muss dies eben durch staatliche oder private Förderung geschehen. Finanziert durch eine Art Musik-Umlage auf diverse Produkte oder Dienstleistungen (Alkohol, Luxus- und Wellness-Produkte, eben alles, was ohne Musik nicht wirklich funktioniert). Und natürlich durch Sponsoren. Jazz-Standards im Red-Bull-T-Shirt? Aber ja, wer wird denn so pingelig sein? Klar, eine umfassende Förderung wäre ein gigantischer organisatorischer und bürokratischer Aufwand, es gäbe mannigfache Ungerechtigkeit (“Warum kriegt der x EUR und ich bloß y?”) und klingt irgendwie nach DDR, aber läuft es jetzt besser?

Die Alternative: Man könnte es drangeben mit der öffentlichen Musik, dann sollen die mal sehen, wie lange die Ohren und das Gemüt den Einheitspopbrei aushalten, der aus dem Äther bzw. Web quillt! Aber keine Sorge, es gibt ja immer jemand, der “spielt, weil es ihm Spaß macht” oder weil er “den Fuß in die Türe kriegen will”.

Dass die paar, die es trotz der beschriebenen Schwierigkeiten ganz nach oben geschafft haben und von ihrer Musik gut leben können, dies nur zum Teil ihrem Fleiß und (zu einem noch kleineren Teil) ihren musikalischen Fähigkeiten verdanken, sei hier nur am Rande erwähnt.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer Gige

Ein Kommentar zu „Lasst uns über Geld reden

  1. Sehr wahrer und bissiger Beitrag zum Thema Lifemusik. Sehe das genauso, obwohl ich aus besagter junger Generation stamme, die man nur noch mit Stöpsel im Ohr findet. Vielleicht fühlt sich der ein oder andere ja angesprochen:)
    Ist meiner Meinung ,ungeachtet, dass ein familiäres Verhältnis zwischen dem Autor und mir besteht. Mach also so weiter, liest sich super
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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